Leben hinter der Mauer

Interview zu Die geteilten Jahre von Matthias Lisse

Auf der diesjährigen Frankfurter Buchmesse hatte ich Gelegenheit, Matthias Lisse zu seinem Roman Die geteilten Jahre zu befragen. Am Stand des Droemer Knaur Verlags fanden wir eine ruhige Ecke und plauderten über eine halbe Stunde. Mit dabei war seine Frau Inga, deren abenteuerliche Flucht aus der DDR über die Prager Botschaft im Roman nachzulesen ist. Im Gespräch hört man deutlich, wie sich die ständige Kontrolle des Regimes auf das Leben ausgewirkt hat. Im Podcast werden die Erfahrungen und Gefühle des Ehepaares während der Zeit herausgestellt. Die bewegende Familiengeschichte soll nicht nur an den 30. Jahrestag des Mauerfalls erinnern, sondern vor allem auch an ein Leben in einem totalitären Staat.

Anzuhören ist das Interview im

Podcast

Verwendete Quelle: Audioauszug aus dem Video-Beitrag auf www.youtube.com von Fran Waiter, Titel „Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten“ vom 14.05.2011; heruntergeladen am 07.09.2019; Link https://www.youtube.com/watch?v=YjgKKOdVRx4


Die geteilten Jahre ist dein persönlichstes Buch. Wann hast du begonnen, diese unglaubliche Geschichte aufzuschreiben?

M. L.: Eigentlich wollte ich das Buch nie schreiben, weil es mir zu persönlich und letztlich auch intim war. Aber zuerst haben meine Frau, später auch der Verlag gedrängelt, und irgendwann kapituliert man und hisst die weiße Fahne. Heute bin ich sehr froh, dass es den Roman gibt. Daran gearbeitet habe ich mehr als ein Jahr und mich immer wieder gefragt: Kannst du das wirklich so erzählen? Zudem hatte ich von Seiten des Verlages eine begrenzte Seitenvorgabe und musste mich deshalb immer wieder entscheiden, worauf ich die Schwerpunkte lege und was ich weglasse. Stoff hätte es für mehr als 1000 Seiten gegeben.

Die Arbeitsweise zu deinen sonstigen Büchern dürfte sich ja auch unterschieden haben. Zumindest musstest du die Lebensläufe der Hauptfiguren nicht erst mühsam recherchieren. Ist das Schreiben als Abschluss mit dem vorherigen Leben zu sehen?

M. L.: Ich denke, ganz schließt man mit seiner eigenen Geschichte nie ab, sie holt einen immer wieder ein. Die dramatische Flucht meiner Frau sowie unserer Tochter und das Buch, dass ich darüber verfasst habe, hatten uns Ende September eine Einladung zum „Fest der Freiheit“ nach Prag und zu einem Empfang in die Deutsche Botschaft eingebracht. Auf dem Balkon zu stehen, von dem Hans-Dietrich Genscher damals seinen berühmten Halbsatz gesprochen hat, mit seinem Amtsnachfolger Heiko Maas ausführlich zu sprechen und an einer Podiumsdiskussion über die Ereignisse von vor dreißig Jahren teilzunehmen war für meine Frau Traumabewältigung pur.
Die Recherchen für das Buch waren teilweise schwieriger als für meine historischen Romane. Es gibt Kurzkapitel immer wieder als Einblendung zwischen der Lebensgeschichte, die z.B. im Politbüro, in der Bonzensiedlung Wandlitz oder in Honeckers Arbeitszimmer spielen. Da muss jedes noch so kleine Detail stimmen, denn schließlich gibt es noch Zeitzeugen, die meine Beschreibungen wiederlegen könnten. Worauf ging der Blick des Generalsekretärs, wenn er aus dem Fenster schaute, was hingen für Bilder an der Wand, wie war die Gästesitzgruppe beschaffen? Was gab es in Wandlitz in den ausschließlich den dort Lebenden vorbehaltenen Geschäften an Nahrungsmitteln und Kleidung zu kaufen und wie waren die Sicherheitsmaßnahmen beschaffen? Alles Dinge, die ich exakt darstellen wollte und hoffe, dass es mir gelungen ist.

