Diktatur statt bunter Aufschwung

Die geteilten Jahre von Matthias Lisse

In diesem Jahr jährt sich der Fall der Mauer zum 30. Mal. Viele haben die Zeit der innerdeutschen Teilung entweder nicht miterlebt oder verklären die unmenschliche Diktatur bereits als Ostalgie. Matthias Lisse beschreibt in diesem Lebensbericht, wie er die Zeit hinter dem Eisernen Vorhang erlebt hat. Er berichtet von Zwängen, Überwachung und Repressalien. Die gewählte Zeit ist dabei von Juni 1961, dem Moment, in dem Walther Ulbricht gegenüber der Presse erstmals das Wort Mauer erwähnte bis zum 9. November 1989, der Tag, an dem sich der Schlagbaum öffnete und die DDR-Bürger visumsfrei in den Westen reisen durften. Gewidmet ist sein inzwischen achter Roman all denen, die das Schicksal der DDR mit ihren Füßen besiegelt haben.

Im Roman um das geteilte Deutschland geht es um Familie Leipold. In der Sowjetischen Besatzungszone ist es Usus, dass der Staat wichtige Entscheidungen für die Bürger trifft. Es betrifft die Wahl von Arbeitsstellen, Wohnungen oder auch nur, wohin man in den Urlaub fährt. Seine eigene Meinung zu äußern kann ungeahnte Konsequenzen nach sich ziehen, weil man nie weiß, welcher Zuhörer zum Staatssicherheitsdienst spricht. Wolfgang Leipold ist diese Behandlung leid und plant eine Flucht in den Westen. Nach einem Familienurlaub wollen er und seine Frau Christine samt dem kleinen Sohn Marcus in Berlin in den Westsektor gelangen. Doch es ist der 13. August 1961 und die sonst noch bedingt durchlässige Grenze wird hermetisch abgeriegelt. Plötzlich wird ihnen und der restlichen Welt deutlich, zu welchem Zweck die Baumaterialien über Wochen herangeschafft wurden. 

„Diktatur des Proletariats bei gleichzeitiger Vernichtung des Bürgertums“ 

Die folgenden Jahre werden überwiegend aus Sicht von Marcus erzählt. Der Schüler lernt schnell, dass selbstständiges Denken nicht erwünscht ist. Er wehrt sich gegen den ideologischen Gedanken des Sozialismus in den Lagern der Jungen Pioniere und später gegen den Eintritt in die SED. Das Buch schildert die Fassade, die gegenüber dem „Klassenfeind“ aufrecht erhalten wurde und die beängstigende Beobachtung durch die Staatssicherheit. Das Hören des Westfunks in der Diktatur kann schon Türen in Bautzen öffnen. Nur zu verständlich ist es, dass die Menschen heimlich immer wieder nach Möglichkeiten suchen, diesem nur im Namen erwähnte, aber sonst bedeutungslosen Demokratie zu entfliehen. Die Zahlen derer, die 1989 die westdeutsche Botschaft in Prag besetzten, sprechen Bände. Die letzten Kapitel in Lisses Buch erzählen von genau diesen Strapazen und der lauernden Gefahr, wenn man in die falschen Hände fiele.

Das Gelesene macht betroffen. Es zeigt auf, wie mutig sich manche Bürger gegen die Erlasse von Honecker und Co. gestellt haben und wie wenig Auswirkung die diplomatischen Staatsbesuche des Westens hatten. Es lässt einen unverstellten Blick auf die Lebenssituation zu. Beklemmend ist das Lesen über Schikanen, Willkür und unverständliche Planerfüllung, weil man als im Westen aufgewachsener Mensch eine derartige und ständige Kontrolle gar nicht nachfühlen kann. Umso erschreckender ist es, dass die Gesinnung selbst heute noch Befürworter hat. Die Lektüre sollte von so vielen Menschen wie möglich gelesen werden. Zum einen ruft sie die damaligen Verhältnisse wieder ins Gedächtnis, zum anderen wird die durchgreifende Härte des Regimes auch mit dem unverkennbaren Augenzwinkern des Autors begegnet. 

Leseprobe

Nach der Frankfurter Buchmesse wird an dieser Stelle ein Podcast abrufbar sein.

© Foto Hintermann GmbH, Waldkirchen, Germany


Matthias Lisse wurde 1957 geboren. Aufgewachsen in der DDR, studierte er aus politischen Gründen statt Geschichte und Literatur Veterinärmedizin und später Pferdezucht und -sport und wurde Militaryreiter sowie Ausbildungsleiter des bedeutendsten Vollblutgestüts der DDR.
Im Frühjahr 1988 gelang ihm die Flucht in die Bundesrepublik, ein Jahr später folgten ihm seine Frau und Tochter. Gemeinsam bauten sie einen Reit-und Zuchtbetrieb in Bayern auf, wo sie noch heute leben. (Quelle: Droemer Knaur Verlag)




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  • Gebundene Ausgabe: 432 Seiten
  • Verlag: Droemer HC
  • erschienen am 2. September 2019
  • ISBN-13: 978-3426282014

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