Wer ein einziges Leben rettet - Cover

Lebensretter für Tausende

Wer ein einziges Leben rettet, der rettet die ganze Welt von Dagmar Fohl

1940 besetzten die Deutschen Nationalsozialisten immer mehr Gebiete und noch viel mehr Juden versuchten durch Flucht ihr Leben zu retten. Von Bordeaux fuhren Schiffe nach New York. Wer sich ein Ticket kaufen konnte, benötigte lediglich noch einen Stempel für das Visum. Generalkonsul Aristides de Sousa Mendes war seinerzeit für die Portugiesische Botschaft tätig und erkannte die letzte Chance der Menschen. Er stellte kurzerhand die rettenden Visa aus, selbst nach dem Erteilen strengerer Regularien. Ausfüllen, stempeln, unterzeichnen war über Wochen das einzige, was er im Sinn hatte. Es war ein Wettlauf mit der Zeit. Antonio de Oliveira Salazar verfolgte mit seiner Politik ein anderes Ziel und verbot Sousa sein Tun. Es kam so weit, dass der eigenmächtig handelnde Staatsdiener zurückgeholt wurde. Sousa Mendes, der mit Frau und 14 Kindern Wohlstand gewohnt war, verarmte zusehends.

Dagmar Fohl zeichnet den Lebensweg des heutigen Volkshelden nach. Sie legt dabei den Fokus auf die wichtigsten Jahre seines Wirkens. Als Generalkonsul von Portugal im französischen Bordeaux stationiert, stellt er geschätzten 30.000 Flüchtlingen ein Visum aus, das die weitere Flucht aus dem judenfeindlichen Europa ermöglicht. Salazar, der damalige Präsident Portugals, wollte eine gute Position gegenüber dem mächtigen Deutschland einnehmen und verbot das Stempeln von Visa für heimatlose Ausländer. Der für seine Menschlichkeit geschätzte Sousa Mendes entschied sich zum Weitermachen, selbst als im Restriktionen angedroht wurden. Der Konsul wird in dieser Romanbiografie als intelligenter und großzügiger Vertreter seines Landes beschrieben, dem seine Mitmenschen wichtig waren und der auch ein bisschen sorglos ist. Er vertraute stets darauf, dass es einen Ausweg geben würde. Er liebte seine Frau Angelina und seine 14 Kinder. Außerdem unterhielt er mehr als ein Jahrzehnt eine Beziehung zu seiner späteren zweiten Ehefrau Andrée. Der Ausschnitt seines Lebens wird in Ich-Form erzählt, sodass man sich seine Beweggründe leicht erklären lassen. Belegt wird der Text durch Korrespondenzen und Erinnerungen.

In Wer ein einziges Leben rettet, rettet die Welt beschreibt Dagmar Fohl die herausragende Leistung von Aristides de Sousa Mendes. Ihr Erzählstil versetzt den Leser in die turbulente Zeit des Konsuls. Sein Einsatz rettete tausenden von Menschen das Leben. Er hatte die Gabe, das Wichtige vom Unwichtigen zu trennen und traf so Entscheidungen, selbst wenn sie nicht im Sinne seines diktatorischen Präsidenten waren. Der Einfluss schwand abrupt mit seiner unehrenhaften Entlassung und ließ die Großfamilie verarmen. Zu Lebzeiten erlangte er keine Wiedergutmachung. Er starb 1954 in Lissabon. Erst 1988 wurde sein Ruf von der portugiesischen Regierung rehabilitiert.

Leseprobe

Am Freitag, 23. Oktober 2020, las Dagmar Fohl im Speicherstadtmuseum Hamburg aus ihren beiden Romanen Wer ein einziges Leben rettet, rettet die Welt und Frieda. Der Veranstaltungsraum war durch die Pandemie-Einschränkungen nur spärlich besetzt, aber der Vortrag war umso ergreifender. Die Autorin beeindruckte übrigens auch mit einer perfekten Gesangseinlage einer italienischen Arie und verriet, dass sie vor dem Schreiben als Sängerin arbeitete.

Dagmar Fohl - Autorenlesung
Dagmar Fohl

Im ersten Teil der Lesung hörten wir das Wirken von Aristides de Sousa Mendes in Bordeaux. Es muss eine ergreifende und gleichzeitig turbulente Situation gewesen sein, wie immer mehr Flüchtlinge in die französische Hafenstadt kamen, um das Visum und damit letzte Hoffnung auf ein Leben zu bekommen. Der Zwiespalt des Konsuls, einerseits seinen Dienst im Sinne seines Landes zu erledigen und andererseits seinem Gewissen zu folgen, wurde miterlebbar. Die Entscheidung für die Menschlichkeit ließ jeden Zuhörer angespannt lauschen.

Nach der Pause ging es ebenfalls mit einer emotionalen Lebensgeschichte weiter. Frieda handelt vom Leben der Malerin Elfriede Lohse-Wächtler, die in den 20-er Jahren Erfolge feiern konnte und 1940 im Zuge der Euthanasie durch die Nationalsozialisten in der Tötungsanstalt Pirna-Sonnenstein ermordet wurde. Auch hier bekamen wir einen Einblick in das Leben eines Menschen, der sich in einer Grenzsituation befand. Die ernsten Themen waren ansprechend aufbereitet und machten vor allen auf die Biografien neugierig. Beide Bücher sind so lesenswert, wie die Lesung besuchenswert.

Das kurze Interview entstand vor der Veranstaltung. Dagmar Fohl beantwortet Fragen zum aktuellen Buch über den portugiesischen Generalkonsul. Sie verrät unter anderem, wie sie auf seine Geschichte gestoßen ist und was ihr am meisten an seinem Charakter beeindruckt hat.

Podcast


Dagmar Fohl - Autorin
© W. Heinrich

Dagmar Fohl absolvierte ein Studium der Geschichte und Romanistik in Hamburg und arbeitete als Historikerin und Kulturmanagerin. Heute lebt sie als freie Autorin in Hamburg und schreibt Romane über Menschen in Grenzsituationen. Psychologisch fundiert zeichnet sie Seelenzustände ihrer Protagonisten mit ihren Lebens- und Gewissenskonflikten, und beleuchtet gleichzeitig die gesellschaftlichen Verhältnisse und Probleme der jeweiligen Epoche, in der ihre Protagonisten agieren. (Quelle: Gmeiner Verlag)


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  • Gebundene Ausgabe: 220 Seiten
  • Herausgeber: Gmeiner-Verlag
  • ISBN-13: 978-3839227718
  • erschienen am 9. September 2020

Das Rezensionsexemplar wurde mir vom Gmeiner Verlag zur Verfügung gestellt. Vielen Dank dafür. Meine Meinung hat es nicht beeinflusst.

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