Der Ursprung der Suppenküche

Das Novembermädchen von Katrin Tempel

Lina Morgenstern wächst auf einem Gutshof bei Breslau auf. Sie ist die jüngste von drei Töchtern und interessiert sich zum Missfallen ihrer Mutter für Astronomie, Kunstgeschichte und Naturwissenschaften. Vielmehr sollte sie sich so geben, wie es sich in der Mitte des 19. Jahrhunderts für eine heiratsfähige Dame geziemt. Dem wissbegierigen Mädchen wird obendrein das Klavierspiel und Lesen verboten. Bei einer Gesellschaft im elterlichen Gutshaus lernt sie ihren späteren Ehemann Theodor kennen. Der politische Flüchtling musste wegen der Revolution gegen russischen Zaren aus seiner Heimat fliehen und arbeitet bei Verwandten in einem Kaufhaus. Für Linas Mutter scheint er nicht der geeignete Ehemann, doch ihre Tochter setzt sich durch. Sie geht mit ihm nach Berlin und bewirkt dort großartige, soziale Einrichtungen, die noch heute Bestand haben.

Katrin Tempel rekonstruiert in dieser Romanbiografie das Leben der Lina Morgenstern. Sie führte ein bewegtes Leben als Schriftstellerin, Frauenrechtlerin und Sozialaktivistin. Sie begann ihre Wohltätigkeit bereits in Breslau mit dem Pfennigverein zugunsten armer Schulkinder. Als ihr Ehemann in finanzielle Schwierigkeiten kam, griff die inzwischen fünffache Mutter zu Stift und Papier und schrieb Kinderbücher. Damit trug sie zum Auskommen der Familie bei. Sie erkannte obendrein, dass auch die Mütter der Kinder Unterstützung bei der Bewältigung des Alltags gebrauchen konnten. Sie schrieb für die Hausfrauenzeitung, die sie auch selber verlegte. Im Krieg gegen Frankreich organisierte sie eine Suppenküche für die Soldaten, wo sie mit wenigen finanziellen Mitteln nahrhafte Speisen zubereiten ließ. Sie erregte damit die Aufmerksamkeit der späteren Kaiserin Augusta, mit der sie eine tiefe Freundschaft verband.

Suppenlina, wie sie bald genannt wurde, lernte allerdings auch die Schattenseiten des Ruhms kennen. In der Zeit, in der Lina lebte, hatte der Mann das Sagen und die Frauen wurden im Geschäftsleben kaum geduldet. Zudem unterstellte man ihr aufgrund ihres jüdischen Glaubens, dass ihre Hilfsbereitschaft lediglich ihr Streben nach Reichtum verdecken sollte. Die Bedrohung, die die ganze Familie nun aushalten musste, ist im Roman plastisch dargestellt. Die Protagonistin hat zu diesem Zeitpunkt schon die ganze Sympathie des Lesers auf ihrer Seite, sodass man ungläubig die Handlung verfolgt. Ihre Widersacher sind zum besseren Verständnis auf eine Person reduziert. Vom heutigen Standpunkt betrachtet, war Lina Morgenstern eindeutig ihrer Zeit voraus und hat die Weichen für andere soziale Einrichtungen gestellt. Sie hat sich für die Bildung von Frauen eingesetzt, Kindergärten gegründet und die Essensausgaben für Bedürftige organisiert. Ihr Kochbuch ist eine Sammlung von über 2.800 Rezepten, in denen jede Hausfrau das richtige für ihre Familie in jeder Lebenslage findet. Die Romanbiografie hält sich dicht an der belegten Historie und ist zudem spannend zu lesen. Die revolutionären Gedanken sind seit 130 Jahren in unserem Miteinander integriert.


© Birgid Allig / Piper Verlag

Katrin Tempel wurde in Düsseldorf geboren und wuchs in München auf. Nach ihrem Geschichtsstudium arbeitete sie als Journalistin, heute ist sie Chefredakteurin der Zeitschrift „LandIdee“. Außerdem schreibt sie Drehbücher (unter anderem den historischen ZDF-Zweiteiler „Dr. Hope“). Mit ihren Romanen, unter anderem „Holunderliebe“ und „Mandeljahre“, gelangen ihr große Publikumserfolge. Unter dem Namen Emma Temple veröffentlicht sie bei Piper weitere Romane, zuletzt „Die Nebel von Connemara“. Sie lebt mit ihrem Mann und der gemeinsamen Tochter in Bad Dürkheim an der Weinstraße. (Quelle: Piper Verlag)


  • Taschenbuch: 352 Seiten
  • Verlag: Piper Taschenbuch
  • erschienen am 2. Oktober 2018
  • ISBN-13: 978-3492307413

Der Roman ist für die Verleihung des Goldenen Homer 2018 nominiert. Die Veranstaltung findet am 23. November 2019 um 20:30 Uhr im Altstadttheater Ingolstadt statt.

7 Gedanken zu “Der Ursprung der Suppenküche

    • frauGoetheliest schreibt:

      Hallo Anya,
      der Roman ist für den Goldenen Homer nominiert. Eine Voraussetzung dafür ist, dass die Geschichte historisch abgeschlossen sein muss. Es darf auch kein Pro- oder Epilog in die Gegenwart reichen. Von daher kannst du alle nominierten getrost lesen, wenn du rein historische Handlungen suchst. Dieses Jahr werden die Romane von 2018 nominiert und die Zeitspanne reicht vom 12. Jahrhundert bis 1928.

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