Schlaue Köpfe und der Brexit

Dear Oxbridge von Nele Pollatschek

In Großbritannien gibt es 146 Universitäten. Trotzdem denkt man immer nur an die renommierten Institutionen in Oxford und Cambridge, oder kurz Oxbridge genannt. Namhafte Absolventen wie Stephen Hawking, Prinz Charles oder Hugh Laurie machten hier ihre Abschlüsse. Aber eben auch die Mehrheit der Prime Minister des ehemaligen Empires. Es lohnt sich also ein genauerer Blick auf die beiden ältesten Universitäten des Landes. Nele Pollatschek hat ihre Erlebnisse als Deutsche in einem britischen System auf 240 Seiten zusammengefasst.

In Deutschland ist es so, in England eben anders. Das ist nicht nur nach Inkrafttreten des Brexits so, sondern war auch schon vorher für Studenten spürbar. Oxford und Cambridge gehören zu den Eliteuniversitäten Englands. Wer dort einen Abschluss macht, gehört schon allein deswegen zu den Auserwählten. Nele Pollatschek wollte ebenfalls nichts sehnlicher als einen Abschluss in Anglistik von einer dieser renommierten Hochschulen machen. Doch um einen der begehrten Studienplätze zu erhalten, muss man einige Hürden überwinden. Das liest sich zum Teil recht witzig, weil man aus ihrem Lebenslauf schon weiß, dass es geklappt hat, aber auch unglaublich, weil man sich ein so strenges Reglement kaum vorstellen kann. Es folgen noch mehr Anekdoten, die diesen Zwiespalt aufzeigen. Geschichten sind halt wie ein Feuerwerk unter Wasser, würde ein Student in seinem Essay schreiben.

Die Autorin schildert ihre Erlebnisse, um ihr Ziel zu erreichen. Sie erzählt dabei nicht nur von Oxbridge, sondern auch vom britischen Lebensstil, anerzogenen Charakteristika und ganz viel Politik. Das ist nicht verwunderlich, kamen doch die meisten Regierungschefs von einer dieser beiden Universitäten. Boris Johnson in roter Hose ist dabei noch die angenehmste Vorstellung. Aber lest mal die Schweinegeschichte seines Vorgängers. Pollatschek gibt den Blick frei hinter die ehrwürdigen Mauern, den wir so nicht erwartet haben. Manche Verhaltensweisen finden eine offenliegende Erklärung und man merkt, dass sie ihre Mitmenschen im Verlauf der sieben Studienjahre genau beobachtet hat.

Trotz der schonungslosen Abrechnung, was wohl auch typisch Deutsch ist, kann sie im letzten Kapitel doch ihre Liebe zum Land ausdrücken. Durch den Austritt Großbritanniens aus der EU ist es jetzt nicht mehr ganz so einfach, einen langjährigen Aufenthalt zu planen. Es wird sicher weiterhin Wege geben, weil die Menschen, die an eben diesen Positionen sitzen eben doch die nötige „Kindness“ haben und damit ihre Möglichkeiten ausschöpfen. Ich war zwar nie an einer der erwähnten Hochschulen, konnte aber gerade dieses Entgegenkommen auch bei meiner besuchten Privatschule entdecken. Der Erfahrungsbericht macht Spaß und hilft notfalls auch temporär über die Trauer wegen des Ausstiegs hinweg. Man möchte einfach abwarten und dabei Tee trinken. Keep calm and read this book.

Eine weitere Meinung findet ihr bei Manuela von Lesenswertes aus dem Bücherhaus.

Leseprobe

Nele Pollatschek
© privat

Nele Pollatschek wurde 1988 in Berlin geboren. Sie hat Englische Literatur und Philosophie in Heidelberg, Cambridge und Oxford studiert. 2018 wurde sie in Oxford zur Theodizeefrage im viktorianischen Roman promoviert. Ihr Debütroman Das Unglück anderer Leute (2016) wurde mit dem Friedrich- Hölderlin-Förderpreis und dem Grimmelshausen-Förderpreis ausgezeichnet. Seit Sommer 2019 präsentiert sie in hr2 kultur Pollatscheks Kanon: Weltliteratur zum Mitreden.


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  • Broschiert: 240 Seiten
  • Verlag: Galiani-Berlin
  • erschienen am 21. Januar 2020
  • ISBN-13: 978-3869712031

Das Rezensionsexemplar wurde mir vom Galiani-Berlin Verlag zur Verfügung gestellt. Vielen Dank dafür. Meine Meinung hat es nicht beeinflusst.

2 Gedanken zu “Schlaue Köpfe und der Brexit

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