Ein todbringendes Archiv

Der rote Judas von Thomas Ziebula

Leipzig, 1920. Paul Stainer, ehemaliger Major und Kriminalkommissar, kehrt aus der Kriegsgefangenschaft in seine Heimat zurück. Er freut sich nach den Jahren seiner Abwesenheit auf sein Zuhause und seine Frau Edith. Doch die Zeit ist nicht stehengeblieben. Von Stainer kam zu lange keine Nachricht, sodass sie dem Werben eines anderen Mannes nachgegeben hat. Sie weiß nichts vom Aufenthalt ihres Mannes im Lazarett und fordert die Scheidung. Doch Stainer ist niemand, der so schnell aufgibt. Er kümmert sich zunächst darum, dass er wieder als Kommissar eingesetzt wird und schon sein erster Fall erfordert all sein Können. Es sieht aus, als habe sich ein Mann umgebracht, aber Stainer findet die Ungereimtheiten. Als nächstes wird er zu einer Villa in Gohlis gerufen, wo offenbar eingebrochen wurde. Auch hier passt für ihn nicht alles zusammen. Fast zu spät entdeckt er, dass auch er selbst im Visier der Mörder geraten ist.

Die meisten historischen Kriminalromane füllen die Zeit zwischen den Weltkriegen, ohne auf die Besonderheiten der Zeit einzugehen. Thomas Ziebula stellt aber gerade diese Ereignisse in den Vordergrund. Der Große Krieg hatte die Menschen verändert. 17 Millionen Menschen verloren auf den Schlachtfeldern ihr Leben. Die Überlebenden mussten sich auch emotional an die Entbehrungen und der ständigen Gefahr anpassen. Soldaten aller Nationen führten Befehle aus, die ihnen Unmenschliches abverlangten. Der Krieg bedeutete aber auch eine gewisse Dynamik. Er stumpfte die Seelen ab und ab einem gewissen Punkt hinterfragten die Menschen ihr Tun nicht mehr. Als Ende 1918 der Waffenstillstand in Compiègne vereinbart wurde, war für die Soldaten der Krieg längst nicht beendet. Die Gegner hielten sie zum Teil noch Jahre in Gefangenschaft. Dennoch ließ diese Zeit die Gräueltaten nicht vergessen. Das Massaker im belgischen Dinant wird daher zur plausiblen Erklärung der fiktiven Mordserie. Während die Täter verzweifelt versuchen, die Erinnerungen an ihre Taten abzustreifen und in ein Leben zurückzufinden, kommt der Rächer wie eine unheilvolle Wolke immer näher.

Dichtgewebte Atmosphäre

Geschickt platziert der Autor, der Leipzig als seine Lieblingsstadt bezeichnet, die Figuren. Rund um den Protagonisten Stainer positioniert er Kollegen der Wächterburg, des Polizeipräsidiums in Leipzig, sein privates Umfeld und die Familie eines Kleinkriminellen. Die eigentlichen Drahtzieher hinter dem großen Auftrag bleiben im Nebulösen. Herren mit Hüten und hochgeschlagenem Mantelkragen geben wie in Kriegszeiten Order, Menschen zu beseitigen. Das Muster des Vorgehens ist ebenfalls nicht leicht zu erkennen. Stainer sammelt zunächst nur Fakten zusammen und ahnt nur, dass die Morde erst der Anfang sind. Der logisch denkende Kommissar mit dem Handikap der zeitweisen Amnesie wird gleichzeitig emotional belastet, weil er sich dringend wünscht, seine Ehe aufrecht zu erhalten. Damit sammelt er Sympathien und lässt die Leser beim finalen Showdown um ihn mitfiebern.

Der Krimi liest sich viel zu schnell. Man ist nah am Protagonisten und begibt sich mit ihm in eine bedrohliche Situation, die man förmlich am eigenen Leib spüren kann. Selbstredend, dass die Spannung auf einem hohen Level bleibt. Die Umgebung Leipzigs ist detailliert ausgearbeitet, sodass man sich auch zurechtfindet, wenn man noch niemals vor Ort gewesen ist. Der Roman ist definitiv ein Krimi, aber er trägt ebenfalls ein großes Stück Zeitgeschichte bei, die in den Geschichtsbüchern häufig keine Erwähnung findet.

Leseprobe

Thomas Ziebula - Autor
© Stephan Cremer

Thomas Ziebula ist freier Autor und schreibt vor allem Fantasy- und historische Romane. 2001 erhielt er den Deutschen Phantastik-Preis. Seine erste Krimi-Reihe um Inspektor Paul Stainer vereint auf beeindruckende Weise Thomas Ziebulas Leidenschaft für deutsche Zeitgeschichte, spannende Kriminalfälle und seine Liebe zu der Stadt Leipzig, die bis heute seine deutsche Lieblingsstadt ist. Der Autor lebt mit seiner Familie in der Nähe von Karlsruhe. (Quelle: Rowohlt Verlag)


#Anzeige#

  • Gebundene Ausgabe: 480 Seiten
  • Verlag: Wunderlich
  • erschienen am 28. Januar 2020
  • ISBN-13: 978-3805200066

Das Rezensionsexemplar wurde mir vom Rowohlt Verlag zur Verfügung gestellt. Vielen Dank dafür. Meine Meinung hat es nicht beeinflusst.

Ein Gedanke zu “Ein todbringendes Archiv

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.