Literarisches Norwegen

Das Gastland der diesjährigen Frankfurter Buchmesse (#FBM19) ist Norwegen. 18 Autoren werden auf 40 Veranstaltungen zu sehen und zu hören sein. Auf der Pressekonferenz in Leipzig stellten sich im März bereits einige Autoren vor. Unter dem Motto „Der Traum in uns“ organisiert NORLA (Norwegian Litrature Abroad) den Ehrengastauftritt. Grund genug, sich das Land im Norden Europas mal genauer anzusehen.

Das skandinavische Land mit den sehenswerten Fjorden hat 5,3 Millionen Einwohner. Die Bevölkerungsdichte liegt derzeit bei 13 pro Quadratkilometer (in Deutschland tummeln sich da 226). Möglicherweise ist dieser natürliche Abstand zu allem der Grund, warum Norwegen von 156 Ländern den zweiten Platz auf der Liste der weltweit glücklichsten Länder belegt. Bei so viel Ungestörtheit kann man sicher viel lesen.

Die erste Hauptstadt war Trondheim, dann Bergen, bevor die dritte von Cristiana in Oslo umgetauft wurde. Wer denkt, dass Metropolen wie London oder New York kostspielig sind, sollte mal zur Einkaufstour nach Oslo fahren. Leisten können sich die Bewohner das allemal. Norwegen gehört zu den reichsten Ländern der Welt.

Das Land liegt so nah am Polarkreis, dass acht der zwölf Monate Winter herrscht. Tromsø liegt rund 350 Kilometer nördlich des Polarkreises. Dort beginnt im Mai ein Tag, der erst Ende Juli zu Ende geht. Über unseren gängigen Ausspruch „mein Tag könnte 48 Stunden haben“, können die Norweger nur lächeln. Sie nutzen das lange Tageslicht übrigens auch für allerlei Veranstaltungen.

Nördlich des Polarkreises ist es fast die ganzen Sommermonate hindurch hell. Dafür kann man im Winter auch tagsüber eine Nachtwanderung machen. Diese Dunkelheit wird in den einschlägigen Krimis mit skandinavischen Ermittlern oft als Erklärung für deren depressive Verstimmung genommen. Dabei kann man gerade dann spektakuläre Polarlicher in grün, weiß oder violett am Himmel beobachten.

Bei der Recherche zum diesjährigen Gastland der Frankfurter Buchmesse stolperte ich über ein 2006 erlassenes Gesetz, das eine Matratzenpflicht in norwegischen Kuhställen vorschreibt. Verstehen kann ich dieses tierfreundliche Verhalten. Vermutlich werden die deutschen Kühe nun neidisch auf ihre skandinavischen Verwandten sein.

Mehr als Rentiere und Ölplattformen

Wer die notwendigen 2.600 Kilometer zur Länderdurchquerung nicht selber fahren möche, kann sich auch ein Ticket der Hurtigruten kaufen. Das Postschiff fährt täglich entlang der norwegischen Küste von Bergen bis Kirkenes. Auf diese Weise erreicht man Dörfer, die keinen befahrbaren Landweg haben. Die Lebensmittel werden auf diesen Routen fast ausschließlich von regionalen Herstellern bezogen. Zu den kulinarischen Köstlichkeiten gehören natürlich Fisch, Molkereiprodukte und das leckere Hefebrot. Man schmeckt also das Land, während man sacht an den Fjorden vorbeifährt. Die gesamte Distanz legt man je nach Jahreszeit in fünf bis sechs Tagen zurück. Es gibt sogar Live-Übertragungen der Route in Echtzeit im Fernsehen. Man nennt dies übrigens Slow-TV.

Populäre Norweger sind unter anderm Henrik Ibsen, der mit seiner Musik in Erinnerung bleibt und auch viele Autoren haben sich eine Stammleserschaft aufgebaut. Vor allem scheinen Krimis aus Norwegen zu kommen. Jo Nesbø war einer der ersten Erfolgsautoren mit seiner Serie um Harry Hole, ebenso wie seine Kollegin Anne Holt. Wie müssen wir uns das nordische Land also vorstellen? Wird dort überwiegend perfide, brutal und sinnlos gemordet? Genau das will ich herausfinden und nutze bei der diesjährigen Buchmesse die Fülle an Informationen über das Gastland.

Gelesen habe ich folgende Bücher:

  • Anne B. Ragde – Lügenhaus-Serie
  • Johan Havstad – Max, Mischa und die Tet-Offensive
  • Gard Sveen – Die stille Tochter
  • Eric Fosnes Hansen – Ein Hummerleben

Sie alle haben mich mit ihrem Schreibstil und den leisen Stimmen im Hintergrund für sich eingenommen. Das Anliegen der NORLA ist es, die norwegische Literatur in die Welt hinaus zu tragen, die Lust am Lesen zu fördern und darüber zu kommunizieren. Genau das ist in den nächsten fünf Tagen auch mein Ziel.


Der Claim des Gastlandes stammt aus dem Gedicht von Olav H. Hauge. Es wurde 2016 von Lesern und Zuschauern des norwegischen Senders NRK zum bedeutendsten norwegischen Gedicht aller Zeiten gewählt. Hauge war einer der aktivsten Übersetzer fremdsprachiger Dichtkunst ins Norwegische. Eine Ausgabe des Buchs Dikt i umsetjing (dt.: Dichtung in der Übersetzung) aus dem Jahr 1992 enthält die Werke von 27 Dichtern, die Hauge aus dem Englischen, Deutschen und Französischen übersetzt hatte. Der ausgebildeter Gärtner lebte am Starvangerfjord vom Obstanbau und hinterließ ein mehr als 4.000-seitiges Tagebuch, das ein faszinierendes Leben aufzeigt.

Der Traum in uns von Olav H. Hauge (1908-1994)

Det er den draumen

Det er den draumen me ber på
at noko vedunderleg skal skje,
at det må skje –
at tidi skal pona seg
at hjarta skal opna seg
at dører skal opna seg
at berget skal opna seg
at kjeldor skal springa –
at draumen skal opna seg,
at me ei morgonstund skal glida inn
på ein våg me ikkje har visst um.

deutsche Übersetzung:

Das ist der Traum

Das ist der Traum, den wir tragen,
daß etwas Wunderbares geschieht,
geschehen muß –
daß die Zeit sich öffnet,
daß das Herz sich öffnet,
daß Türen sich öffnen,
daß der Berg sich öffnet,
daß Quellen springen –
daß der Traum sich öffnet,
daß wir in einer Morgenstunde gleiten
in eine Bucht, um die wir nicht wußten.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

Diese Seite verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden..