Die Geschichte eines Lügners - Cover

Drama in drei Akten

Die Geschichte eines Lügners von John Boyne

Erich Ackermann lernt Maurice Swift in einer Berliner Hotelbar kennen. Der attraktive junge Mann gefällt dem alternden Schriftsteller. Die beiden kommen ins Gespräch. Maurice nutzt die Chance, dem Preisträger seine Entwürfe für einen Roman zu zeigen. Ackermann schätzt sie zwar als nichtssagend ein, lobt sie aber dennoch. Unwissentlich macht er damit einen großen Fehler. Während Maurice nur auf seinen Vorteil aus ist, genießt Ackermann das Zusammensein. Er stellt Swift als Assistenten ein und macht ihn mit den Großen der Buchbranche rund um den Globus bekannt. Zudem vertraut er ihm seine Lebensgeschichte an, die Swift als Roman veröffentlicht. „Zwei Deutsche“ wird zum Bestseller, diskreditiert allerdings auch den Mentor mit nationalsozialistischem Gedankengut. Während Erich sein Leben einsam und zurückgezogen verbringt, feiert Maurice seine Erfolge.

Jahre später ist Maurice mit der vielversprechenden Autorin Edith verheiratet. Sie leitet zusätzlich Kurse für kreatives Schreiben. Daher entgeht ihr, dass Maurice den Roman kopiert, an dem sie gerade arbeitet. Just zu dem Zeitpunkt, an dem sie es herausfindet, stolpert sie und stürzt die Treppe hinab. Nach ein paar Wochen im Koma entscheidet Maurice, die Geräte abschalten zu lassen. Der Roman wird ein weiteres, beachtetes Werk, das Swift ein angenehmes Leben beschert. Als Herausgeber eines Magazins lebt er in New York und hat sogar einen Sohn. Eine Leihmutter trug Daniel aus. Auch hier lässt Boyne im späteren Verlauf eine weitere Bombe platzen, als er den 13-jährigen Asthmatiker ersticken lässt.

John Boyne hat mich bereits mit einigen seiner Bücher überzeugt. Sein Erzählstil ist kraftvoll, ohne zu dominieren. Man liest eine scheinbar leichte Geschichte, die sich Kapitel für Kapitel zum harten Brocken entwickelt. Schon auf dem Cover erkennt man den Charakter seines Protagonisten: Beherzt strich er den Namen des Autors, um seinen eigenen darunter zu schreiben. Tatsächlich ist die Handlung genau so. Maurice Swift lügt, betrügt, stiehlt und täuscht seine ganze Umwelt. Lediglich sein gutes Aussehen öffnet ihm Türen. Wieso schreibt man über einen derartigen Unsympathen? Weil der irische Schriftsteller einfach die Gabe hat, scheinbar gewöhnliche Figuren in eine komplexe Handlung zu verstricken, die im Strudel des Spannungsaufbaus immer wieder in psychische Abgründe blicken lassen. Swift kopiert ganze Romane, ist den Geschädigten einen winzigen Schritt voraus und wird für seine Taten in der Literaturszene gefeiert. Die Handlung ist schlüssig und mit den entsprechenden Umständen, könnte es genau so funktionieren. Als Leser weiß man natürlich, wie die Wahrheit aussieht, ist aber beim Lesen automatisch als stiller Beobachter verbannt. Das Entsetzen steigert sich mit der wachsenden Kaltblütigkeit des Antihelden.

Der Roman ist in drei Teile und zwei Zwischenspiele gegliedert. Jeder Abschnitt zeigt ein Stück mehr Maurice hinter einer makellosen Fassade. Zunehmend wird seine Figur tragischer. Im letzten Teil kann der Narzisst nicht anders und erzählt einem jungen Mann, der ihn sehr an seinen Sohn erinnert, seine modellierte Lebensgeschichte. Offene Fragen werden damit geklärt und die Handlung bekommt einen runden Abschluss. Gleichzeitig wird das ganze Spektrum der widerlichen Täuschungen offenbart.

John Boyne beschreibt in diesem Roman einen selbstsüchtigen, gefährlichen Menschen, dem keine Tat zu unethisch ist, um seinen Vorteil zu sichern. Die Verwerflichkeit seiner Aktionen ist indiskutabel. Vielmehr entsteht der Sog, weil man wissen will, wie weit er gehen kann, bevor es irgendwem mal auffällt. Die sorgsam komponierte Handlung bekommt eine klare Leseempfehlung.

Leseprobe

John Boyne - Autor
© Chris Close



John Boyne, geboren 1971 in Dublin, ist einer der renommiertesten zeitgenössischen Autoren Irlands. Seine Bücher wurden in mehr als vierzig Sprachen übersetzt und mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Der internationale Durchbruch gelang ihm mit seinem Roman „Der Junge im gestreiften Pyjama“, der in vielen Ländern auf den Bestsellerlisten stand und von der Kritik als „ein kleines Wunder“ (The Guardian) gefeiert wurde. (Quelle: Piper Verlag)


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  • Herausgeber: Piper
  • erschienen am 11. Januar 2021
  • Gebundene Ausgabe: 432 Seiten
  • ISBN-13: 978-3492059633
  • Originaltitel: A ladder to the sky

Das Rezensionsexemplar wurde mir vom Piper Verlag zur Verfügung gestellt. Vielen Dank dafür. Meine Meinung hat es nicht beeinflusst.

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