Jack the Ripper in Schottland?

Die Schatten von Edinburgh von Oscar de Muriel

Als am 9. November 1888 Jack the Ripper seinen wohl letzten Mord verübte, hatte Ian Frey von Magdeburg seinen wohl unrühmlichsten Tag. In der Ich-Form berichtet er, wie er an jenem Tag fast vom Scotland Yard entlassen wurde. Gerade als der neue CID mit ihm das letzte Gespräch hat, kommt der Premierminister Lord Salisbury hinzu und verlangt, dass man einen Inspector nach Edinburgh schickt. Es liegt auf der Hand, dass der unerwünschte Frey sich auf die Reise machen soll, um den dortigen Inspector McGray bei der Aufklärung eines ähnlichen Ripper-Mordes zu unterstützen. Ein Violinist wurde auf grausame Weise zugerichtet. Frey hat keine Wahl und reist in den in seinen Augen mit ungehobelten, barbarischen Menschen bevölkerten Norden Großbritanniens.

Oscar de Muriel hat mit dieser Krimiserie ein außergewöhnliches Ermittlerduo geschaffen, die im viktorianischen Zeitalter das Verbrechen bekämpfen. Seine Charaktere sind dermaßen unterschiedlich, dass sie schon wieder eine Einheit bilden. Um jedoch den eitlen Londoner Frey, der lediglich in einem Fall mal die entscheidenden Hinweise geben konnte, ins über 600 Kilometer entfernte Edinburgh umziehen zu lassen, muss er einiges hinnehmen. Der angesprochene Verlust seines Arbeitsplatzes wäre nicht das Schlimmste, aber am selben Tag löst auch seine Verlobte die Verbindung, um einen anderen zu heiraten. Auch in seiner Familie gibt es Spannungen, sodass eine räumliche Entfernung die bessere Wahl ist. Schnell übergibt er seine offenen Akten an Inspector Swanson und macht sich auf den Weg.

Die schottische Hauptstadt präsentiert sich im November natürlich eisig. Frey, der sowieso voreingenommen die Bewohner für grobschlächtig und zurückgeblieben hält, muss sich in diesem Auftakt der Serie mit dem ungehobelten McGray arrangieren. Dieser überlässt ihm allerdings ein Zimmer in seinem Haus und scheint auch sonst sehr pragmatisch zu sein. Dennoch können beide enttäuschte Erwartungshaltung voreinander nicht verstecken. Im Verlauf der Handlung gehört dieses Element allerdings dazu und birgt jede Menge unterschwellige Situationskomik. Sprache und Handlung wirken authentisch.

Den Schreibstil kann man nicht anders als temporeich bezeichnen. Dabei wird die Kulisse des ausgehenden 19. Jahrhunderts bildhaft geschildert. Düster werden die Straßen beim Schein der Gaslaternen geschildert und immer wieder habe ich mich ertappt, dass ich beim Entdecken neuer Hinweise auf den Mörder mit den beiden mitgefiebert habe. Immer wieder tauchen okulte Zeichen auf und leider auch immer wieder eine ausgeweidete Leiche, mit deren Blut irgendwann auch der letzte gute Anzug des Ermittlers ruiniert wird. Grausamkeit und Humor halten sich hier definitiv die Waage. Der mexikanische Autor beweist ausreichend Erzählkunst und weiß, die Dramaturgie entsprechend aufzubauen.

Auch die Figuren erhalten Wiedererkennungsmerkmale. Die beiden Hauptfiguren und ihr Umfeld sind nach diesem ersten Roman vertraut. Nine-Nails ist McGrays Spitzname, der zudem auf den nächsten Fall in 1889 hinweist. Nebenfiguren sind die Haushälterin Joan und der Buttler George, die bisher noch sehr im Hintergrund stehen. Erfrischend anders ist auch die Wahl des Handlungsortes. Während die meisten Ripper-Romane in London angesiedelt sind, wird hier einfach das Setting nach Edinburgh verlegt.

Die Reihe besteht derzeit aus vier Fällen, die hoffentlich auch bald auf Deutsch zu lesen sind. Der Fluch von Pendle Hill setzt nahtlos an den Vorgänger an. Für Dezember ist der dritte Teil Die Todesfee der Grindlay Street angekündigt. Mein Wunschzettel für Weihnachten ist also schon gefüllt.

Leseprobe


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Oscar de Muriel (Foto überlassen vom Autor)

 

Oscar de Muriel wurde in Mexico City geboren und zog nach England, um seinen Doktor zu machen. Er ist Chemiker, Übersetzer und Violinist und lebt heute in Cheshire. Mit seiner viktorianischen Krimireihe um das brillante Ermittlerduo Frey und McGray feiert er in seiner neuen Heimat große Erfolge. (Quelle: Random House)

 


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