Alltag eines Viellesers

Bibliophile Spleens

Nur knapp ein Drittel der Deutschen lesen mehr als 30 Bücher im Jahr. Wer sich so oft mit Druckerzeugen der unterschiedlichsten Art beschäftigt, pflegt auch gewisse Rituale. Manche würden diese auch als Lesemacken bezeichnen. Verständnis findet man meist nur bei denjenigen, die ebenfalls den regen Umgang mit dem Buch gewohnt sind. Dabei hat jeder andere Vorlieben. Sind die liebgewordenen Gewohnheiten eigentlich Spleens oder wären sie auch ein Fall für die Couch?

Dieser Frage wollte ich genauer nachgehen und habe deshalb eine Umfrage im sozialen Netzwerk gestartet. Während in anderen Bereichen ungewöhnliches Verhalten meist verschwiegen wird, stieß ich diesmal auf rege Beteiligung. Mehr als 100 Follower gaben ihre Stimme für insgesamt 23 „Macken“ ab. Diese kann man in drei große Kategorien unterteilen:

  • Lese- und Kaufverhalten
  • Schutzmaßnahmen
  • Emotionale Verwicklung

Jojo-Effekt beim SuB

Immer wieder liest man von Buchliebhabern und ihrem vierstelligen SuB. Die Abkürzung steht für Stapel ungelesener Bücher. Uneingeweihte fragen sich dann vielleicht, wie hoch denn wohl solch ein Stapel sein kann. Gilt es überhaupt noch als Stapel, wenn die Bücher doppelreihig in einem Regal aufbewahrt werden? Eindeutig ja. Zum Stapel zählt jedes ungelesene Buch, unabhängig, ob er damit bis zum Mond reichen würde. Regelmäßig findet dann zwischen Aschermittwoch und Karfreitag das sogenannte Bücherfasten statt. In dieser Zeit sollen zumindest die Käufe reduziert werden. Ganz offensichtlich kennt jeder Betroffene jede Möglichkeit, sich anderweitig seinen (Lese-)Stoff zu beschaffen. Wer sich trotzdem zusammengerissen hat, befindet sich oft nach Ostern in einen wahren Kaufrausch. Ähnlich einer Diät mit Körpergewicht sind die freien Flächen im Regal also schnell wieder mit Büchern gefüllt. Resigniert schließt man sich dann Aktionen wie #21für21 an und versucht wenigstens übers Jahr 21 Bücher aus dem Bestand zu lesen. Ich kenne meine Grenzen und habe mir zumindest 12für21 herausgelegt.

Bei der Beschaffung gibt es ebenfalls schon die verschiedensten Rituale. Manche mögen keine E-Books, andere würden sich niemals ein Buch ausleihen und die nächste Gruppe kauft direkt die ganze Serie, ohne vorher den Auftakt gelesen zu haben. Bei mir ist der Fetisch bei Serien, dass jedes Buch dasselbe Format haben muss. Ich würde eine Sammlung lieber beenden als zwischen den Taschenbüchern plötzlich ein Paperback stehen zu haben. Ich würde, wohlgemerkt. Ich bringe es bei Lieblingsserien aber dann doch nicht übers Herz, meinen Figuren nicht auch im neuesten Abenteuer zu begleiten. So haderte ich über ein Jahr mit dem vierten Teil der Henkerstochter. Es dauert, bis sich der Adrenalinspiegel wieder gesenkt hat. Manchmal so lange, bis das Taschenbuch im selben Format erschienen ist. Bücher kaufe ich übrigens am liebsten in Buchhandlungen und ich glaube ganz fest daran, dass man Bücher auch nie einzeln kaufen darf. Nach oben ist natürlich kein Limit gesetzt.

Lesen mit allen Sinnen

Beim Leseverhalten gingen die Gewohnheiten auch arg auseinander. Die einen haben einen Leseplatz, andere suchen sich auch gerne draußen eine Bank, viele gehen früh zu Bett (und sind dann doch morgens unausgeschlafen). Ich brauche es beim Lesen ruhig und danke dem Erfinder der Noise-Cancelling-In-Ear-Kopfhörer täglich auf Knien, dass ich plaudernden Mitfahrern in der Bahn und handwerkenden Nachbarn damit ausweichen kann. Eine weitere Angewohnheit seit eh und je ist das Abzählen der Seiten bis zum Kapitelende. Früher wollte ich so abschätzen, ob ich das Kapitel noch schaffe, bevor ich das Licht löschen musste. Inzwischen darf ich das selber entscheiden, aber das Blättern bis zum nächsten Kapitel ist geblieben.

Nase liest mit

Wichtig ist beim Lesen auch Haptik und Geruch. Ein Buch muss sich gut anfühlen und obendrein den typischen Buchseitengeruch verströmen. Drei Teilnehmerinnen gaben sogar an, neue Bücher dürften sogar in der ersten Nacht des Einzugs im bequemen Federbett liegen, müssen aber dann erstmal aufs Regalbrett. Diese innige Bindung schaffen allerdings nur Printbücher. Zwischen diesen und ihren elektronischen Pendants – den E-Readern – scheint sich die Meinung auch zu teilen. Diese Parteien werden vermutlich niemals einig sein: Die einen sehen die Vorteile im Gewicht und beim Lesen fremdsprachiger Bücher und die anderen vermissen dabei das Papier in der Hand. Es gibt noch weitere Diskussionspunkte, die sicher mal einen eigenen Beitrag wert sind.

