Die Uhrmacher der Königin - Cover

Handwerk in einer anderen Zeit

Die Uhrmacher der Königin von Ralf Dorweiler

St. Märgen, 1824. Johannes und Ernst Faller erlernen in ihrer Heimat das Uhrenhandwerk. Besonders der stille Ernst zeigt Geschick beim Anfertigen der Zahnräder. Sein älterer Bruder ist nach einem Unfall entstellt und zieht sich ebenfalls immer mehr zurück. Als die Eltern ihrem dritten Sohn den Hof überschreiben, beschließen die Schwarzwälder, ins Uhrenland nach England zu gehen. Kaum auf der Insel angekommen, lernen sie Sophia kennen. Die junge Frau ist auf der Suche nach ihrem leiblichen Vater. Ihre Wege kreuzen sich immer wieder.

Ralf H. Dorweiler arbeitet in seinem historischen Roman die Zeit des 19. Jahrhunderts bildhaft aus. Seine Figuren erlernen das Handwerk der Uhrenfertigung und man spürt beim Lesen die Anforderungen, die Material und Mechanik an sie stellen. Mühsam müssen die Zahnräder gefeilt werden, sodass sie in einem bestimmten Takt ineinandergreifen. Soll das Uhrwerk nur zur Mittagsstunde eine Melodie spielen, war ein technisches Verständnis notwendig. Gleichzeitig musste das Ziffernblatt verziert werden, das einen Künstler erforderte. Diese Einblicke lenken den Blick auf die herausragende Leistung früherer Handwerker.

Historie und Fiktion im Einklang

Zudem zeigt der Autor das Leben im turbulenten London zur Zeit von Königin Victoria. Er lässt seine Figuren ganz nah an das Herrscherpaar herankommen. Die aus dem Hause Hannover stammende Regentin übernahm den Thron im Jahr 1837 und heiratete später Albert von Sachsen-Coburg-Gotha. Das Paar hatte neun Kinder, was die fiktive Sophia plausibel in ihr Aufgabengebiet als Kindermädchen eingliedert. Zudem hatte das Paar Sinn für die schönen Künste. Sie hätten sich sicher über die Uhr von den ebenfalls fiktiven Uhrmachern gefreut. England war seinerzeit auf dem Höhepunkt seiner Weltmachtstellung. Die industrielle Revolution ist spürbar im Anwachsen der Bevölkerung und in der veränderten Gesellschaftsform. Die Stadt ist unübersichtlich – gerade für Zugezogene wie Johannes und Ernst – und ein Tummelplatz für Betrüger. Diese Fakten werden in der Handlung verwebt und bringen Spannung, die in einem Attentat auf die Königin gipfelt. John Francis hat in diesem Roman eine Rolle bekommen und darf hinterher das tatsächlich stattgefundene Attentat verüben. Fiktion und Historie fügen sich hier nahtlos zusammen.

Das Verlassen der Heimat, um in der Ferne sein Glück zu versuchen, ist keine Erfindung der Neuzeit. Die beiden historischen Expats Johannes und Ernst legten einen langen und schwierigen Weg zurück. Man kann sich vorstellen, welche Hürden sie überwinden mussten. Zunächst hatten sie Sprachschwierigkeiten und dann mussten sie für ihren Lebensunterhalt sorgen. Die geplante Einfuhr der Uhren zeigt die immer noch gültigen Regeln des Zolls auf. Die Beschreibungen sind detailliert hergeleitet und doch so zielgerichtet formuliert, dass sie Empathie aufkommen lassen und gleichzeitig neugierig machen. Definitiv animiert dieser Roman zum Lesen von Sekundärliteratur, sei es wegen der besagten Zollbestimmungen, der wachsenden Bevölkerung Londons oder gar des Attentats.

Dorweiler schafft es, dass sich seine Fiktion perfekt in die wahren Begebenheiten einpasst. Der Roman liest sich dadurch spannend und glaubhaft. Der Blick in das viktorianische Zeitalter zeigt eine Umbruchszeit in der heutigen Metropole. Das Buch bekommt von mir eine unbedingte Leseempfehlung.

In Carmens Bücherkabinett findet ihr ebenfalls eine begeisterte Meinung.

Leseprobe

Ralf Dorweiler - Autor, Porträt
© Daniela Bianca Gierok

Ralf H. Dorweiler wurde 1973 in der Nähe der Loreley geboren. Nach dem Studium der Theater-, Film- und Fernsehwissenschaft in Köln zog es ihn in den Südschwarzwald. Dort arbeitete er als Redakteur für eine große Tageszeitung und schrieb parallel Romane. Erfolgreich wurde er mit einer Reihe mit sieben Kriminalromanen und einem außergewöhnlichen Reiseführer. 2017 wechselte er ins historische Fach; seither begeistert er auch in diesem Genre seine Leser. Mittlerweile widmet er sich ausschließlich der Schriftstellerei. Dorweiler ist mit einer Opernsängerin verheiratet und Vater eines Sohnes. (Quelle: Lübbe Verlag)


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  • Verlag: Lübbe Belletristik
  • Taschenbuch 511 Seiten
  • Altersempfehlung: ab 16 Jahren
  • ISBN: 978-3-404-18509-2
  • erschienen am 28.01.2022

Das Rezensionsexemplar wurde mir vom Lübbe Verlag zur Verfügung gestellt. Vielen Dank dafür. Meine Meinung hat es nicht beeinflusst.

3 Gedanken zu “Handwerk in einer anderen Zeit

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