Findelmädchen - Cover

Nachkriegszeit in Köln

Findelmädchen von Lilly Bernstein

Köln, 1955. Die Trümmerkinder Helga und Jürgen haben einige Jahre in Frankreich verbracht. Nun hat ihre Ziehmutter die Information erhalten, dass der leibliche Vater aus russischer Kriegsgefangenschaft heimgekehrt sei. Die beiden Teenager kehren in ihre Heimat zurück. Sie freuen sich auf ein Familienleben mit dem Vater und der Tante in ihrem Elternhaus. Doch auch Köln hat sich verändert und Helga und Jürgen müssen ihren Weg erst finden. Zwischen Neubauten und Wirtschaftsaufschwung lernen sie, sich ihren Platz zu erkämpfen.

Mit Findelmädchen setzt Lilly Bernstein die Geschichte um die Trümmerkinder aus Köln fort. Trümmermädchen Anna wird nur noch sporadisch erwähnt. Stattdessen sind die beiden Jüngsten der Mittelpunkt. Der Vorgängerroman endete damit, dass die Kinder aus der zerstörten Stadt gerettet wurden. Zehn Jahre verbrachten sie in Sicherheit bei einem französischen Ehepaar. Aus den Äußerungen erkennt der Leser, dass die deutschen Kinder es nicht leicht gehabt haben. Allerdings haben sie es auch nach der Rückkehr nicht leichter. Die Veränderungen sind so massiv, dass sie häufig auffallen und Spott ertragen müssen. Zudem sind die Augen der strengen Tante überall und auch der Vater unterstützt Helga nicht in allen Belangen. So darf sie nicht aufs Gymnasium gehen, sondern vielmehr auf eine Haushaltungsschule.

Während eines Praktikums im Waisenhaus erfährt Helga, wie grausam die Kinder bestraft werden. vom Hörensagen kannte ich diese Geschichten aus meiner Kindheit in den 60-er Jahren. Waisenhäuser hatten offenbar einen gewissen Ruf, aber es schien sich auch niemand daran zu stören. Ein Mädchen hat besonders schwer zu leiden: Ihre dunkle Hautfarbe veranlasst die anderen Kinder immer wieder zu qualvollen Handlungen und auch die Oberin ist ihr gegenüber herzlos. Helga versucht sie zu schützen, so gut es geht. Ihr Verhalten ist nachvollziehbar. Aber in ihrem Alter wird sie häufig nicht ernst genommen, sodass sie sich etwas einfallen lassen muss. Dieser Handlungsstrang weckt die meiste Empathie und der ungeschönte Einblick in den ansonsten nichtzugänglichen Ort ist emotional aufwühlend. Die unter Pseudonym schreibende Autorin legt den Finger genau in die Wunde der Nachkriegszeit: Abgestumpfte Charaktere mit Verantwortung. Sie hat damit an eine Zeit erinnert, die sich so niemals wiederholen sollte.

Erzählt wird das Leben überwiegend aus Helgas Sicht. Man taucht mit ihr in die 50-er Jahre ein, wo junge Erwachsene erst mit 21 Jahren volljährig wurden und manche Entscheidungen allein treffen konnten. Da Frauen weit weniger Rechte als Männer hatten, war es für Helga und ihre Freundin Fanny dennoch kein Schritt ins selbstbestimmte Leben. Wer Pech hatte, durfte keine weiterführende Schule besuchen, oder musste die Arbeitsstelle geheim halten. Kinder wurden von ihren leiblichen Müttern getrennt, sofern diese nicht verheiratet waren. Welche Folgen diese Vorgehensweise hatte, ist erst später sichtbar geworden. Man muss sich auch hier immer wieder vergegenwärtigen, dass auch diese Menschen nur so handeln konnten, über welche Erkenntnisse sie verfügten.

Das Zusammenspiel der Figuren bildet die seinerzeit übliche Gesellschaft ab. Es gibt die sogenannten Halbstarken, die sich in Bars wie die von Fanny treffen. Dort genießen sie die neue Zeit und wählen Platten in der Jukebox. Es gibt deswegen wohl auch zwangsläufig die wachsamen Eltern, die ihre Töchter am liebsten immer beschützen würden, beziehungsweise die sich bedingungslos vor ihre Söhne stelle. Die Positionen der Figuren sind klar definiert. Sie lassen dennoch Raum für Geheimnisse und somit Wendungen in der Geschichte. Alles vermittelt das Zeitgefühl der 50-er und macht den Roman so lesenswert.

Lebendige Schauplatzbeschreibungen

Auch die Beschreibungen der Orte ist gelungen. Für die Blogtour habe ich mir dieses Thema ausgesucht, weil ich damit eigene Erinnerungen verbinde. Mein Vater hat zu Beginn der 60-er Jahre ebenfalls bei Ford gearbeitet und hätte – wenn es denn keine Fiktion wäre – Jürgens Kollege sein können. Der amerikanische Autobauer bot seinerzeit sichere Arbeitsplätze und einen guten Verdienst. Im Roman wohnt die Familie im linksrheinischen Ehrenfeld. Der ehemalige Arbeiter- und Industriestadtteil hat sich bis dato zu einem der angesagtesten Stadtviertel Kölns entwickelt. Fannys Milchbar wäre jetzt also an einer lukrativen Stelle.