Zwanghafte Leseverzögerung

Bücher, die mir richtig gut gefallen, kann ich nicht in einem Rutsch durchlesen. Ich möchte es gerne, aber dann sind sie unweigerlich ausgelesen und ich kenne das Ende. Gerade bei Serien mit liebgewordenen Figuren lasse ich mir mit den finalen Bänden immer Zeit. Ich gönne mir dann ein Kapitel pro Tag und werde zur Leseschnecke. Als würde man das Ableben des Protagonisten dadurch verhindern können!

Diese Taktik klappt natürlich bei Mehrteilern recht gut. Die Clifton-Saga ist so ein Beispiel. Die ersten beiden Bände habe ich quasi ohne Pause gelesen und beim siebten habe ich mich von Abschnitt zu Abschnitt gehangelt. Ich wusste, dass es beim zweiten Lesen nicht mehr so sein wird wie bei der Premiere. Auch die Löwen-Reihe von Mac P. Lorne wurde nach demselben Prinzip gelesen. Auch hier hatte ich genügend Seiten zu lesen, die mich auf das Ende vorbereiteten.

Es gibt aber auch Bücher mit wenigen Seiten, die ebenfalls berühren und eben nie enden sollen. Wenige Seiten und sprachgewaltig kommen sie daher und wollen eigentlich in einem Rutsch gelesen werden. Bei meiner Lesegeschwindigkeit habe ich 300 Seiten an einem gemütlichen Tag inhaliert. Manchmal wird aus dem fiktiven Charakter plötzlich ein guter Bekannter, den man meint, von irgendwoher zu kennen. Dann hilft es auch nichts, wenn der Autor extra darauf hinweist, dass eventuelle Ähnlichkeiten unbeabsichtigt waren.

Flecke und Knicke

Eselsohren und Leseknicke verursachen bei den meisten Lesern Schnappatmung, oder doch zumindest Unwohlsein. Wer möchte schon seine Liebling derart versehrt sehen? Abhilfe schaffen da Lesezeichen. Unter den Lesern finden sich übrigens sehr viele Sammler der außergewöhnlichsten Seitenmarkierer. Dennoch werden noch viel mehr Dinge zweckentfremdet, um den Lesestatus leicht wiederauffindbar zu machen. Briefumschläge und Kassenzettel sind beliebte Notbehelfe. Ich hörte auch schon von Weckgummis und Schnürsenkeln. Alles, was Knicke in den Seiten vermeidet, darf verwendet werden.

Allerdings muss bei einigen Lesern auch der Buchrücken vor Lesespuren verschont werden. Das gelesene Buch sieht auch hinterher noch aus wie neu. Zugegeben, manche Bindungen lassen sich einfach ab einer gewissen Seitenzahl nicht mehr ohne Knick lesen, selbst wenn man das Buch nur ganz wenig öffnet und sich die letzten, bzw. vorderen Silben in der Buchmitte denken muss. Manche Serien haben es daher bei mir schon zum Hardcover geschafft, weil das umfangreiche Taschenbuch ziemlich mitgenommen wirkte. Die Schutzumschläge bewahre ich während des Lesens übrigens immer an einem sicheren Ort auf, wo sie weder Knicke noch Flecke bekommen können. Der Schutzumschlag ist nämlich meistens aus Papier und schützt keinesfalls. In der Umfrage haben übrigens Teilnehmer angegeben, ein Buch zu kaufen, nur weil das Cover so hübsch aussehe und sich der Klappentext gut angehört habe.

Hilfreich sind Schutzhüllen, die das Buch umschließen. Viele haben eine angenehme Haptik und manche sogar die Bezeichnung „Mordsbuch“ oder „Lieblingsbuch“ aufgestickt. Man kann sie mit rudimentären Nähkenntnissen auch selber anfertigen und dem Inhalt ein beliebiges Cover verpassen. Wenn man unterwegs ist, sind die Ecken gut geschützt und es kann auch nicht versehentlich in der Handtasche ein anderer Gegenstand zwischen die Seiten geraten und fiese Knicke verursachen. Ein weiterer Vorteil von diesen Hüllen ist, dass andere nicht sofort sehen, was dort gelesen wird. Man kann also über Trivialliteratur während einer Soziologievorlesung schmunzeln oder im vollbesetzten Bus den neuesten Erotikthriller lesen. Lesen ist ja auch etwas Privates.

