Familiensaga mit Geheimnissen und Intrigen

Das Gutshaus im Alten Land von Micaela Jary

Finja von Voss ist überrascht, einen Mann auf der Domäne ihres Vaters anzutreffen, der ihrem Bruder wie aus dem Gesicht geschnitten ähnelt. Schnell merkt sie, dass dieser Fremde nicht ihr Bruder sein kann, auch wenn er viel von der Familie aus Neuenfelde im Alten Land weiß. Wünschenswert wäre es schon, wenn der Erbe des Gutshofes heimkehren würde, da der Vater im Sterben liegt. Aber Lennart gilt seit der Schlacht an der Somme als vermisst. Sein Bruder Gerrit ist als Journalist nach Amerika ausgewandert und steht dem Hof ebenfalls nicht zur Verfügung. Einzig Finjas Cousin Roland könnte durch eine Heirat den Gutshof übernehmen, doch das lehnt die junge Frau entschieden ab. Vielmehr geht sie auf die Idee ihrer Mutter ein, den unbekannten Doppelgänger als eigenen Sohn auszugeben. Doch Lennart hatte seiner Familie etwas Wichtiges verschwiegen, was nun für Aufregung sorgt.

Micaela Jary platziert geschickt eine Familie vor die Kulisse des beschaulichen Landstrichs vor den Toren Hamburgs. Das Gemächliche wird gestört, als Clemens auftaucht und an Lennarts Stelle tritt. Zusätzlich kommt mit zwei neuen Bewohnern von York Spannung hinein, weil sie Clemens bereits im Zug kennengelernt hatten. Ein weiterer Konflikt entsteht durch die veränderte Erbfolge, die den am Profit orientierten Neffen Roland leer ausgehen lässt. Die auf dem Gut arbeitenden Bediensteten geben ebenfalls Einblick in das damalige Leben. Ihre Bedürfnisse und vor allem der Wunsch nach Selbstbestimmung spiegeln sich in der Bildung der politischen Ansichten. Damit sind die Charaktere ausreichend beschrieben, um Neugier beim Lesen zu wecken. Finja kann Sympathien sammeln und man leidet mit ihr, wenn sie sich den gesellschaftlichen Erwartungen der Zeit beugen soll. Die turbulente Zeit zwei Jahre nach dem Ersten Weltkrieg war gezeichnet von heimkehrenden Versehrten, die sich stark verändert hatten. Insofern ist auch die Geschichte von Clemens glaubhaft verwoben.

Der Schreibstil nimmt die Leser mit auf eine wunderbare historische Reise. Die ländliche Idylle umrahmt die intrigante Familiengeschichte mit den nur mühsam verborgenen Geheimnissen. Man kann sich die Obstplantage bildhaft vorstellen und die Pferde in den Stallungen. Finja ist eine für ihre Zeit äußerst modern denkende Frau. Sie hat durch die Belastungen in den Kriegsjahren ihre eigenen Grenzen kennengelernt und möchte sich nun nicht mehr einschränken lassen. Die gesellschaftlichen Gepflogenheiten veränderten sich in dieser Zeit und das Rollenbild erfuhr eine Reform. Der Handlungsverlauf nimmt diesen Umbruch auf und veranschaulicht ihn durch verschiedene Frauenfiguren. Zum Roman ist eine gleichnamige Vorgeschichte erhältlich, die die Figuren einführt und die späteren Zusammenhänge weniger geheimnisvoll erscheinen lässt. Zum Verständnis ist sie nicht notwendig. Die aus Hamburg stammende Autorin beweist mit dem Gutshof im Alten Land erneut großartige Erzählkunst für historische Ereignisse.

Leseprobe

Das Gutshaus im Alten Land war für die Verleihung des Goldenen Homer 2019 nominiert. Vor der Veranstaltung in Ingolstadt hatte ich die Gelegenheit, mit der Autorin ein paar Worte zu wechseln.

Podcast

© Rossigraphie




Micaela Jary stammt aus Hamburg und wuchs im Tessin auf. Sie arbeitete lange als Journalistin, bevor sie sich ganz dem Schreiben von Romanen widmete. Nach einem langjährigen Aufenthalt in Paris lebt sie heute mit Mann und Hund in Berlin und München. Zum Schreiben begibt sie sich aber auch in ein kleines Landhaus nahe Rostock. (Quelle: Randomhouse)



#Anzeige#

  • Taschenbuch: 416 Seiten
  • Verlag: Goldmann Verlag
  • erschienen am 20. August 2018
  • ISBN-13: 978-3442485963

5 Gedanken zu “Familiensaga mit Geheimnissen und Intrigen

  1. Karin Wesel schreibt:

    Mit großem Vergnügen habe ich diese Vorgeschichte gelesen und freue mich nun auf das Buch. Die wie immer hervorragende Recherche der Autorin und ihr feines Gespür für Historisches lässt Geschehen und Charaktere ausgesprochen authentisch und nahe wirken. Es ist eine sehr gute Idee, die Vorfreude auf den Roman auf diese Weise anzuheizen. Dies funktioniert ebenso gut wie ein leckerer „Gruß aus der Küche“ im Lieblingsrestaurant. Allein auf die Formatierung der einen Handlungsebene in Kursivschrift hätte ich verzichten können; meiner Meinung nach ist das nicht nötig und stört eher den Lesefluß.

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.