Unser Weg nach morgen - Cover

Entscheidungen damals und heute

Unser Weg nach morgen von Jana Voosen

Nele hat gerade das Buchgeschäft ihres Vaters im Hamburger Stadtteil Ottensen übernommen. Als besonderen Service liefert sie die bestellten Bücher direkt nach Hause. Eine Kundin überlässt ihr dabei ein Manuskript, das ihre Lebensgeschichte enthält. Nele erfährt von einer unglücklichen Liebe im Dritten Reich und wie Not Berge versetzen lässt. Ohne es bewusst zu bemerken, verändert sich auch ihr eigenes Leben.

Jana Voosen greift in ihrem zweiten historischen Roman erneut die Zeit im Dritten Reich auf. Während ihre Protagonistin aus der Gegenwart das Manuskript liest, erfährt der Leser die Geschichte von Lilo, Helen und Mathilda, die im Jahr 1937 beginnt. Lilo wuchs in einer Familie auf, die sich den Anforderungen ihrer Zeit beugte. Der Vater trat früh in die Partei ein und die Brüder zogen natürlich zur Verteidigung des Reiches in den Krieg. Obwohl Lilo dem Bund deutscher Mädel lieber fern geblieben wäre, muss auch sie in der üblichen Uniform wöchentlich zu den Treffen gehen. Als sie Ludwig, einem früheren Freund ihres Bruders, trifft, lernt sie eine ganz andere Welt kennen. Die jungen Leute sprechen Englisch und tanzen nach Swingmusik, was natürlich zu der Zeit verboten war. Sie verliebt sich in ihn und als auch er an die Front muss, ist sie schwanger. Dieses Kind bringt sie wenige Jahre später mit Helen zusammen.

Die Historie ist die Kulisse für Lilos Schicksal. Die Einschränkungen in der Regierungszeit der NSDAP wird durch die junge Frau geschildert, wie sie wohl Tausende von ihnen erlebt haben. Ihre Lebensträume platzten mit Ausbruch des Zweiten Weltkriegs. Rassengesetze wurden erlassen, Soldaten zogen an die Front, und Mädchen wie Lilo durften als Unverheiratete nicht weiter am gesellschaftlichen Leben teilhaben. Entbindungsheime, wo auch Lilo temporär eine Heimat findet, gab es tatsächlich. Was zunächst wie die Rettung scheint, zeigt auf dem zweiten Blick die grausame Vorgehensweise der Nationalsozialisten.

„Der Reichsführer der SS, Heinrich Himmler, und der Führer selbst haben uns befohlen, aufs Brutalste durchzugreifen gegen die degenerierte Jugend, die sich in ihrer Faulheit suhlt, statt dem Vaterland in der Hitlerjugend zu dienen, wie es ihre Pflicht wäre.“

aus Unser Weg nach morgen von Jana Voosen

Zeitgeschichte erlebbar gemacht

Bei Romanen mit Rückblicken ergibt sich die Spannung schon allein daraus, dass man am Anfang bereits das Ende kennt und nun die Neugier geweckt wird, wie alles gekommen ist. Die Figuren der Gegenwart sind die Konnektoren zum Leser. Nele steckt in diesem Fall in einer Beziehung, von der ihr Außenstehende abraten würden, sollte sie ihre Freiheit nicht komplett aufgeben wollen. Fühlt man sich in Neles Rolle ein, spürt man, dass sie von ihrem Standpunkt aus gar nicht rational handeln kann. Erst nach und nach sieht sie die Lösung für sich, indem sie Lilos Beweggründe genauer betrachtet. Nicht alle Ziele lassen sich auf direktem Weg erreichen. Auf lange Sicht sind diese Kompromisse aber ein sicherer Weg nach morgen. Voosen hat dafür den passenden Erzählstil: eingängig und realitätsnah.

Unser Weg nach morgen ist ein Roman auf zwei Zeitebenen, der einen intensiven Blick in die dunkelste Epoche der deutschen Geschichte erlaubt. Er erinnert an eine Zeit, in der freie Entscheidungen nicht möglich waren und vergleicht diese mit den Optionen von heute. Gleichzeitig hilft er, diese Zeit nicht zu vergessen. Der Roman bekommt eine eindeutige Leseempfehlung.

Leseprobe

Jana Voosen - Autorin - Portrait
Foto © G. Wilken

Jana Voosen, Jahrgang 1976, studierte Schauspiel in Hamburg und New York. Es folgten Engagements an Hamburger Theatern. Seitdem war sie in zahlreichen TV-Produktionen („Tatort“, „Marienhof“, „Hochzeitsreise zu viert“ u.a.) zu sehen. Jana Voosen lebt und arbeitet in Hamburg. (Quelle: Randomhouse)


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  • Herausgeber: ‎Heyne Verlag
  • erschienen am 9. November 2021
  • Taschenbuch: ‎432 Seiten
  • ISBN-13: ‎978-3453425255

Das Rezensionsexemplar wurde mir vom Heyne Verlag zur Verfügung gestellt. Vielen Dank dafür. Meine Meinung hat es nicht beeinflusst.

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