Es wird Zeit - Cover

Abschied und Neubeginn

Es wird Zeit von Ildikó von Kürthy

Judith und Joachim sind seit 20 Jahren verheiratet. Ihre drei gemeinsamen Söhne gehen bereits eigene Wege. Das Ehepaar lebt nebeneinander her und zumindest Judith ist der Meinung, dass sie nichts mehr verbindet. Nun ist Judiths Mutter verstorben und die 49-jährige verbringt einige Tage in Wedel, in der alten Heimat, wo der Weg ins Erwachsenenalter began. Bei der Urnenbeisetzung gibt es unvorhergesehene Schwierigkeiten, weswegen sie noch einige Tage länger in ihrem Elternhaus bleibt. Zeit genug, um Erinnerungen an vergangene Tage aufzufrischen und in längst vergessenen Kartons das alte Leben mit den darin vergrabenen Träumen erneut auf den Prüfstand zu stellen.

Ildikó von Kürthy betrachtet in ihrem Roman über das Leben und Sterben elementare Fragen zu Wünschen, Bedürfnissen und deren Erfüllung. Sie sinniert über das Älterwerden und den damit verbundenen Veränderungen des Körpers, Wechseljahre und die Begleiterscheinungen des Älterwerdens. Die Träume in der Jugend sind längst nicht alle verwirklicht worden. Manche Vorlieben hat die Vernunft durch andere ersetzt. Andere sind einfach so auf der Strecke geblieben. Unweigerlich stellt man sich dann die Frage: War das alles? Dabei ist es doch nie zu spät, etwas Neues zu beginnen.

Judith bekommt durch ihren Aufenthalt in Wedel einen zweiten Blick auf das Leben, das sie hätte leben können. Sie trifft nicht nur ihre ehemals ihre beste Freundin Anne wieder, sondern auch ihre erste große Liebe. Er brach ihr vor langer Zeit das Herz und nun scheint er wieder an ihr interessiert zu sein. Das Spiel mit dem Feuer beginnt, obwohl eigentlich das Elternhaus den Besitzer wechseln soll. Mit ihm werden Anstand und Moral in der zweiten Lebenshälfte analysiert. Judith hat das Gefühl, wenn sie jetzt nicht den Mut zur Veränderung aufbringt, wird es nicht mehr klappen. Aber hat nicht auch das Bewährte und Verlässliche seinen Reiz?

„Deine Heimat ist kein Ort. Das bist du.“

Anne konfrontiert ihre Freundin mit der Vergänglichkeit im besten Alter. Sie leidet an einem Bauchspeicheldrüsentumor im Endstadium. Hoffen und Verzweiflung wechseln in rasender Geschwindigkeit. Sie macht allerdings auch deutlich, dass man nur eine begrenzte Zeit auf Erden hat und die so gut wie möglich nutzen sollte. Das Verharren in einer ungeliebten Situation ist verschwendete Lebenszeit. Möglicherweise kann man sich doch noch einen langgehegten Wunsch erfüllen und glücklich sein, wenn man mal die Vernunft außer Acht lässt. Für Anne ist das keine Option mehr. Sie muss mit ihren Kräften haushalten von Medikation zu Medikation. Aber selbst in dieser Situation versprüht sie mehr Zuversicht und Hoffnung als ihre kerngesunde Freundin.

Leseprobe

Der Roman ist traurig und hoffnungsvoll zugleich. Er regt wohl sämtliche Emotionen an. Nicht nur die offensichtlichen Zeichen des Älterwerdens werden angesprochen, sondern auch der Umgang damit. Zum eigenen Lebensweg gehört das Zweifeln, das Hadern und der Neubeginn.  Es gehört aber auch Mut dazu, sich den Herausforderungen des Lebens zu stellen. Der Inhalt inspiriert zum Zwiegespräch. Vor allem habe ich daraus erfahren, dass auch die größte Trauer auch von anderen bereits durchlebt wurde. Das nimmt eine große Last ab und schont das eigene Umfeld.

Das Tagebuch

Am 26. November 2020 lud der Rowohlt Verlag zu einem Werkstattgespräch mit der Autorin und deren Lektorin Ricarda Saul ein. Zum Bestseller erscheint ein Tagebuch, das Frauen zum Schreiben animieren soll. Die meisten Seiten sind logischerweise unbeschrieben. In dem in Leinen eingeschlagenen Buch, das ein Aquarell von Peter Pichler zeigt, sollen die Gedanken der Schreiberin sortiert werden und zu neuen Wegen anregen. Im Idealfall sei man hinterher klüger als zuvor, so von Kürthy. Eine geschätzte Kollegin riet ihr seinerzeit, sie solle über das schreiben, das ihr etwas bedeute. Ein Tagebuch ist dafür prädestiniert.

Anregungen für Gedankenausflüge sind in Abständen eingestreut. Noch mache ich mir Gedanken, welche Lieder mich in meinen jungen Jahren begleitet haben und vor allem, welche Erinnerungen ich daran habe. Die Playlist der Autorin stimmt mit meiner leider nur mit einem einzigen Lied überein. Schon habe ich eine Anregung bekommen, in der musikalischen Kulisse meines Lebensweges hineinzuhören und Erinnerungen aufzufrischen an Konzerte mit Bands, die ihre Besetzung ebenfalls ändern mussten.

Folgt man dem Tagebuch und widmet sich seinen innersten Gedanken, erreicht man in regelmäßigen Abständen die „Sonntagsseite“. Hier wird man aufgefordert, sich zu einem bestimmten Thema Gedanken zu machen. Themen sind unter anderem Hoffnung, Neid, Kraft, finanzielle Mittel und Macht. Es sind spannende Anreize, über die man sich vermutlich erst im Verlauf des Schreibens richtig klar wird. Genau das will das Tagebuch auch erreichen. Die Themen der Sonntagsseite können übrigens auf der Homepage von Ildikó von Kürthy eingereicht werden und so auch anderen einen Anstoß geben. So wird ein Weg gemeinsam gegangen. Die Seite hält noch weitere Features bereit, die die Möglichkeit zur Selbstreflexion bieten. Alles zusammen ergibt das Herzstück einer großen Familie.



© Sonja Tobias

Ildikó von Kürthy ist Rheinländerin, Mutter von zwei Söhnen, Journalistin und Kolumnistin bei der Brigitte. Sie lebt mit ihrem Mann und den Kindern in Hamburg, und besonders an Karneval hat sie schlimme Sehnsucht nach ihrer alten Heimat. Ildikó von Kürthys Romane wurden mehr als sechs Millionen Mal gekauft und in 21 Sprachen übersetzt. Sie ist eine der meistgelesenen deutschen Schriftstellerinnen, ihr erster Roman «Mondscheintarif» wurde fürs Kino verfilmt, und auch ihre Sachbücher, «Unter dem Herzen», «Neuland» und «Hilde» waren allesamt Bestseller. (Quelle: Rowohlt Verlag)


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  • Gebundene Ausgabe: 384 Seiten
  • Herausgeber: Wunderlich
  • ISBN-13: 978-3805200431
  • erschienen am 20. August 2019

3 Gedanken zu “Abschied und Neubeginn

    • frauGoetheliest schreibt:

      Hallo Anke,
      dieser Roman ist überhaupt nicht so, wie du es vielleicht von „Mondscheintarif“ oder „Freizeichen“ kennst. Es geht dort durchweg um schmerzliche Erlebnisse, die den Lebensweg beeinflusst und ein Stück auch verändert haben. Ein paar Gedanken lassen einen auch lächeln, aber von Komödie ist er weit entfernt. Versuch’s ruhig.

      Gefällt 1 Person

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