Die Zeit vor Penicillin und Narkotika

Die Charité von Ulrike Schweikert

Die Charité in Berlin ist das älteste und größte Krankenhaus Berlins. Schon immer wurde hier nach Ursachen für Krankheiten geforscht und bekannte Größen der Wissenschaft gaben hier ihr Wissen an die Studenten der Medizin weiter. Virchow, Hufeland und Koch sind nur einige davon. 1831, das Jahr, in dem Ulrike Schweikert ihre Trilogie um das ehemalige Pesthaus und Lazarett beginnen lässt, breitet sich gerade die Cholera in Berlin aus. Die Ärzte sind noch ahnungslos, wodurch sich die Seuche vor allem in den Armenvierteln am Wasser verbreitet. Dort wohnt die Hebamme Martha Vogelsang mit ihrem Sohn August. Sie ist es auch, die Dr. Johann Friedrich Dieffenbach zu Hilfe ruft, als ein Schiffer plötzlich hohes Fieber bekommt. Als als zweiter dirigierender Chirurg der Charité widmet er sich der Prävention und Heilung von Krankheiten.

Charité ist aber auch das französische Wort für Nächstenliebe und Barmherzigkeit. Diesen Aspekt deckt die Figur der Krankenwärterin Elisabeth ab. Nachdem ihre Schwester während der Entbindung stirbt, beginnt sie ihren Dienst in der Charité. Schlecht bezahlt meistert sie täglich mit Hingabe die kräftezehrende Tätigkeit. Die ehrgeizige junge Frau interessiert sich für Medizin und folgt aufmerksam den Vorträgen der Professoren. Bald hat sie ihr Wissen vergrößert und erlaubt sich Wiederspruch gegen manche Anweisungen der Ärzte. Damit weckt sie aber auch das Interesse des noch in der Ausbildung befindlichen Militärarztes Alexander Heydecker.

Der Auftakt einer Trilogie um das Krankenhaus Charité trägt den Untertitel Hoffnung und Schicksal. Die Medizin stand kurz vor großartigen Entdeckungen von lebensverlängernden Therapien. Dieffenbach war dabei Vorreiter für plastische Chirurgie. Diese Entwicklung wird in diesem Roman ideal mit seinem Privatleben verbunden, das keineswegs so hürdenlos war, wie man vielleicht annehmen könnte. Erst in seiner dritten Ehe fand er das Familienleben, das er als Ausgleich zu seinem Berufsleben benötigte. Diese reale Biografie bildet den Hintergrund zu den fiktiven Handlungssträngen um Martha und Elisabeth, deren Schicksal ebenfalls nicht immer hoffnungsvoll ist.

Gesellschaftsstudie in den Klassen

Die handelnden Personen wurden so ausgewählt, dass die Szenen nicht Überfrachtet werden und es übersichtlich bleibt. Martha steht für eine alleinerziehende Mutter, die durch ihren Beruf das Überleben ihres Kindes sichern muss. Die sozialen Unterschiede werden durch die höhergestellten Familien deutlich. Seinerzeit herrschte eine viergeteilte Klassengesellschaft, in der es Frauen nicht gestattet wurde, sich in einem Studium ausbilden zu lassen. Elisabeth verkörpert die wissbegierige Frau, die sich dem wiedersetzt und unverhofft Hilfe von der Gräfin Ludovica erhält. Sie ist ebenfalls der Fantasie entsprungen, handelt jedoch so plausibel, dass die eingeleiteten Schritte glaubhaft werden. Ihr Einfluss auf Geldgeber linderte gerade in der Unterschicht das Leid. Alle zusammen bilden in geringer Anzahl die damals bestehende Ordnung ab.

Ich habe diesen historischen Roman gern gelesen und empfehle ihn unbedingt weiter. Das Ende lässt hoffen, dass wir noch weiteres von Elisabeth und dem jungen Dr. Heydecker lesen werden. Diese beschriebenen fünf Jahre haben mich den Charakteren so nah kommen lassen, dass meine Neugier auf ihr weiteres Leben geweckt wurde. Abgesehen davon begannen Mitte des 19. Jahrhunderts die Sternstunden der Medizin, die sicher wieder eine interessante Kulisse bilden werden.

Leseprobe

Eine andere Meinung findet ihr bei Eulenmatz.


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© Barbara Ellen Volkmer

 

Ulrike Schweikert arbeitete nach einer Banklehre als Wertpapierhändlerin, studierte Geologie und Journalismus. Seit ihrem fulminanten Romandebüt «Die Tochter des Salzsieders» ist sie eine der erfolgreichsten deutschen Autorinnen historischer Romane. Ulrike Schweikert lebt und schreibt in der Nähe von Stuttgart. (Quelle: Rowohlt-Verlag)

 

 


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Das Rezensionsexemplar wurde mir vom Rowohlt-Verlag zur Verfügung gestellt. Vielen Dank dafür. Meine Meinung wurde dadurch nicht beeinflusst.

 

 

 

2 Gedanken zu “Die Zeit vor Penicillin und Narkotika

    • frauGoetheliest schreibt:

      Vielen Dank fürs Verlinken. Ich habe das auch gleich gemacht.
      Mich hat übrigens gar nicht gestört, dass Martha und die Gräfin so unterschiedliche Emotionen hatten. Möglicherweise hat Martha aber so viel im Leben gesehen, dass sie einfach nüchterner über die Dinge denkt.

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