Die Töchter der Speicherstadt - Der Geschmack von Freiheit

Ersatzkaffee im Dritten Reich

Die Töchter der Speicherstadt – Der Geschmack von Freiheit von Anja Marschall

Hamburg, 1929. Nach dem Großen Krieg haben sich Maria und Gertrud zusammenraufen müssen. Die Witwen führen nun so gut es geht den Kaffeehandel der Firma Behmer & Söhne weiter. Cläre hat keine Ambitionen, in das Familienunternehmen einzusteigen. Viel lieber würde sie ein Studium beginnen. Das missfällt ihrer Mutter allerdings nicht so sehr wie ihrem Verlobten Herbert. Als sie obendrein noch einen anderen Mann kennenlernt, löst sie die Verlobung. Kurze Zeit später ändert sich aber in Deutschland alles. Die nationalsozialistische Partei ist an der Macht und verfolgt andersgläubige und angebliche Feinde ihrer Politik. Fritz muss als Kommunist fliehen und auch einige Mitarbeiter und Bekannte der Behmers verlassen Deutschland. Maria ist zu der Zeit zum Glück mit Anwalt Justus Knaak in Brasilien, um auf der Kaffeeplantage nach dem Rechten zu schauen. Je länger die Diktatur dauert, desto mehr platzen die Träume von Cläre. Der Geschmack von Freiheit ist bald nur noch eine Erinnerung.

Kaffee in der Speicherstadt

Anja Marschall beschreibt in der Trilogie um die Familie Behmer nicht nur den Kaffeehandel in Hamburg, sondern auch ein ganzes Jahrhundert. Der zweite Teil befasst sich mit einer der dunkelsten Abschnitte Deutscher Geschichte. Hoffte man 1929 noch auf eine gute Zeit, forderte der Börsencrash finanzielle Einbußen. Die Hamburger Autorin lässt die Zeit der Weimarer Republik in ihrem historischen Roman lebendig werden. Die Hoffnungen der jungen Generation auf ein selbstbestimmtes Leben wurden schlagartig mit der neuen Regierung zunichte gemacht. Die Figuren spalten sich durch ihre Gesinnung in verschiedene Parteien. Durch sie lässt sich nachvollziehen, wie es vermutlich so gekommen ist, wie es die Historie erzählt. Zwänge, wie die Parteizugehörigkeit, Kontrolle der Kontakte und kleine Vorzüge in einer immer schwieriger werdenden Zeit lassen erahnen, wieso sich so viele für den Krieg ausgesprochen haben. Es gab aber auch Menschen wie Cläre, die mit aller Kraft um ihr Heim, ihr Unternehmen und vor allem um ihre Mitmenschen gekämpft haben.

Gemahlene Kastanien und Muckefuck

Die Jahre zwischen 1929 und 1945 werden ausschließlich aus dem Blickwinkel der Hamburger betrachtet. Es werden so viele reale Charaktere wie nötig in die Handlung integriert. Dadurch wird die Gesellschaft und deren Regeln deutlich. In den letzten Jahren vorm Zweiten Weltkrieg war der Wandel von der Kaiserzeit in die Gegenwart unaufhaltsam, aber gerade für Frauen noch nicht ganz so einfach. Gleichzeitig bricht der Kaffeehandel ein, was auf die fiktive Kaufmannsfamilie direkte Auswirkungen hat. Die Frauen der Familie Behmer müssen sich einigen Herausforderungen stellen. Die Menschen litten noch unter den Wiedergutmachungen an die Alliierten und konnten noch nicht so ganz aus ihrer anerzogenen Haltung heraus. Einige wenige nutzen eben diesen Zustand und wollten sich eine bessere Position sichern. Innerhalb der Familie Behmer findet somit auch jede Meinung ihren Platz und lässt Sorgen und Nöte mit den dazugehörigen Konsequenzen nachfühlen. Trotz der fast 500 Seiten hatte ich das Gefühl, viel zu schnell zum Ende gekommen zu sein. Was sich der Dramaturgie im Roman anpassen musste, wird in einem Nachwort erklärt.

Für den 9. Juli hat Anja Marschall einen weiteren virtuellen Kaffeeklatsch angekündigt. Möchtest du über Zoom dabei sein? Schreib mir einfach in die Kommentare und erhalte deine Einladung. (Das funktioniert aber nur so lange, bis die Plätze vergeben sind.)

Die Trilogie um die Töchter der Speicherstadt wird mit diesem zweiten Band fortgesetzt. Beschrieben wird die Zeit zwischen den Jahren 1929 und 1945. Um das Jahrhundert zu beenden, fehlen noch 44 Jahre. Das Finale mit dem Untertitel Das Versprechen von Glück ist für den 28. Juli 2022 angekündigt.

Leseprobe

Eine weitere Meinung zum zweiten Band der Trilogie um Familie Behmer findet ihr in Ullas Leseecke und im Bücherhaus.


© Frauke Ibs

Die gebürtige Hamburgerin Anja Marschall lebt als Autorin und Journalistin mit ihrer Familie in Schleswig-Holstein. Vor ihrer schriftstellerischen Tätigkeit arbeitete sie als Erzieherin, Presse-referentin, Lokaljournalistin, EU-Projektleitung in der Sozial-forschung, war Apfelpflückerin in Israel, Zimmermädchen in einem Londoner Luxushotel und Kioskverkäuferin an den Hamburger Landungsbrücken. Sie ist Mitglied der „Mörder-ischen Schwestern eV“ und des „Syndikats“ sowie der Mary-E-Braddon-Gesellschaft. (Quelle: Piper Verlag)


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  • Herausgeber: ‎Piper Taschenbuch
  • erschienen am 28. April 2022
  • Taschenbuch: ‎464 Seiten
  • ISBN-13: ‎978-3492317221

Das Rezensionsexemplar wurde mir vom Piper Verlag zur Verfügung gestellt. Vielen Dank dafür. Meine Meinung hat es nicht beeinflusst.

Reihenfolge der Trilogie:

  1. Die Töchter der Speicherstadt – Der Duft von Kaffeeblüten
  2. Die Töchter der Speicherstadt – Der Geschmack von Freiheit
  3. Die Töchter der Speicherstadt – Das Versprechen von Glück

Ein Gedanke zu “Ersatzkaffee im Dritten Reich

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