In deinem Buch lässt du die Grenzen der SBZ auch für die Bewohner spürbar werden. Wie hoch war deiner Meinung nach der Anteil derer, die sich dort tatsächlich wohl gefühlt haben?

M. L.: Das ist ganz schwer zu sagen. In unserem direkten Verwandten- und Bekanntenkreis keiner. Ich kenne eigentlich nur einen einzigen, der sich mir gegenüber einmal sehr klar zur DDR und ihrer Gesellschaftsordnung bekannt hat. Das war mein Chef in Graditz, Dr. Neisser, ein sehr erfahrener Hippologe, den ich persönlich sehr geschätzt habe. Der hätte auch jedes Gestüt in der Bundesrepublik erfolgreich leiten können und wäre hier vielleicht SPD-Mitglied gewesen. Die anderen Genossen, die ich kenne, waren durch die Bank weg Mitläufer oder Opportunist, ihre Aussagen zum Sieg des Sozialismus reine Lippenbekenntnisse. Viele sind einfach in die SED eingetreten, um ihre Karrierechancen zu verbessern. Andererseits hat es sie schon gegeben, die überzeugten Kommunisten und Sozialisten, davon kann man ausgehen. Aber um die haben wir einen großen Bogen geschlagen, denn deren Denken war uns völlig fremd. Wie kann man glauben, eine neue, bessere Welt zu schaffen, wenn man gleichzeitig die Menschen, die sie aufbauen sollen, einsperren muss?

Du warst beim Bau der Mauer noch ein Kind. Wann hast du mit deinen Eltern über diese Zeit und die damit verbundenen Gefühle gesprochen?

M. L.: Eigentlich sehr spät, denn als Kind bestand immer die Gefahr, dass man sich in der Schule oder gegenüber Freunden diesbezüglich verquatschte. Und die Stasi hörte immer mit. Ich habe in dem Buch versucht darzustellen, was das für ein Spitzelstaat war und dass letztlich niemand dem anderen vertrauen konnte. Deshalb sehe ich das auch sehr kritisch, wenn es immer wieder heißt: Der Zusammenhalt zwischen den Menschen war zuzeiten der DDR besser, man hat sich mehr geholfen. Damals haben wir es geahnt und uns deshalb bezüglich zu enger Kontakte zurückgehalten, heute wissen wir es. Selbst engste vorgebliche Freunde und Bekannte haben Berichte über Zusammenkünfte wie belanglose Gespräche im Garten oder anlässlich einer Betriebsfeier weitergegeben.

Grenzzaun ehemalige DDR

War das ein Anstoß für die Entstehung des Erfahrungsberichts?

M. L.: Letztlich war es die abenteuerliche Flucht meiner Frau und unserer Tochter über die amerikanische Botschaft in Prag in die deutsche. Als ich meine ersten drei historischen Romane geschrieben hatte, begann sie mich zu drängen, einmal unsere Geschichte aufzuschreiben, weil schon unsere Tochter, die vier Jahre alt gewesen war als sie den schweren Weg in Prag ging, nicht mehr wusste, wie es damals gewesen war. Aber den letzten Anstoß hat erst Jahre später das Angebot des Droemer-Verlags gegeben, den Roman zum 30. Jahrestag des Mauerfalls zu veröffentlichen. Da konnte ich dann einfach nicht mehr Nein sagen. Ich denke heute, dass es wichtig ist, die Erinnerung wach zu halten und der verklärenden Ostalgie, wie sie gerade wieder besonders von Linken Politikern gepflegt wird, entgegenzutreten.

