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Was du denkst … Blogtouren

Perfekte Choreografie oder wildes Durcheinander?

Blogtouren sind wie die Erdbeersoße auf dem Vanilleeis. Sie verfeinern eine an sich schon gute Sache: Die Rezension. Gemeinsam liest man das gleiche Buch und trägt mit einem zusätzlichen Thema zum Mehrwert bei. Jeder Beitrag wird mit jedem verlinkt, sodass es für die Leser wie eine Tour über mehrere Blogs wird. Ich liebe es.

Zu Büchern gibt es immer mehrere Rezensionen. Was ist also bei einer Blogtour anders? Eine offensichtliche Antwort: Die teilnehmenden Blogs besprechen zeitlich abgestimmt dasselbe Buch oder Thema. Sie widmen sich zusätzlich noch einem bestimmten Detail oder Thema des Buches und verschaffen dem Buch über die definierte Zeit Aufmerksamkeit. Optimal ist die Dauer über eine Woche, da die Leser selten länger kontinuierlich folgen, jedoch die Zeit reicht aus, um immer wieder ins Gespräch zu kommen. Die Blogs verlinken sich untereinander, sodass ein interessierter Leser täglich weiteren Mehrwert zum Buch erhält und sich von einem zum anderen klickt. Das hört sich so einfach wie logisch an. Trotzdem führen manche Beiträge einfach in eine Sackgasse. Das ist ärgerlich.

Eine Blogtour ist ein Marketinginstrument für Bücher, die relativ schnell Mehrwert zu den Themen bietet. Eine große Blogtour, die ich organisierte, ging um Die Töchter der Speicherstadt. Sie hatte nicht nur das Thema Kaffee zum Inhalt, sondern bildete gleich ein ganzes Jahrhundert ab mit allen historischen Ereignissen, die Hamburg betrafen. Es begann mit der Einweihung der Speicherstadt, dem Ende der Monarchie, über den Zweiten Weltkrieg, Schmuggelware bis zum Mauerfall. Immer wieder ging es auch um den Kaffeehandel. Eine Tasse Kaffee passt super zum Lesen, aber es ist nur halb so schön, wenn sie jeder für sich alleine trinkt. Weil es 2021 sowieso nur spärlich möglich war, sich zu treffen, falls man nicht im selben Haushalt wohnte, verlagerten wir die Kaffeetafel kurzerhand in einen virtuellen Raum und luden noch weitere Gäste dazu. Mit einer Präsentation konnten so auch die Schauplätze gezeigt, Fragen beantwortet und ein kurzer Einblick in die Folgebände gegeben werden. Jede Teilnehmerin trug etwas zur Veranstaltung bei, indem besondere Themen vorgestellt wurden, oder die Verlosung im Blick behalten wurde. Bei einer solch engen Zusammenarbeit musste man nicht extra darauf hinweisen, dass man sich auch gegenseitig verlinken sollte. So soll es sein!

Es gab aber auch schon Touren, da bekam man erst nach dem Beginn mitgeteilt, wer sonst noch dabei ist. Beim Suchen im Netz stellte ich fest, dass es den „Blog“ lediglich als Instagramaccount gibt, der sich ganz schlecht gegenseitig verlinken lässt. Über die Nachhaltigkeit solcher Beiträge habe ich in einem anderen Beitrag übers Bloggen geschrieben. Ich muss nicht erst erklären, dass zu der Tour zwar einige Textarbeit geleistet wurde, aber kein neuer Leser dazu kam? In der Schule hätte unter dem Aufsatz „Thema verfehlt“ gestanden. Was gehört also zu einer erfolgreichen Blogtour?

Zusammenspiel für die Reichweite

Eine Rezension kann schon sehr umfangreich sein. Meistens kann ein Leser alleine aber gar nicht alle Aspekte ausleuchten, wie es eine Blogtour imstande ist. Eine Tour kann sowohl aus Rezensionen als Text, oder auch als gesprochenes Wort bestehen. Für eine Tour hatten wir sogar mal ein Video gedreht, weil sich das Thema so anbot. Gerade, wenn Emotionen behandelt werden sollen, bieten sich Gespräche an. Da es dabei weder richtig noch falsch gibt, kann sich jeder Zuhörer selbst zugehörig empfinden. Besser kann man sich eine Meinung gar nicht bilden. Man liest ein Buch auch anders, wenn man sich austauschen kann wie bei einer Leserunde, aber dann gemeinsam einen großen Artikel schafft, was die Sammlung an Blogs ja ist. Kleinigkeiten, die man vielleicht überlesen hätte, sind für den anderen vielleicht ein Diskussionspunkt. Durch das intensivere Lesen verändert man ungewollt auch den Blick auf ein Thema. Man erfährt also nicht nur auch mal eine andere Meinung, sondern erhält durch die Verlinkungen auch gleich neue Leser eben dieser Gruppen.