Bookish Problem #181

Selbstredend, dass die kleinen Lieblinge auch nur ungern verliehen werden. Möglichst sollten die Schätze vor allen Einflüssen geschützt aufbewahrt werden. Manche sind aber so empfehlenswert, dass die Lesefreundin auch in den Genuss kommen soll. Das ist kein Problem, wenn auch sie „Bücher wie ihre eigenen Kinder behandelt“ und als „vertrauenswürdig“ eingestuft wurde. Beim Verleihen sind schon einige Freundschaften zerbrochen. Da fragt die Freundin, ob sie sich diesen Roman für den Sommerurlaub ausleihen dürfe und man realisiert nicht, dass das Eigentum nun drei Wochen an einem Strand verbringt, von mit Sonnenschutz eingeölten Händen gehalten oder am Pool spontanen Wasserfontänen ausgesetzt sein wird. Man sollte vorher unbedingt herausbekommen, ob Ansichten über Knicke, Lesedauer und Eigentumsrechte übereinstimmen. Auch vom Aufdrängen mit den Worten: „Das musst du einfach lesen!“ ist abzuraten. Wieso dieser Satz immer wieder dazu führt, dass der Nutznießer plötzlich so überhaupt keine Lust mehr auf gerade dieses Buch hat, habe ich bislang noch nicht herausbekommen. Leser sind wohl doch eher Individualisten. Aber wie kommen dann die Millionen-Bestseller zustande?

Statistiken

Das Führen von Listen über gelesene Bücher, der Höhe des SuBs, unterteilt in Genre, Kaufdatum und Lesedauer, Autorenname, Verlag, Gewicht und Farbe nimmt einige Zeit in Anspruch. Aber der Blick auf eine gutgepflegte Liste ist auch befriedigend, wie einige Leserinnen mitteilten. Das Jahr ist nicht einmal vier Wochen alt und bei „gelesen“ steht schon eine acht und eine Seitenzahl von 3.426. Wenn das so weitergeht, wird es ein ausgefülltes Lesejahr werden. Literaturverwaltungsprogramme wie Bookcook oder JabRef helfen beim Katalogisieren des Bestands und mit wenigen Klicken erhält man am Ende eine Statistik. Man erhält aber auch mit Excel eine tolle Auswertung, die am Jahresende Vergleichswerte schafft.

Tabellen helfen aber auch unveröffentlicht, seine hauseigene Bibliothek samt Wunschliste zu ordnen. Gerade bei Serien vermieden sie schon, Doppelkäufe zu tätigen. Gerade für fremdsprachige Serien, die man im deutschen Buchhandel eher wenig aufspürt, ist eine Liste in der Brieftasche oder gleich als Notiz im Handy gespeichert Gold wert. Einmal angelegt, hält sich der Pflegeaufwand auch in Grenzen.

Übliches Verhalten im Alltag

Lesen wird im Allgemeinen als einsame Tätigkeit in der selbstgewählten Abgeschiedenheit angesehen. Meine Erfahrungen gehen da in ganz andere Richtungen. Auf Messen, Lesungen und bibliophilen Veranstaltungen sind mir bisher überwiegend kommunikative Menschen begegnet, die man gerne um sich hatte und vor allem anregende Gespräche führen konnte. Die Gruppe der Lesebegeisterten wächst stetig und irgendwer ist immer dabei, der einen ähnlichen Geschmack hat. Ganz wenige Lesezwillinge finden sich darunter, weil das Angebot so umfangreich ist. Aber es gibt sie.

So individuell wie das Angebot ist, so vielfältig ist das Lesen an sich. Von der bequemen Couch bis zum naturnahen Leseplatz ist alles dabei sowie von der Auffassung, wie ein Buch nach dem Lesen auszusehen hat. Die einen müssen das Papier vorm Lesen beschnuppern, anderen genügt ein Klick auf den On-Schalter. Für die einen wertet erst die Signatur vom Meister selbst das Buch auf, die anderen scheuen die Möglichkeit eine Leseknicks. Vom Büchersammler bis zum Weiter-reisen-lassen ist alles dabei. Von daher ist das Fazit:

Ganz egal, was dir beim Lesen guttut, richte es dir bequem ein.

Lesen soll ja auch Spaß machen.

16 Gedanken zu “Bibliophile Spleens

  1. Kerstin schreibt:

    Sehr gut, ich finde auch, dass man Bücher niemals alleine kaufen darf. Das geht überhaupt nicht in einer Buchhandlung mit nur einem Buch unterm Arm zur Kasse zu schlendern. Wobei ich mir irgendwann mal die magische Zahl drei auferlegt habe. Also, dass pro Besuch in einer Buchhandlung nur drei Bücher gekauft werden dürfen, weil es in meiner Ausbildung einfach zu sehr ins Geld ging. Bei dieser Regel ist es bis heute geblieben, für mich selbst kaufe ich immer maximal drei und um die Wahrheit zu sagen, es sind auch immer genau drei. Weil eins geht gar nicht und zwei sieht auch wirklich mickrig aus und außerdem fällt meistens auf dem Weg zur Kasse immer noch ein Buchcover ins Auge das Mami zu mir sagt. Ich finde drei ist eine gute Zahl.
    Liebe Grüße
    Kerstin

    Gefällt 1 Person

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