Du schilderst die Willkür der Obrigkeit in allen Formen. Ab und zu lässt du Lehrer und Chefs auflaufen. Hat dich das Wissen um die Konsequenzen in manchen Fällen zurückgehalten?

M. L.: Auf alle Fälle. Das Bedürfnis, einen Stasi-Knast von innen zu sehen, hielt sich in engen Grenzen. Und damit musste man immer rechnen, stellte man sich gegen das Regime oder es gar in Frage. Also galt es schon, sich reiflich zu überlegen, was man sagte. Doch die kleinen Möglichkeiten, die man hatte, die haben wir dann auch genutzt, so wie ich es mehrfach dargestellt habe. Aber letztlich war es immer eine Wanderung auf einem schmalen Grat. Jedes falsche Wort konnte als „Herabwürdigung der DDR“ oder „Staatsfeindliche Hetze“ geahndet werden. Ich möchte gar nicht wissen, wie oft ich mit einem Bein im Gefängnis gestanden habe. Die Szene, die ich während meines Studiums schildere, hat sich exakt so abgespielt, und ohne das Eingreifen meines damaligen Rektors wäre mein Leben wahrscheinlich ganz anders verlaufen. Dabei habe ich nur Texte zitiert, die vorher schon durch die DDR-Zensur gegangen waren.

Das Regime hat mit allen Mitteln die Idee des Sozialismus durchdrücken wollen. Was ist dir persönlich dabei als schlimmstes Mittel vorgekommen?

M. L.: Die permanente Indoktrination, die tatsächlich schon bei den Kleinsten in der Kinderkrippe begann. Deshalb haben wir auch versucht zu verhindern, dass unsere Tochter das mit machen musste. Jede Individualität wurde nach Möglichkeit unterdrückt. Das setzte sich dann über Schule, Armee, Studium und berufliche Tätigkeit fort. Nur das Kollektiv und die Gemeinschaft zählten. Die Menschen wurden permanent angelogen, bis hin zu den höchsten Ebenen. Alle Berichte über Planerfüllung oder Fortschritte im Aufbau des Sozialismus waren geschönt. Notgedrungen habe ich mich u.a. bei den Lehrjahresanalysen auch daran beteiligt und seitenweise aus dem „Neuen Deutschland“ zitiert. Aber was hatte das mit der fachlichen Ausbildung von Pferdewirten zu tun. Der Unterschied zwischen der allgegenwärtigen Propaganda in den Zeitungen und Medien und dem tatsächlichen Leben hätte größer nicht sein können. Als dann der Druck, das auch noch an die Auszubildenden weiterzugeben und selbst Mitglied der SED zu werden ständig wuchs, war für mich endgültig das Maß voll.

Als du dich 1988 entschlossen hast, nicht mehr in die DDR zurückzukehren, gingst du gleichzeitig das Risiko ein, dass deine Familie Strafen auferlegt bekommt. Hat es einen Plan B gegeben? (außer zurück zu gehen)

M. L.: Einen Plan B direkt nicht, nur eine sehr sorgfältige, zweijährige Planung im Vorfeld. Wenn uns damals allerdings tatsächlich bewusst gewesen wäre, was auf uns hätte zukommen können, wäre das Unternehmen von uns so wahrscheinlich nicht in Angriff genommen worden. Anfangs stand für mich, als ich im Westen war, noch die Option, zurückzufahren. Aber als man mir von verschiedenen Seiten her sehr deutlich verstehen gab, dass meine Aktivitäten bezüglich späterer Familienzusammenführung und meine Suche nach Arbeit in der DDR bekannt sein dürften, war auch die vom Tisch. Von der Stasi bezahlte Spitzel die das in die DDR meldeten, gab es auch in der Bundesrepublik. Ich hätte damit rechnen müssen, dass man mich schon an der Grenze aus dem Zug geholt und für mehrere Jahre wegen geplanter Republikflucht ins Gefängnis gesteckt hätte. Und was wäre dann geworden? Ich hätte meine Frau und meine Tochter auch nicht sehen können und wäre an der Situation vielleicht zerbrochen. Ein Bundesbürger konnte jederzeit z.B. nach Amerika reisen, um sich dort über die Lebensbedingungen für sich und seine Familie bei einer Übersiedlung zu erkundigen. Als DDR-Bürger bist du dafür sofort in den Knast gegangen.

