Showdown am Weihnachtsabend

Die Frau ohne Namen von Greer Hendricks und Sarah Pekkanen

Jess arbeitet als mobile Kosmetikerin in New York. Eigentlich wollte sie Schauspielerin werden. Von dem, was sie verdient, unterstützt sie ihre Familie. Jess geht nur wenige Bindungen ein und hat als Vertraute nur ihre Freundin Lizzie. Als die 28-jährige zufällig bei einer Kundin auf eine gutbezahlte Studie aufmerksam wird, übertritt sie die erste Grenze der Moral. Mit der Hoffnung auf das schnell verdiente Geld bewirbt sie sich und lernt Dr. Shields kennen. Es beginnt ein Frage- und Antwortspiel rund um ethische Verhaltensweisen, das langsam seine Fänge ausstreckt und immer unübersichtlicher wird.

Nach The Wife between us (Die Wahrheit über ihn) waren die Erwartungen dieses zweiten Werks vom Autorenduo Greer Hendricks und Sarah Pekkanen hoch. Die Inhaltsangabe versprach eine ebenso fesselnde Geschichte wie beim Vorgänger. Es ist aber keineswegs angelehnt, außer dass es ebenfalls in einem Rutsch gelesen werden will. Der Ausgangspunkt scheint harmlos als die Moralstudie mit Testperson 52 im Raum 214 des Instituts beginnt. Wann ist eine Lüge moralisch verwerflich? Beginnt es bei einem Kompliment über ein Kleidungsstück, das man in Wirklichkeit nicht passend findet, oder erst beim Betrug? Ist der falsche Zutritt zu einer Studie verwerflicher als das Angeben eines falschen Namens bei einem One-Night-Stand? Durch geschickt gestellte Fragen lernt Shields ihre Probandin schnell sehr gut kennen und einschätzen. Sie spielt mit ihrer Bedürftigkeit und isoliert sie sukzessiv aus ihrem Umfeld.

Nachdem die Studie begonnen hat, erfährt man, dass es bereits eine Testperson 5 gegeben hat. Jess recherchiert darüber und wird gewarnt. Eine psychologische Studie kann so tödlich sein wie eine Waffe. An diesem Punkt hat die Handlung ein sehr hohes Tempo erreicht, das mehr als einen Ausgang zulässt. Unwillkürlich muss man über das Lügen nachdenken und welche Folgen eine unbedachte Äußerung haben kann bis hin zur Manipulation, wenn die Wahrheit verschwiegen wird. Zum Schluss erkennt man, dass sich die Ereignisse um die Eingangsfragen der Studie drehen. Ein Blick zurück lohnt sich.

Gewöhnungsbedürftig ist, dass manche Szenen plötzlich in der dritten Person beschrieben werden, obwohl man doch eigentlich noch Dr. Shields neben sich wähnte. Ihre Erinnerungen und Wahrnehmungen lassen die Perspektive wechseln und schaffen Distanz. Sobald das deutlich ist, sorgt die unbeteiligte Nüchternheit zusätzlich für Gänsehaut. Nebensächlichkeiten werden plötzlich zum Angelpunkt der Studie und stellen freundliches Verhalten als Gefahr dar. Die Beteiligten werden zu Verdächtigen und keiner legt seine Karten offen auf den Tisch.

Die Frau ohne Namen bietet temporeichen Lesespaß mit Thrill. Seine Stärken sind die psychologischen Verstrickungen der Charaktere und die wechselnden Perspektiven. Man kann Empathie zu jedem aufbauen und entscheidet letztendlich selber, was moralisch tragbar ist. Die eingangs erwähnte Erwartungshaltung überträgt sich nun auf den dritten Roman aus der Feder des US-amerikanischen Autorenduos, der im Englischen im März 2020 unter dem Titel You are not alone erschienen ist.

Leseprobe

Bei Tintenhain könnt ihr eine weitere Rezension zum Buch lesen.


© Bill Miles

Greer Hendricks arbeitete über zwei Jahrzehnte als Lektorin bei Simon & Schuster. Davor erwarb sie an der Columbia University einen Master in Journalismus. Ihre Beiträge erschienen u.a. in der New York Times und bei Publishers Weekly. Greer lebt mit ihrem Ehemann und zwei Kindern in Manhattan. The Wife Between Us ist ihr erster Roman.

© Bill Miles

Sarah Pekkanen ist eine internationale Bestsellerautorin und hat bereits sieben Romane veröffentlicht. Als investigative Journalistin und Autorin schrieb sie u.a. für die Washington Post und USA Today. Sie ist Mutter von drei Söhnen und lebt außerhalb von Washington, D.C. Das Buch verkaufte sich in 30 Länder, stieg sofort an der Spitze der New-York-Times-Bestsellerliste ein und wird von DreamWorks verfilmt.


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  • Broschiert: 464 Seiten
  • Verlag: Rowohlt Taschenbuch
  • erschienen am 24. März 2020
  • ISBN-13: 978-3499001444
  • Originaltitel: An Anonymous Girl

Das Rezensionsexemplar wurde mir vom Rowohlt Verlag zur Verfügung gestellt. Vielen Dank dafür. Meine Meinung hat es nicht beeinflusst.

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