Das Erbe der Persönlichkeit

Leuchtende Tage von Astrid Ruppert

Lisette Winter wurde am Tag der Inthronisierung von Kaiser Wilhelm II. geboren. Ihr kaisertreuer Vater sah das als störend an. Sie ist nach zwei Brüdern das dritte Kind einer wohlhabenden Familie. Schon als Kind spürt sie die Unterschiede, nach denen Männer und Frauen handeln dürfen. Ihre Mutter setzt alles daran, ihre Tochter nach den angesehenen gesellschaftlichen Gepflogenheiten zu erziehen und scheitert damit. Lisette weigert sich, den ausgesuchten Adeligen zu heiraten, freundet sich mit einem Dienstmädchen an und verliebt sich obendrein in den Schneider, der ihr eigentlich nur die neue Garderobe anfertigen sollte. Im Sommer 1906 lässt Lisette ihr gewohntes Leben hinter sich und beginnt mit Emile ein neues. Das junge Paar erhält Unterstützung von einer befreundeten Dame der höheren Gesellschaft und schafft sich so ein Auskommen. Lisette entwirft Kleider, die Emile näht. Als Sohn Henri geboren wird, scheint das Glück perfekt. Doch dann bricht der Große Krieg aus und Emile wird an die Somme geschickt.

Astrid Ruppert lässt ihre Leser in Leuchtende Tage, dem ersten von angekündigten drei Teilen, in die Umbruchszeit des Deutschen Reichs eintauchen. Die biedere Kaiserzeit mit der dazugehörigen Frauenrolle beschreibt sie am Beispiel von Lisettes Kindheit. Ihre traditionell eingestellte Mutter hinterfragt niemals ihre eigene Position. Sie fühlt sich in ihrer Abhängigkeit von ihrem Ehemann gut aufgehoben und versucht, das auch auf ihre Tochter zu übertragen. Das Villenviertel in Wiesbaden drückt eben dieses Gefühl aus, das die Herrschaften vermittelten. Die Figuren agieren dabei glaubhaft ebenso wie die gewählte Sprache authentisch wirkt. Die Kaiserzeit erfährt im 20. Jahrhundert jedoch einen Umbruch. Die Forderungen der Suffragetten werden auch in Deutschland gehört und Frauen strebten eine gesellschaftliche Gleichberechtigung an. Dieser zeitgemäße Frauentyp wird von Lisette verkörpert.

Der Roman besteht aus zwei Zeitebenen. 2006 steht auch Maya vor den Scherben ihrer Beziehung. Ihre Träume scheinen sich in Luft aufgelöst zu haben. Während sie zu ihrer Mutter Paula ein distanziertes Verhältnis hat, versteht sie sich mit ihrer Großmutter Charlotte prächtig. Charlotte ist es, die Maya über Lisette erzählt und somit beide Handlungsstränge miteinander verbindet. Die Familiengeschichte hat einen spannenden Aufhänger mit der Flucht aus dem behüteten Elternhaus und muss sich dann in der Realität bewähren. Auch Mayas Geschichte ist lesenswert, da man den direkten Vergleich zur damaligen Zeit hat. Sie verdeutlicht, wie sehr sich die Gesellschaft verändert hat und lässt erahnen, welch immensen Einfluss eine Vergangenheit auf die nachfolgenden Generationen hat. Faszinierend sind auch die immer wieder einfließenden Ergebnisse der tiefgehenden Recherche wie das Gewicht, das Frauen allein durch ihre sittsame Kleidung mit sich herumtragen mussten: mehr als vier Kilo brachte eine normale Alltagsbekleidung auf die Waage.

Der Erzählstil hat ein angenehmes Tempo, sodass man Lisettes Geschichte kaum aus der Hand legen kann. Dramaturgisch hat sich die Autorin an die Zeitgeschichte gehalten, wodurch man die Zeit direkt vor dem Ersten Weltkrieg, der damals noch als Großer Krieg bezeichnet wurde, aus Sicht der zivilen Bevölkerung hautnah verfolgen kann. Man kann den Zerfall der Klassengesellschaft schon spüren und durch die Zugeständnisse, die den Frauen im Bezug auf Bildung und Rechten gemacht werden, wird der Weg in eine modernere Welt ermöglicht.

Der Roman, der zwar als Rückblick erzählt wird, aber dessen Vergangenheitsstrang eine Eigendynamik entwickelt, ist der Auftakt zu einer Trilogie über die Frauen der Familie Winter. Er ist gleichzeitig eine Studie über das Mutter-Tochter-Verhältnis und ein Versuch der Erläuterung, wie Sehnsüchte entstehen. Fortgesetzt wird die Familiengeschichte mit Die wilden Jahre und berichtet von Paulas Leben in den 70-ern.

Leseprobe

© Peter Porst


Astrid Ruppert studierte Literaturwissenschaft und arbeitete mehrere Jahre als Producerin und Redakteurin für das Fernsehen, bis sie während einer unfreiwilligen Auszeit zu schreiben begann. ›Leuchtende Tage‹ ist ihr fünfter Roman und der Beginn einer Trilogie über die Geschichte vierer Generationen von Müttern und Töchtern einer Familie. Astrid Ruppert, selbst Tochter, Mutter und Großmutter, geht hier der Frage nach, welches Band die Frauen einer Familie eigentlich zusammenhält. Wann gibt dieses Band Halt, und wann und wie kann man es lösen? Und wie prägt man selbst diese Beziehungen. (Quelle: dtv)


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