Es gelang ja immer mal jemanden die Flucht. Manche hatten dann einen tragischen Unfall. Hattest du niemals die Befürchtung, das könnte dir auch passieren?

M. L.: Doch, die hatte ich, denn schließlich war ich in der DDR in exponierter Stellung in der Berufsausbildung tätig gewesen. An solchen „Verrätern“ hat die Stasi gern mal ein Exempel statuiert. Deshalb galt es sehr vorsichtig zu sein, vor allem abends und nachts. Ich hatte in meinem Käfer immer griffbereit eine großkalibrige Gaspistole liegen und hätte ohne zu zögern abgedrückt, wäre ich angegriffen worden. Ein magerer Schutz, ich weiß, aber er gab mir zumindest das Gefühl mich zur Not wehren zu können. Relativ sicher habe ich mich erst gefühlt als ich in Österreich zu arbeiten angefangen habe. Das wäre dann für die Stasi doch sehr aufwendig gewesen, mich dort zu belangen. Dass ich mich dann auch noch in die Tschechoslowakei – einen sozialistischen Bruderstaat der DDR – gewagt habe, um meine Familie wiederzusehen und den vierten Geburtstag meiner Tochter mit ihr gemeinsam zu feiern, war aus späterer Sicht der reine Wahnsinn und auch recht naiv. Aber es ist ja letztlich gutgegangen, und wir hatten wieder einmal gemeinsam die Genossen ausgetrickst.

Wärst du als Familienvater und Ehemann auch im Westen geblieben, wenn du eine weniger mutige Frau an deiner Seite gehabt hättest?

M. L.: Eher wohl nicht. Meine Frau war es letztlich, die mich gedrängt hat, diesen Weg zu gehen. Ihr wurde irgendwann klar, dass ich an den ständigen Widersprüchen zerbrechen würde. Sie war es auch, die alles akribisch geplant hat. So ließ sie mich z.B. im Februar noch die Obstbäume in unserem Garten verschneiden, weil ich das jedes Jahr getan habe. Und tatsächlich konnte ich später in meiner Stasi-Akte lesen, dass mit meinem Verbleib in der BRD nicht zu rechnen gewesen war, weil ich kurz vor meiner Reise noch die Bäume verschnitten hätte. Mehr braucht man zu dem Überwachungsstaat glaube ich nicht zu sagen. Es war für mich unsagbar schwer, mich auf dem Bahnhof von meiner Frau und meiner damals dreijährigen Tochter zu verabschieden. Wie schlimm das war und wie verzweifelt man sein musste, um so einen Schritt zu gehen, kann glaube ich nur jemand nachvollziehen, der so etwas selbst erlebt hat.

Inga, du beweist in den Tagen nach der Flucht deines Mannes unheimliche Nervenstärke. Woher hast du diese Kraft genommen?

I. L.: Da ich in der Endkonsequenz diejenige gewesen bin, die meinem Mann geraten hat, im Westen zu bleiben, habe ich mich lange gedanklich damit beschäftigt, wie ich reagieren würde, trat der Fall dann tatsächlich ein. Ich war also vorbereitet und hatte auf alle mir gestellten Fragen von Seiten der Betriebsleitung meines Mannes, der Ausreisebehörden und auch der Stasi die passenden Antworten parat. Außerdem möchte ich einmal behaupten, über eine gewisse Nervenstärke zu verfügen. Die braucht man, wenn man wie ich im Sportfechten bis zu den DDR-Meisterschaften erfolgreich gewesen ist. Das kam mir hier zugute, und ich hatte auch großes Vertrauen in meinen Mann und wusste, dass er nur drüben bleiben würde, wenn er eine Chance sah, uns in einem überschaubaren Zeitrahmen nachzuholen. Ich hatte beim Abschied auf dem Bahnhof und schon mehrfach zuvor zu ihm gesagt: Bau uns ein Nest und versuch uns so schnell wie möglich nachzuholen. Und das hat er dann ja auch getan und mein Vertrauen gerechtfertigt.

