Die Hafenschwester 3 - Cover

Die Studts im Dritten Reich

Die Hafenschwester – Als wir an die Zukunft glaubten von Melanie Metzenthin

Hamburg, 1923. Paul und Martha Studt haben schon einige Schwierigkeiten in ihrem Leben bewältigt. Im dritten Teil der Hafenschwester zeichnet Melanie Metzenthin für die Hamburger Familie die Zeit der Weimarer Republik und des Dritten Reichs nach. Ihre drei Kinder werden erwachsen und suchen sich ihren Platz im Leben. Die jüngste, Ella, träumt davon, Ärztin zu werden. Da ihr ältester Bruder Rudi aber noch Jura studiert, muss sich noch warten. Die Familie könnte sich zwei studierende Kinder nicht leisten. Allerdings hat niemand mit den Eskapaden des Ältesten gerechnet. Er gerät in die Mordermittlungen an seiner Geliebten und muss eine folgenschwere Entscheidung treffen. Nur der Wechsel nach Berlin verschont ihn vorm Ausschluss des Studiums. Ella nutzt die Zeit des Wartens, um sich zur Krankenschwester ausbilden zu lassen. Ihr Bruder Fredi bewirbt sich unterdessen bei der Polizei und wird Kommissaranwärter. Die Träume der drei kreuzt die Machtübernahme der Nationalsozialisten.

Der finale Teil der Hafenschwester ist nicht nur von der Seitenzahl der gewichtigste. Auch thematisch wird schwere Kost geboten. Das Ende der Weimarer Republik und die Einschränkungen, die durch die politischen Entscheidungen erfolgten, lassen die Träume der Studts platzen. Vor allem Ella leidet darunter. Sie kann akzeptieren, dass ihre Familie zunächst den älteren Bruder studieren lässt und sie warten muss. Sie sieht es allerdings nicht ein, dass sie aufgrund ihres Geschlechts vom Medizinstudium ausgeschlossen werden soll. Ihr Bruder Rudi scheint sich keine Gedanken in diese Richtung zu machen. Er genießt das Leben und nimmt mit, was sich ihm bietet. Er ist wortgewandt und kommt dadurch schnell mit anderen in Kontakt. Seine Leichtigkeit grenzt schon an Sorglosigkeit. Dennoch kann man ihm nicht wirklich böse sein. Fredi ist umso verantwortungsvoller. Er lernt schon früh seine spätere Ehefrau kennen und gründet mit ihr eine Familie. Diese Familienplanung entspricht der Zeit, und ist doch ihrer Zeit voraus. Als vermeintlicher Freund eines SA-Leiters wird sein gedankliches Abwägen deutlich. Das perfide Handeln der Nazis springt einem förmlich entgegen.

Figuren erleben Zeitgeschichte

Haupt- und Nebenfiguren folgen keinem Klischee, sondern sind vielmehr so angelegt, wie die Dokumente es vermitteln. Im Konzentrationslager Wittmoor wurden tatsächlich angesehene Deutsche inhaftiert und gefoltert. Auch die Fluchthelfer, die unter lebensgefährlichen Bedingungen agierten, sind authentisch dargestellt. Bis ins kleinste Detail ist die Handlung durchdacht und folgt einem roten Faden. Teilweise liest sie sich wie ein Krimi, wenn man sich aus den Fängen der Parteigetreuen befreien und sie mit ihren eigenen Waffen schlagen muss. Die Autorin hat die Figuren geschickt platziert, um durch sie die Jahre des Dritten Reichs zu schildern. Sie kombiniert die zeitgeschichtliche Familiengeschichte mit wahren Begebenheiten, sodass die Jahre wie ein Film vor dem inneren Auge ablaufen.


Mit Melanie Metzenthin hätte ich stundenlang über die Themen ihrer Romane sprechen können. Über die Figuren, die Planung der Szenen und welche ihr davon am meisten Spaß gemacht haben, hört ihr mehr im Interview.

Podcast


Der Erzählstil ist dem Inhalt angemessen. Manche Dialoge lassen erst im Nachhinein ihren Witz erkennen. Gerade beim Thema Widerstand ist der Humor auch dringend nötig, um die Szenen verdaulicher zu servieren. Die Bevölkerung in Hamburg wurde 1943 von der Kriegsführung des Zweiten Weltkriegs hart getroffen. Der Osten der Stadt wurde im Feuersturm zerstört. Noch heute haben viele Häuser eine Tafel in ihrer Fassade, die daran erinnern. Man kann den Spuren der Studts leicht folgen und findet sogar einen Namen auf einem Stolperstein in Horn wieder. Historie und Fiktion wurden in diesen Bänden so eng verwoben, dass die Figuren den Leser die vergangene Zeit mit ihren Veränderungen miterleben lassen. Medizin, Frauenrechte und Gesellschaft erfuhren einen Wandel, der zum einen bitter nötig war und zum anderen aus der Situation resultierte. In diesem Romanen wird die Frage, wie es so weit kommen konnte, aus verschiedenen Blickwinkeln beantwortet.

Die drei Bände der Hafenschwester lassen sich auch einzeln lesen. Man benötigt keine Kenntnisse aus früheren Büchern. Alle hintereinander gelesen beschreiben rund 60 Jahre, in denen die junge Krankenschwester Martha Studt mit Paul eine Familie gründet und mit ihren drei Kindern die turbulenteste Zeit zwischen dem Kaiserreich und der Bundesrepublik durchlebt. Die Trilogie bekommt eine dringende Leseempfehlung.

Leseprobe

© privat

Melanie Metzenthin lebt in Hamburg, arbeitet als Fachärztin für Psychiatrie und wurde mit dem DELIA-Literaturpreis ausgezeichnet. Mit der Vergangenheit ihrer Heimatstadt fühlt sie sich ebenso verbunden wie mit der Geschichte der Medizin, was in vielen ihrer Romane zum Ausdruck kommt. »Die Hafenschwester. Als wir an die Zukunft glaubten« ist der dritte Band einer Serie um die Krankenschwester Martha. (Quelle: Diana Verlag)


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  • Herausgeber: ‎Diana Verlag
  • erschienen am 30. August 2021
  • Broschiert: ‎704 Seiten
  • ISBN-13: ‎978-3453292468

Das Rezensionsexemplar wurde mir vom Diana Verlag zur Verfügung gestellt. Vielen Dank dafür. Meine Meinung hat es nicht beeinflusst.

Wer noch nicht überzeugt ist, wird vielleicht von der Begeisterung der ersten beiden Bände angesteckt.

Reihenfolge:

  1. Die Hafenschwester – Als wir zu träumen wagten
  2. Die Hafenschwester – Als wir wieder Hoffnung hatten
  3. Die Hafenschwester – Als wir an die Zukunft glaubten

Der Beitrag von SAT1 zeigt die Schauplätze des Buches. Folgt Melanie Metzenthin durch Hamburg.

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