Ganz in der Nähe ist die Eigelsteintorburg. Es ist eine der drei erhaltenen Stadttorburgen der mittelalterlichen Stadtmauer Kölns. Die Toranlage stammt aus dem 13. Jahrhundert und sicherte seinerzeit die Straße nach Neuss. Die größte Stadt am Rhein bekam damals schon einen so großen Zulauf, dass die Stadtmauern stetig versetzt werden mussten. Auch die Eigelsteintorburg wurde bereits zum zweiten Mal aufgebaut.

Ein großer Teil des Romans handelt jedoch im Kinderheim Köln-Sülz. Helga absolviert dort ein Praktikum und kann hinter die Fassade blicken, die nach außen hin gezeigt wird. Selbst als Findelmädchen ohne Eltern aufgewachsen, ist sie vermutlich empfindsamer für die Dinge, die ungerecht sind. Die Szenen sind teilweise schwierig zu lesen und man muss auf eine innere Distanz gehen, wenn von Misshandlungen zu lesen ist. Offenbar hat die zeitgenössische Heimleitung allerdings die Zeit genutzt, um die Missstände aufzuarbeiten. Eine Festschrift zum 50. Jubiläum lässt derartiges erahnen.

Sehenswert ist übrigens auch das Video „Köln 1945-1960 – Filmreise in die Wiederaufbauzeit“ von rheindvd.de. Knapp 100 Minuten zeigen Köln in der Zeit nach Kriegsende bis 1960. Die Trümmerkinder fanden in feuchten zerbombten Kellern ihre Schlafplätze und kämpften täglich gegen Hunger und Krankheiten. Mit diesen Bildern vor Augen liest sich der Roman sehr viel intensiver.

Findelmädchen von Lilly Bernstein ist die Fortsetzung der Trümmerkinder und handelt von der Nachkriegszeit bis in die frühen 60-er Jahre. Es wird eine Gesellschaft gezeigt, die ihr Leben neu beginnt und doch die alten Attitüden noch nicht abgelegt hat. Die Figuren lassen Verständnis aufbauen und machen die vergangene Zeit greifbar. Wie bereits das Vorgängerbuch erhält auch diese Fortsetzung eine unbedingte Leseempfehlung.

Der Beitrag gehört zur Blogtour rund ums Findelmädchen. Morgen lest ihr auf Kunterbunte Bücherreisen ein Interview mit der Autorin. Schaut es euch an.

Leseprobe

Termine Blogtour zu Findelmädchen

Alle Texte im Zusammenhang ergeben ein umfassendes Bild von der Zeit:


Lilly Bernstein - Autorin
© Susanne Esch

Lilly Bernstein ist das Pseudonym der Kölner Journalistin und Autorin Lioba Werrelmann, deren Debütroman Hinterhaus 2020 mit dem Friedrich-Glauser-Preis ausgezeichnet wurde. Ihr letzter Roman, Trümmermädchen, war ein großer Presse- und Publikumserfolg. Mit Findelmädchen erzählt sie die Geschichte der Trümmerkinder weiter. (Quelle: Ullstein Verlag)


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  • Herausgeber: ‎Ullstein Taschenbuch
  • erschienen am 28. Juli 2022
  • Taschenbuch: ‎592 Seiten
  • ISBN-13: ‎978-3548065687

Das Rezensionsexemplar wurde mir vom Ullstein Verlag über Literaturtest zur Verfügung gestellt. Vielen Dank dafür. Meine Meinung hat es nicht beeinflusst.


GESETZLICHES ZUM GEWINNSPIEL:

Verlost wird ein Exemplar von Findelmächen von Lilly Bernstein als Printbuch.

  • Veranstalter des Gewinnspiels ist Frau Goethe liest.
  • Teilnahmeberechtigt sind alle Personen über 18 Jahren.
  • Jeder Kommentar zählt als ein Los. Reges Kommentieren auch bei anderen Postings erhöht also die Gewinnchance.
  • Das Gewinnspiel beginnt am 12. August, 8:30 Uhr, und endet am 19. August 2022, um 20:00 Uhr.
  • Der Gewinner wird am 20. August ermittelt und direkt hier im Kommentarfeld bekannt gegeben.
  • Es besteht die Möglichkeit zur außerordentlichen Beendigung des Gewinnspiels wegen wichtiger Gründe.
  • Der Gewinn wird über den Ullstein Verlag verschickt. Mit Teilnahme am Gewinnspiel erklärt sich jede/r bereit, dass er/sie die Post erhalten darf.
  • Des Rechtsweg ist ausgeschlossen.

7 Gedanken zu “Nachkriegszeit in Köln

  1. Lesenswertes aus dem Bücherhaus schreibt:

    Jetzt hast du es geschafft, ich bin neugierig auf das Buch. ;o) was die Behandlung von „Heimkindern“ angeht, hat sicherlich nicht nur Deutschland eine große Aufgabe vor sich, das alles aufzuarbeiten und Wiedergutmachung zu leisten,Diese Kinder wurden ja oft so behandelt als gäbe es Kinder die weniger wert wären als andere.

    Gefällt 1 Person

  2. Steffi schreibt:

    Liebe Heike,
    ich habe das Buch bereits selber und gerade eben beendet, sodass ich nicht an der Verlosung teilnehmen möchte, aber ich wollte dir gerne sagen, wie schön ich deine Rezension finde! Ich mochte das Buch auch unheimlich gerne, genauso wie damals „Trümmermädchen“ der Autorin. Ihr Schreibstil ist einfach besonders, so warmherzig und gefühlvoll, trotz der erschütternden Geschichten.
    Ganz liebe Grüße, Steffi
    https://steffi-liest.blogspot.com/

    Gefällt 1 Person

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