Eigentlich bist du ja sogar zwei Mal geflüchtet. Wann kam bei dir das Gefühl, dass es nun endlich geklappt hat?

Deutsche Botschaft in Prag (Foto: M. Lisse)

I. L.: Als ich das erste Mal über die amerikanische in die deutsche Botschaft gelangt bin, waren meine Tochter und ich die ersten und einzigen Zweitbesetzer. Das machte mir doch etwas Angst, vor allem, als man mir sagte, dass es sich bei der gestrigen Aktion um eine einmalige Angelegenheit gehandelt hätte. Ich verließ also noch einmal die Botschaft und rief vom Wenzelsplatz aus meinen Mann an, der zuvor in der CSSR an der Grenze zu Ungarn bei dem Versuch, uns rüberzubringen, festgenommen und ausgewiesen worden war. Er hatte zwischenzeitlich aber im Fernsehen schon gehört, dass es neue Flüchtlinge in der Botschaft gab – also uns – und es eine Nachfolgereglung geben würde. Darauf sind meine Tochter und ich den schweren Weg noch einmal gegangen. Diesmal waren wir nicht mehr die Einzigen und ich sehr froh, die Entscheidung über das weitere Geschehen in kompetente Hände abgeben zu können. Das endgültige Gefühl, es geschafft zu haben kam aber erst auf, als die Züge über die bundesdeutsche Grenze bei Hof rollten und in den Waggons die Sektkorken knallten.

Matthias, kannst du das Gefühl beschreiben, als ihr das erste Mal nach der Grenzöffnung wieder nach Köthen gefahren seid?

M. L.: Es war ein beklemmendes, weil die Grenzanlagen noch nahezu unverändert vorhanden waren. An einer Stelle mussten wir die Pässe an einen Grenzer abgeben, der noch genau so aussah, wie zwei Jahre zuvor und ebenso unfreundlich war. Sie verschwanden in seinem Häuschen, und an einer weiteren Stelle bekamen wir sie dann von einem anderen mit ausdruckslosem Gesicht zurück. Ich glaube, die waren damals – es war kurz vor Weihnachten – mit der Gesamtsituation noch völlig überfordert. Jahrelang waren sie die Größten und unangreifbar gewesen, ja hätten sogar Menschen erschießen dürfen und wären dafür belobigt worden. Jetzt hatte sich das Blatt gewendet und sie bangten um ihre Zukunft. Ich habe damals während des ganzen Aufenthaltes in der Noch-DDR die Luft angehalten und erst wieder aufgeatmet, als wir nach ein paar Tagen in Helmstedt Richtung Hannover erneut die Grenze nach dem Westen passierten. Noch heute habe ich ein ungutes Bauchgefühl, fahren wir über die ehemalige Zonengrenze.

Im Buch kann man lesen, dass ihr den 3. Oktober 1990 in Kenia verbracht habt. Genießt man die Weite Afrikas intensiver, wenn man vorher so eingeschränkt war.

M. L.: Es war immer der große Traum meiner Frau, einmal auf den Spuren von Dr. Grzimek wandeln zu können. Das ich ihr den ein Jahr nach ihrer Flucht erfüllen konnte, hat mich sehr glücklich gemacht. Und ja, es war ein unbeschreibliches Gefühl, plötzlich so frei zu sein wie die Tiere, die man beobachten konnte, den Kilimandscharo vor sich zu sehen und zu wissen, dass nun alles möglich war und es nur noch an einem selbst lag, sich seine Träume erfüllen zu können.