Vorteile

  • Neue Leser
  • Intensives Leseerlebnis
  • Mehrwert durch Fokus auf ein Thema

Nachteile

  • Alle müssen ihre Aufgaben kennen und ein Minimum an Disziplin aufbringen
  • Ausfälle fallen auf, weil die anderen die Themen angekündigt haben
  • Arbeitsintensiveres Erstellen des Beitrags

Organisation

In den meisten Fällen treten die Autoren inzwischen an mich heran, ob sich wohl mehrere Leser zu einer Tour zusammenfinden würden. Ich lese dann die Druckfahne und überlege gemeinsam mit dem jeweiligen Autor, welche Themen sich gut ausarbeiten lassen. Gleichzeitig durchstöbere ich schon mein Blogroll, wer gut in die Runde passen würde. Für mich ist das oberste Kriterium der Blog und dann natürlich die Verlässlichkeit. Nichts ist fataler, als wenn eine Zusage im letzten Moment zurückgezogen wird. Entweder muss das Thema von jemand anderem übernommen werden oder womöglich weggelassen. Beides ist unschön. Außerdem belastet das die Gruppe, wenn die Gründe der Absage nicht plausibel sind. Ihr ahnt nicht, wie schnell ein Begeisterungslevel sinken kann.

Um ein Gruppengefühl aufkommen zu lassen, treffen wir uns alle mehrmals online und tauschen uns aus. Ähnlich wie beim Mannschaftssport ist auch bei einer Blogtour ein Wir-Gefühl wichtig. In der Gemeinschaft kann aber auch schnell mal Wissen ausgetauscht werden, wovon die Tour dann profitiert. Kennt man sich untereinander, ist die Bereitschaft zum Teilen der Beiträge auch größer. Die Teilnehmer sind einfach involvierter und bekommen die Neuigkeiten im Netz auch anders angezeigt. So ein Algorithmus ist ja auch nicht doof und zeigt lieber das, was immer geklickt wird.

Win-Win für alle

Für die bloggenden Teilnehmer ist eine richtig durchgeführte Blogtour ein Gewinn. Im Idealfall gewinnen sie neue Leser, die ihnen auch nach dem letzten Beitrag der Tour folgen. Aber auch unter den Teilnehmern muss der nicht das Ende bedeuten, sondern weitere Kooperationen entstehen lassen. Nicht nur für die Blogger, sondern auch für die Leser ist es ein Erfolg, wenn über das Buch aus unterschiedlichen Blickwinkeln berichtet wird. Ich habe ja schon von Urlaubsplänen gehört, weil ein Schauplatz so idyllisch dargestellt wurde. So kann sich jeder ein Bild machen, ob er beim nächsten Besuch im Buchhandel zugreifen sollte. Für die Autorin oder den Autor liegen die Vorteile ebenfalls auf der Hand. Die Buchverkäufe sollten durch die Aufmerksamkeit steigen (auch Kleinvieh macht Mist, sagte Oma immer) und die eigene Bekanntheit in der Community.

Blogtouren können einem aber auch das Gefühl geben, ein Zirkusdompteur in einer Manege zu sein. Wenn die Ziele nicht definiert wurden und jeder eine andere Vorstellung davon hat, kommt es zu irritierenden Postings, oder eben zu überhaupt keinen. Bei Zusammenarbeiten muss ein Rad ins nächste greifen, um ein rundes Erscheinungsbild zu geben. Wenn jeder einen kleinen Teil beiträgt, ist auch schon ein großer Schritt getan. Aber in jedem Team gibt es eben auch diese drei Mitglieder: Somebody, Anybody und Nobody. Einer macht sich Gedanken, dass Irgendwer etwas tun sollte und zum Schluss hat es Niemand getan. Auch hier helfen Zusammenkünfte zur Absprache des Status Quo und ein Zeitplan. Ein Redaktionsplan gehört bei mir zum Alltag. Von daher ist es nur logisch, dass ich auch für kleinere Projekte einen erstelle. Wenn jeder vor Augen hat, wann er mit welchem Beitrag dran ist, gelingt vieles einfacher. Nebenbei kann diese Tabelle auch als Datensammlung für Blogadressen verwendet werden, damit jeder gleich die richtige Verlinkung macht. Das hört sich nach mehr an als es ist. Beim Buchblog fließen ja keine Beträge wie bei anderen Influencern, sodass auch in dieser Richtung schon Unmut aufkam. Aber das ist wieder ein anderes Thema.

Blogtouren sind ein absoluter Mehrwert für Blog und Autor. Die Vorteile auf beiden Seiten sollten unbedingt genutzt werden. In Kombination mit den zeitgemäßen Medien, ersetzen sie zwar keine Lesungen, aber bieten eine Alternative zwischen Veranstaltung und Alleinelesen. Ich liebe sie wirklich.

Für März und April habe ich zwei geplant. Am 21. März geht es bei Nordwestschuld von Svea Jensen um verschiedene Scamming-Methoden. Es sind Gespräche mit Autorin, Fachleuten und den Teilnehmern geplant. Im April beleuchten wir Die Kinder von Beauvallon von Bettina Storks. Auch hier bietet der Roman wieder viel mehr Gesprächsstoff als auf den ersten Blick ersichtlich ist. Schaut auf jeden Fall rein!

