Sturmvögel - Titelbild

Stürme des Lebens

Sturmvögel von Manuela Golz

Berlin, 1994. Emmy erfährt von ihrem Arzt, dass ihr Herz zu langsam schlägt. Die 87-jährige wird sich der Vergänglichkeit bewusst und will die verbleibende Zeit nutzen, ihr Erbe zu regeln. Sie trägt seit Jahren ein Geheimnis mit sich, das sie nur einem Anwalt anvertraut hat. Bis es auch dem Leser offenbart wird, wird ihr Leben in Rückblicken erzählt. Emmy wurde 1907 auf einer Nordseeinsel geboren und lebte mit ihren Eltern und Geschwistern in einfachen Verhältnissen. In der Gegenwart lebt sie in einem eigenen Haus in Berlin. Zudem findet ihre älteste Tochter eine Akte in einem Kellerschrank, das Emmy als Eigentümerin eines Flurstücks in einem gehobenen Berliner Stadtteil ausweist. Die Hausfrau erkennt sofort, dass die Mutter möglicherweise ein größeres Erbe hinterlassen wird. Das Rätsel um dieses Vermögen wird gelüftet, indem Emmys Lebensweg in Rückblicken nachverfolgt wird.

Manuela Golz wurde zu diesem Roman von der Geschichte ihrer eigenen Großmutter inspiriert. Die meisten Menschen, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts geboren wurden, mussten ihr Leben aus der Kindheit zurücklassen und fanden sich irgendwann an ganz anderen Orten wieder. Wie Sturmvögel wurden sie vom Wind getragen und fanden irgendwo auch wieder einen sicheren Hafen. Emmy ist mit einem solchen Vogel vergleichbar. Nachdem ihre Eltern starben, musste sie die Insel verlassen, um als Dienstmädchen in Berlin für ihren Unterhalt zu arbeiten. Sie verliebte sich in den Sohn der herrschaftlichen Familie. Das Klassendenken der Gesellschaft ließ diese Liebe natürlich nicht zu. Durch die Figuren bekommt man eine Ahnung, wie auf den gegensätzlichen Seiten empfunden wurde. Für die gradlinig, pragmatisch denkende Emmy war das sicher nicht einfach. Man baut nicht nur zu ihr Empathie auf, sodass der Zeitgeist verständlich wird.

„Krieg ist ein Haufen Männer, die sich prügeln und ein Seemann, der zu Fuß geht.“

Emmy Seidlitz

Die Charaktere der Gegenwart sind ebenfalls detailreich gezeichnet. Emmy, der immer so viel lag, in der Schule etwas zu lernen, musste 1914 nach Kriegsausbruch ihrer Mutter im Haushalt helfen. Das Vorenthalten von Wissen war für sie eine Strafe. Ihre älteste Tochter Hilde ist damit zufrieden, dass sie auch nach 40 Jahren noch von ihrem Mann Günni versorgt wird. Sie hatte keinerlei Ambitionen, ihr Leben selbst zu gestalten. Sohn Otto hat sein Studium der Kunstgeschichte abgebrochen und handelt nun mit Trödel. Es scheint ein Leben von der Hand in den Mund zu sein. Lediglich die jüngste Tochter Tessa kommt ihrer Mutter nach. Ziehtochter Anni scheint noch die ähnlichste Denkweise zu haben. Diese unterschiedlichen Charaktere bilden das engste Umfeld von Emmy. Durch sie und die Erzählungen lernt man die Protagonistin in allen Facetten kennen und erhält gleichzeitig einen Überblick über die Veränderungen der Zeit. Das einfache, oft beschwerliche Leben auf der Insel seht den üppigen Ausschweifungen in Berlin gegenüber, die Emmy häufig mit ihrem trockenen Humor auf den Punkt bringt. Mit jeder Enthüllung kommt man auch dem Rätsel des Grundstücks näher.

Manuela Golz hat in berührenden Szenen ein Leben über das letzte Jahrhundert gestreckt. Sowohl die Lebensgeschichte ihrer Protagonistin als auch die Veränderungen der Gesellschaft wurden dadurch lebendig. Der Roman ist in leiser Tonart kraftvoll erzählt. Das Buch lässt sich nicht mehr so schnell unterbrechen und bekommt eine klare Leseempfehlung.

Leseprobe

Manuela Golz - Autorin


Manuela Golz, geboren 1965, studierte Germanistik, Erziehungswissenschaften und Psychologie. Sie lebt in Berlin und arbeitet seit mehr als 20 Jahren als Psychotherapeutin. 2006 debütierte sie mit ›Ferien bei den Hottentotten‹ als Autorin. Ihr neuer Roman ›Sturmvögel‹ ist vom Leben ihrer Großmutter Emmy inspiriert. (Quelle: Dumont Verlag)


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Das Rezensionsexemplar wurde mir vom Verlag Dumont über #Netgalley.de zur Verfügung gestellt. Vielen Dank dafür. Meine Meinung hat es nicht beeinflusst.

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