Wie geht es dir dabei, wenn nach den Wahlen die Linken wieder in der Regierung mitmischen??

M. L.: Ich bin Demokrat und Europäer mit Leib und Seele und denke, dass eine Opposition zwingend notwendig zur Demokratie dazugehört, auch eine Linke. Aber was ich nicht sehen möchte, sind Leute, die früher die abgehackten Hände – das SED-Parteiabzeichen – am Revers getragen haben, in verantwortlichen Positionen in der Politik. Die haben mit ihrer verblendeten Denkweise und ihren unsinnigen Vorstellungen von einem sozialistischen Menschenbild schon einmal ein Land in den Ruin getrieben und die Bevölkerung bis zum Exzess in ihren Freiheiten beschnitten. Eine zweite Möglichkeit, das zu wiederholen, sollte man ihnen besser nicht geben.
Aber ein Satz ist mir noch wichtig. In einer Rezension zu den „Geteilten Jahren“ wird gesagt: „An einigen Stellen merkt man den immer noch vorhandenen Hass des Autors auf die Bonzen-Truppe des DDR-Regimes.“
Dem ist definitiv nicht so. Ich bin sowieso der Meinung, dass heute mit dem Begriff „Hass“ zu inflationär umgegangen wird. Wenn ich meine Gefühle diesbezüglich selbst ausdrücken soll, dann trifft wohl eher das Wort „Verachtung“ zu. Wenn man glaubt, ein ganzes Volk einsperren zu müssen, um ihm seine verquere Ideologie aufzudrängen, dann hat man keinen Realitätsbezug. Leute, die so denken, gehören eigentlich in Behandlung und nicht an die Spitze eines Staates.

Aktuell ist „Der Herzog von Aquitanien“ erschienen. Damit betrittst du als Autor wieder gewohntes Terrain. Kannst du dir vorstellen, noch einen Roman als Matthias Lisse zu schreiben?

M. L.: Vielleicht, eine Idee hätte ich schon. Der Ungarn-Aufstand 1956 wäre ein interessantes Thema, und Freunde der Familie meiner Frau darin involviert. Aber das wird die Zeit weisen, und vorerst habe ich andere Pläne.

Darfst du uns verraten, an was du jetzt gerade arbeitest?

M. L.: Nur ein ganz klein wenig. Es wird einen neuen Roman über meinen Lieblingskönig geben. Bei den Recherchen dazu bin ich bezüglich seines Todes vor Ort auf völlig neue Erkenntnisse gestoßen, die mich fast umgehauen haben. Vielleicht kann ich das Buch nächstes Jahr hier an gleicher Stelle schon vorstellen. Und dann gibt es weitere Verträge und Vorabsprachen mit meinem Verlag bezüglich nachfolgender Projekte. So schnell gehen mir die Ideen nicht aus.


© Foto Hintermann GmbH, Waldkirchen, Germany


Matthias Lisse wurde 1957 geboren. Aufgewachsen in der DDR, studierte er aus politischen Gründen statt Geschichte und Literatur Veterinärmedizin und später Pferdezucht und -sport und wurde Militaryreiter sowie Ausbildungsleiter des bedeutendsten Vollblutgestüts der DDR.
Im Frühjahr 1988 gelang ihm die Flucht in die Bundesrepublik, ein Jahr später folgten ihm seine Frau und Tochter. Gemeinsam bauten sie einen Reit-und Zuchtbetrieb in Bayern auf, wo sie noch heute leben. (Quelle: Droemer Knaur Verlag)


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  • Gebundene Ausgabe: 432 Seiten
  • Verlag: Droemer HC
  • erschienen am 2. September 2019
  • ISBN-13: 978-3426282014

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