11 Gedanken zu “Was du denkst … Blogtouren

  1. ullasleseecke schreibt:

    Liebe Heike, ich habe erst einmal überlegt, ob ich einen Kommentar dazu schreiben soll. Denn ich stimme Dir in allen Punkten zu. Ich habe gerade nachgesehen und festgestellt, dass ich vor fast zehn Jahren als Neuling an einer Blogtour teilgenommen habe. Es hat sehr viel Spaß gemacht, weil ich dadurch Bloggerinnen und auch Autorinnen kennen lernen konnte. Ich bekam auch einen ganz anderen Blick auf das Buch, die Beteiligten und Örtlichkeiten.
    Aber dann musste ich feststellen, dass Autorinnen wohl doch nicht so interessiert sind und sich lustlos beteiligten. Außerdem musste ich die Erfahrung machen, dass auch nicht jede Bloggerin, die sich als Teilnehmerin gemeldet hat, verlässlich an der Blogtour und den Vorbereitungen teilnimmt. Langsam verlor ich die Lust. Hinzu kam, dass sich Personen für eine BLOGtour anmelden, die überhaupt keinen Blog haben. Nach meiner Meinung sind die Beiträge dann schwer zu finden, denn es gibt ja keine Übersicht, wo ich nachschauen kann, anders als bei den richtigen Blogs.
    Wer öfter eine Blogtour organisiert, weiß, mit wie viel Arbeit und Zeit das verbunden ist. Aber weiß das jeder zu schätzen? Ich habe an Deinen Blogtouren bisher immer gerne teilgenommen und auch an anderen Aktionen, die von eifrigen Bloggerinnen organisiert wurden. Aber da ich durch meine berufliche Vergangenheit einen großen Anspruch an Organisation und vor allem Teamarbeit habe, wurde ich manches Mal enttäuscht und deshalb bin ich jetzt etwas zurückhaltend. Zumal mich immer noch ärgert, wenn ich sehe, dass großartig Werbung für eine BLOGtour gemacht wird und ich keinen Blog finde, wo ich etwas nachlesen kann.
    Ich finde die Entwicklung schade, denn ich weiß, dass viele daran interessiert sind und auch Hintergrundinformationen wünschen und somit noch mehr über das Buch und Handlung erfahren können.
    Und deshalb freue ich mich, dass Du immer wieder Blogtouren organisierst.

    Gefällt 4 Personen

    • Frau.Goethe.liest schreibt:

      Wie schon geschrieben, ich lege die Priorität auf Verlässlichkeit und dass derjenige auch einen Blog hat. Sonst würden wir es anders bezeichnen. Ich finde auch, dass aus der Vorarbeit eine enorme Energie rüberschwappt, die einen beflügelt. Gerade bei der Speicherstadt war das ganz deutlich. Aber natürlich finde ich es auch toll, einfach nur mal teilzunehmen und mir nicht so viele Gedanken im Vorfeld machen zu müssen. Na? Wie wäre es?

      Gefällt 2 Personen

    • Kerstin schreibt:

      Oh ja, ich kann mich auch gut an die ersten Blogtouren meiner Bloggerzeit erinnern, wo von den meisten vergessen wurde auf die anderen Blogs zu verlinken. Da hat sich für mich der Sinn nie erschlossen 😉

      Jetzt habe ich schon länger keine mehr gemacht. Und bin gespannt auf Nordwestschuld , aber bei der Organisatorin bin ich ganz otimistisch gestimmt 🙂
      LG Kerstin

      Gefällt 1 Person

  2. Wissenstagebuch schreibt:

    An einer Blogtour habe ich in den zehn Jahren meines Blogs bisher noch nicht teilgenommen – daher danke für den ausführlichen Beitrag. Zum eigenen Vergnügen und meist auch nicht zu Neuerscheinungen bin ich häufiger bei Leserunden auf den Blogs und auf Twitter dabei, um einen gemeinsamen Gedankenaustausch, möglichst in Echtzeit zu haben. Eine Blogtour klingt da, was Planung, Inhalt und Maß der Zusammenarbeit angeht, auf jeden Fall aufwendiger. Umso schöner für die Blogs und Autorinnen, wenn sie funktioniert. Werden Blogtouren nicht auch manchmal von den Marketingsparten großer Verlage organisiert…? Viele Grüße, Jana

    Gefällt 2 Personen

    • Frau.Goethe.liest schreibt:

      Moin Jana, Blogtouren sind ein gutes Marketinginstrument, das viele Verlage auch nutzen. Die Influencer genießen in ihrer Community Vertrauen und eine Blogtour gibt ein umfassendes Bild über den Buchinhalt. Gerade deshalb mag ich die Touren ja. Von allem gibt es aber auch zwei Seiten; die andere ist, dass der enorme Aufwand nicht immer geschätzt wird. Von einigen Teilnehmern hatte ich auch den Eindruck, dass sie vielleicht mehr wollten, als sie tatsächlich – aus welchen Gründen auch immer – leisten konnten. Das A und O ist ja das Zusammenspiel. Wenn du mal deine erste Tour mitmachen möchtest, melde dich. Im April ist gerade wieder ein Platz frei geworden. 😉

      Gefällt 2 Personen

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