Der langsame Zerfall eines Hotels

Ein Hummerleben von Erik Fosnes Hansen

Der 13-jährige Sedgewick, von allen nur Sedd gerufen, ist Vollwaise und wächst bei seinen Großeltern in einem norwegischen Urlaubsgebiet in den Bergen auf. Sie betreiben das Hotel Fåvnesheim, wo der Junge eifrig hilft, es dem Gast so angenehm wie möglich zu machen. Sein Hobby ist das Fotografieren, wofür er sein Trinkgeld spart. Die immer weniger werdenden Gäste nimmt er gar nicht zur Kenntnis. Das prägnanteste Erlebnis in seinem jungen Leben war der Tod des Bankdirektors, während er im Hotel zu Abend aß. Sedd wendete seine Kenntnisse in Erster Hilfe an, die dem Sterbenden aber nicht mehr halfen. Der verstorbene Bankdirektor hatte offenbar eine besondere Beziehung zu den Zachariassens, wie man später erfährt.

Eric Fosnes Hansen erzählt die Geschichte des letzten Aufbäumens gegen die drohende Insolvenz eines ehemals gehobenen Hotels. Aus Sicht des 13-jährigen folgt man den Versuchen, das Hotel vor dem Bankrott zu retten. Die Großeltern haben anfangs nicht akzeptiert, dass auch ein großes Hotel wie das ihrige irgendwann nicht mehr genügend Gäste anzieht. Sie versuchen alles, um durch die Ausrichtung von Hochzeiten und organisierten Angeltouren das nötige Geld heranzuschaffen. Sedd hilft, wo er kann und erspart somit immer mehr bezahlte Handgriffe vom Personal. Der Autor schafft es, die Situation zu verdeutlichen, ohne sie explizit zu beschreiben. Man hat den Eindruck, die Geschehnisse als Teenager mitzuerleben. Sedd fehlen Erfahrung und die realistische Einschätzung der Konsequenzen.

Der Junge hat nur noch eine blasse Erinnerung an seine Mutter, die vor vielen Jahren von jetzt auf gleich verschwunden ist. Seinen Vater hat er nicht mehr kennengelernt. Der indische Arzt ist vor seiner Geburt gestorben. Seine Bezugspersonen sind seine Großeltern und das Personal des Hauses. Der Koch ist ihm ein väterlicher Freund. Als sich die elfjährige Karoline mit ihren Eltern mehrere Wochen im Hotel aufhält, freunden sich die beiden an. Karoline findet Sedd oftmals „öde“, was in der Geschichte zwar ein Denkanstoß ist, aber dennoch der jugendlichen Sprache treu bleibt.

Der Tourismus in Norwegen in den 80-er Jahren wird bildhaft beschrieben. Die zurückgehende Anzahl an Besuchern, weil erschwingliche Flugpreise Reisen ins Ausland attraktiver werden lassen, leiten den schleichenden Verfall der Hotels in der norwegischen Bergwelt ein. Die saisonalen Attraktionen wurden nicht mehr ausreichend genutzt, um den Familien ein ganzjähriges Auskommen zu gewähren. Übertragen auf die Lebensdauer eines Hummers darf der Leser die letzten Stunden vorm heißen Finale miterleben. Man weiß, was kommen wird, bibbert aber mit den Figuren, ob sie irgendwie doch noch die Katastrophe abwenden können. Auf 380 Seiten hat man das Gefühl, ein stiller Beobachter zu sein. Die Figuren sind wie Bekannte, denen man gerne unter die Arme greifen würde, es aber über die Distanz doch nicht kann.

Der Roman um die norwegische Hoteliersfamilie ist berührend, ernüchternd und auf ruhige Weise mitreißend. Er erzählt aus Sicht des minderjährigen Enkels eine Geschichte von Zerfall und Verdrängen gespickt mit einigen tragischen Ereignissen. Er erzählt aber auch eine Geschichte von Hoffnung und Loyalität.

Leseprobe

Da Norwegen das Gastland auf der Frankfurter Buchmesse 2019 ist, liest der Autor am Donnerstag, 17. Oktober, im Pavillon des Gastlandes.


© Marcel Leliënhof/Tinagent



Erik Fosnes Hansen wurde 1965 in New York geboren. Er wuchs in Oslo auf, wo er heute lebt. Zwei Jahre studierte er in Stuttgart (und spricht hervorragend Deutsch). Seinen ersten Roman »Falkenturm« schrieb er im Alter von 18 Jahren, das Buch wurde gleich nach seinem Erscheinen 1985 in Norwegen als literarisches Ereignis gefeiert. »Choral am Ende der Reise« wurde zu einem internationalen Bestseller. (Quelle: KiWi Verlag)


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  • Gebundene Ausgabe: 384 Seiten
  • Originaltitel: Et hummerliv
  • Verlag: Kiepenheuer&Witsch
  • erschienen am 22. August 2019
  • ISBN-13: 978-3462050073

Das Rezensionsexemplar wurde mir vom KiWi Verlag zur Verfügung gestellt. Vielen Dank dafür. Meine Meinung hat es nicht beeinflusst.

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