Ein Verschwinden mit Folgen

Die Schuld jenes Sommers von Katherine Webb

Frances hat sich bereit erklärt, den Abend auf den sechsjährigen Davy aufzupassen. Es ist der Geburtstag ihrer besten Freundin Wyn, die vor 24 Jahren plötzlich verschwand. Obwohl es anzunehmen ist, dass das Mädchen einem Verbrechen zum Opfer gefallen ist, ist die Hoffnung, sie lebend wiederzufinden, nicht ganz aufgegeben. Frances ist an diesem Abend in einer gedrückten Stimmung und gibt die Verantwortung für Davy eine kurze Zeit ab. In dieser Zeit wird Bath von der Deutschen Luftwaffe bombardiert und große Teile der Stadt zerstört. Eine Bombe hinterlässt einen Krater, in dem das Skelett eines Mädchens gefunden wird. Auch das Haus, in dem Davy untergebracht war, ist eine Ruine. Aber es gibt Hinweise, dass er lebend entkommen ist. Frances macht sich auf die Suche nach dem Neffen ihrer damals besten Freundin.

Katherine Webb erzählt in ihrem siebten Roman die Geschichte einer Freundschaft, die sich vor 24 Jahren verlor. Frances und Wyn haben als Kinder gerne in einem verlassenen Gebäude gespielt, in das sich sonst niemand hinein traute. Dass sich dort ein entflohener Soldat aufhielt, war ihr Geheimnis. Auf zwei historischen Zeitebenen werden die Ereignisse aus dem Jahr 1918 zusammengesetzt, bis ein deutliches Bild entsteht. Es geht in beiden Zeiten um das Verschwinden eines Kindes, wobei schnell deutlich wird, dass Wyn etwas Tragisches zugestoßen sein muss. Je häufiger Frances an den Plätzen vorbei kommt und mit den Erinnerungen konfrontiert wird, desto mehr lichtet sich der diffuse Nebel. Als Erwachsene hat sie einen anderen Blick auf die Geschehnisse. Eine Polizistin nimmt sich dem abgeschlossenen Fall wieder an. 1918 wurde offenbar der Falsche gehängt. Ein Wettlauf mit der Zeit beginnt, da sich auch Davy in derselben Gefahr befindet wie seinerzeit Wyn.

Bath als Spiegel des seelischen Innenlebens

Der historische Roman beschreibt die Bombardierung von Bath im Jahre 1942. Mehrere Flugzeuggeschwader flogen über die Stadt im Westen Großbritanniens und zerstörten einen Großteil der Stadt. Der Ausnahmezustand ist zugleich die Kulisse für die fiktive Handlung, dessen zentraler Punkt Wyns Familie ist. Sie wohnten in ärmlichen Verhältnissen, während Frances leicht ihr Essen mit der Freundin teilen konnte. Es geht dabei um Freundschaft, Verlust und Verrat. Die Blickwinkel sind dabei altersgerecht verteilt. Spannung wird erzeugt, weil der wahre Mörder nicht gefasst wurde und immer wieder falsche Fährten gelegt werden. Ich hatte mindestens drei Verdächtige, bevor ich es kurz vor Schluss dann doch noch erahnen konnte.

Der Roman lebt zusätzlich von der Gefühlsaufruhr seiner Protagonistin. Frances gibt sich seit jenen Kindheitstagen die Schuld am Verschwinden von Wyn. Hätte sie ihre Freundin begleitet, könnte sie womöglich noch leben. Hätte sie früher einen Erwachsenen um Hilfe mit dem Soldaten gebeten, wäre alles anders gekommen. Diese destruktiven Gedankengänge belasten Frances seither. Die Suche nach Davy reißt diese Wunden erneut auf, da sich auch das Ereignis ähnelt. Wieder hat Frances eine falsche Entscheidung getroffen und ein Mensch muss darunter leiden. Die nervliche Anspannung steigt mit jeder vergeblichen Suche. Bemerkenswert ist, dass diese Belastung keineswegs übertrieben dargestellt wird, sondern nahezu in Echtzeit nachzuvollziehen ist.

Der historische Roman schildert die zwei Wochen nach der Bombardierung von Bath kombiniert mit jede Menge Thrill. Nachdem man die Figuren zugeordnet hat, fühlt man sich heimisch. Die britische Autorin baut die Spannung subtil auf, die den Leser für sich einnimmt. Es ist einer der wenigen Bücher, bei denen sowohl der Deutsche als auch der Originaltitel The Disappearance zum Inhalt passen.

Leseprobe

© Adrian Sherratt

Katherine Webb, geboren 1977, wuchs im ländlichen Hampshire auf und studierte Geschichte an der Durham University. Heute lebt sie in der Nähe von Bath, England. Nach dem großen internationalen Erfolgsdebüt »Das geheime Vermächtnis« folgten zahlreiche Romane wie »Das fremde Mädchen« oder »Italienische Nächte«, die die Autorin auch in Deutschland zu einer festen Größe auf der SPIEGEL-Bestsellerliste machten. (Quelle: Randomhouse)

An der diesjährigen litlove (9.+10. November 2019) wird die Autorin teilnehmen. Geplant haben wir einen Podcast rund ums Thema Verlust und die Bombardierung von Bath 1943.


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Das Rezensionsexemplar wurde mir vom Diana Verlag zur Verfügung gestellt. Vielen Dank dafür. Meine Meinung hat es nicht beeinflusst.

2 Gedanken zu “Ein Verschwinden mit Folgen

  1. Katrin Faust schreibt:

    Hallo,
    eine sehr gefühlvolle und traurige Geschichte. Ich habe mir die Leseprobe durchgelesen und werde mir das Buch auf jeden Fall besorgen. Hat sogar was historisches und zeigt wie schlimm die damalige Zeit war. Hoffentlich passiert sowas nicht nochmal.
    LG Katrin

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