Eine Familie in den Fängen ihrer Zeit

Eine Familie in Deutschland – Am Ende die Hoffnung
von Peter Prange

Als am 1. September 1939 der Zweite Weltkrieg begann, war man in der Stadt des KdF-Wagens eifrig am Bauen. Hier sollte nicht nur ein Automobilwerk entstehen, sondern auch die Musterstadt des Führers. Der Architekt Peter Koller zeichnete Grundrisse und plante die Infrastruktur und Anton Piëch übernahm vor Ort den Aufbau der Produktionsstätte. Horst Ising, ein Sohn des ehemaligen Zuckerfabrikanten aus Fallersleben, war als Ortsgruppenleiter am Geschehen beteiligt. Auch sein älterer Bruder Georg ist als Ingenieur im Büro von Ferdinand Porsche an der Entwicklung des Volkswagens beteiligt. Auch bei den Schwestern ist das Leben nicht stehengeblieben. Edda reist mit Leni Riefenstahl durchs Land auf der Suche nach filmenswerten Ereignissen. Nur Charly empfindet Trauer, da sie zum einen der Scheidung von ihrem geliebten Ehemann zustimmen musste und dann auch noch das Kind verlor. Benny ist nach der Fahrt mit der St. Louis in einem Auffanglager in den Niederlanden. Seit der Machtübernahme der NSDAP hat sich für die Familie aus Fallersleben das Leben vollkommen verändert.

Die Fortsetzung der Familiengeschichte um die Isings setzt nahtlos an den ersten Band Zeit zu hoffen, Zeit zu leben an. Die Familienmitglieder stellen zwar eine Gemeinschaft dar, haben aber eine unterschiedliche Rolle in der Gesellschaft. Peter Prange stellt den überzeugten Nationalsozialisten vor, den an der technischen Entwicklung Beteiligten, eine Medizinerin, eine der Kunst Zugewandte und einen Jungen mit Down-Syndrom. Zusätzlich sind die Partner der Geschwister aus unterschiedlichen Gesinnungsgruppen. Somit bildet der Autor einen Großteil der Bevölkerung mit nur einer Familie ab. Er kann somit Zusammenhänge auf kleinem Raum nachfühlbar darstellen, da man die Figuren sehr gut zu kennen scheint. In Wolfsburg laufen alle Fäden des brutal geführten Regimes zusammen. Der Mittelpunkt des Dritten Reichs wird plötzlich zum Dreh- und Angelpunkt der Geschichte.

Aber auch die Lage in Berlin wird durch die Figur von Carl Schmitt, der Schwager von Hermann Ising, erwähnt. Der Professor genießt Vorrechte, die er auszunutzen versteht. Er steht nah an den Funktionären und überzeugt einige von ihnen, seine Anliegen zu unterstützen. Man erkennt aber schnell, dass seine Position keineswegs Sicherheit schafft. Auch er muss auf der Hut sein, dass eine kleine Gefälligkeit nicht plötzlich die Aufmerksamkeit eines anderen auf sich zieht. Die Bespitzelung und demzufolge Bedrohung durch hemmungslose Schlägertrupps ist allgegenwärtig. Unternehmen, die keine kriegswichtigen Teile produzierten, mussten ihre Mitarbeiter an die Front schicken. Georg Ising muss diese Willkür ebenfalls erfahren und kämpft bald vor Stalingrad, statt weiter den Motor des Volkswagens zu verbessern. Kurze Kapitel sind in diesem Fall ein Segen, allerdings verleitet der elegante Erzählstil auch dazu, das Buch nur noch widerwillig aus der Hand zu legen.

Die Schauplätze sind allesamt sorgfältig gewählt. Das Lager Westerbork in den Niederlanden lässt die Qualen der Juden lebendig werden, die tagtäglich mit der Angst lebten, dass ihr Name auf einer Liste erscheint. Auch die Jüdin Gilla, die bereits im ersten Band ihren Traum Modezeichnerin zu werden, begraben musste, beugt sich dem Druck der SS. Sie muss sich zwischen ihrem Glück und dem Leben ihrer Eltern entscheiden. Die angesprochenen Themen sind authentisch dargestellt. Sie sind zum Teil nicht leicht zu verdauen und erinnern an eine düstere Zeit. Willkommen ist da der Epilog, der die Geschichte um Wolfsburg abrundet. Am 5. August 1955 ist die Feier anlässlich des Millionsten Käfers aus dem Volkswagenwerk. Hier treffen sich die Überlebenden der Nazi-Zeit und blicken zuversichtlich in die Zukunft. Die Feier ist ein Meilenstein im Wirtschaftsaufschwung der 50-er Jahre.

Auch 74 Jahre nach Kriegsende sind die Themen des Romans aktuell. Peter Prange beschreibt verschiedene Charaktere, die alle eine unterschiedliche Auffassung von dieser manipulativen Zeit haben. Sie agieren unter Druck und Zwängen. Die wenigsten folgen ihrem eigenen Gewissen. Die Zeiten haben sich inzwischen geändert und doch macht es den Anschein, dass sich manches wiederholen könnte. Den entscheidenden Vorteil, den die Menschen heute gegenüber früher haben, ist, dass sie erahnen können, was aus einer allzu rechten Politik entsteht. Von daher ist dieser klug durchdachte Roman mit seiner komplexen Handlung ein wichtiger Beitrag gegen das Vergessen.

Leseprobe

Die Familiengeschichte besteht aus zwei Bänden, die die Zeit zwischen der Machtergreifung am 30. Januar 1933 bis zur Kapitulation Deutschlands am 8. Mai 1945 wiedergibt. Der Epilog am 5. August 1955 in Wolfsburg rundet die Ereignisse ab. Die Premierenlesung am 25. September habe ich ebenfalls besucht.

Auf der Frankfurter Buchmesse bekam ich die Gelegenheit, Peter Prange zu seiner Familiengeschichte aus Fallersleben Fragen zu stellen.

Podcast


Foto: Gaby Gerster

Peter Prange schreibt in seinem Bestseller ›Eine Familie in Deutschland‹ über ein Thema, das ihn sein ganzes Leben begleitet hat: die Verführbarkeit von Menschen in politisch prekären Zeiten. Nach dem erfolgreichen Auftakt ›Zeit zu hoffen, Zeit zu leben‹ folgt nun als Abschluss der zweite Band ›Am Ende die Hoffnung‹. Peter Prange ist als Autor international erfolgreich. Seine Werke haben eine Gesamtauflage von über zweieinhalb Millionen erreicht und wurden in 24 Sprachen übersetzt. Mehrere Bücher, etwa sein Bestseller ›Das Bernstein-Amulett‹, wurden verfilmt, sein Erfolgsroman ›Unsere wunderbaren Jahre‹ ist als großer TV-Dreiteiler in Produktion. Der Autor lebt mit seiner Frau in Tübingen. (Quelle: Fischerverlage)


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  • Gebundene Ausgabe: 816 Seiten
  • Verlag: FISCHER Scherz
  • erschienen am 25. September 2019
  • ISBN-13: 978-3651025028

Das Rezensionsexemplar wurde mir vom Fischer Verlag zur Verfügung gestellt. Vielen Dank dafür. Meine Meinung hat es nicht beeinflusst.

2 Gedanken zu “Eine Familie in den Fängen ihrer Zeit

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