Zwischen Varieté und Wirklichkeit

Nachts am Askanischen Platz von Susanne Goga

Berlin, 1928. Als in einem Schuppen am Askanischen Platz eine Leiche entdeckt wird, beginnt Leo Wechsler sofort mit den Ermittlungen. Er stößt dabei auf das Cabaret des Bösen von Louis Lemasque. Der Mann mit dem entstellten Gesicht führt auf der Bühne schaurige Illusionen vor. Gleichzeitig bekommt die Berliner Polizei es mit der Suche nach einem verschwundenen Mann zu tun. Die Russin Jelena sucht ihren Verlobten. Wechsler ahnt, dass beide Ereignisse miteinander zu tun haben. Währenddessen ist in Berlin die veränderte politische Lage spürbar. Leos Sohn Georg knüpft erste Kontakte zur nationalsozialistischen Gesinnung.

Susanne Goga kann mit dem sechsten Fall für Leo Wechsler erneut überzeugen. Sie zeichnet ein überdeutliches Sitten- und Gesellschaftsporträt, das die Epoche spiegelt. Zehn Jahre nach Ende des Großen Krieges stehen die Versehrten noch sehr im Vordergrund. Ihre Verletzungen haben sie gezeichnet. Der plastische Chirurg Prof. Jacques Joseph verhalf seinerzeit vielen Patienten in der Berliner Charité zu einem neuen Gesicht. Außer ihm sind noch einige historisch verbürgte Charaktere in die Handlung verwebt. Zusammen mit den fiktiven Figuren entstand so ein spannender Kriminalfall, der früh über alle Handlungsstränge ein sehr hohes Tempo entwickelt.

Die Zeit der 20-er Jahre wird beim Lesen lebendig. Die Gewaltbereitschaft auf der Straße lassen dabei unvorhergesehene Wendungen zu. Der tägliche Kampf ums Überleben wird an einigen Figuren deutlich sowie die nichterfüllten Bedürfnisse, aus denen sich die weitere Historie entwickelte. Der Krimi lässt somit einen Teil der Landesgeschichte aufleben, der eingängiger beschrieben ist als in manchen Geschichtsbüchern. Nebenbei ist ein komplexer Fall zu lösen. Das Buch lässt sich auch ohne Kenntnis der Vorgänger lesen. Die familiären Beziehungen des Kommissars werden mit wenigen Worten erzählt, sodass man sich in die Figuren einfühlen kann. Wie nebenbei erfährt man eine Menge über Polizeigeschichte in der Roten Burg.

Die Serie um Leo Wechsler ist nicht nur durch den Erzählstil empfehlenswert, sondern vor allem weil die durchdachten Fälle vor einer historisch glaubhaften Kulisse spielen. Die dichte Atmosphäre vermittelt den gängigen Umgang der Menschen miteinander. Auch die geschickt platzierten Nebenfiguren wecken Interesse. Alles in allem ist dieser sechste Fall ein unbedingter Lesetipp.

Leseprobe

© Myriam Topel




Susanne Goga lebt als Autorin und Übersetzerin in Mönchengladbach. Sie ist Mitglied des deutschen PEN-Zentrums. Außer ihrer Krimireihe um Leo Wechsler hat sie mehrere historische Romane veröffentlicht und wurde mit verschiedenen literarischen Preisen ausgezeichnet. (Quelle: dtv)



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