Eva Lessings glücklichstes Jahr

Petra Oelker las auf dem Friedhof Ohlsdorf

Am Samstag, 17. August 2019, feierte die Stiftung Hamburger Öffentliche Bücherhallen ihr 100-jähriges Jubiläum. 35 Veranstaltungen fanden an diesem Tag über das Stadtgebiet verteilt statt. Petra Oelker las auf dem Friedhof Ohlsdorf im Garten der Frauen aus Das glücklichste Jahr: Das Leben der Eva Lessing.

Bergedorfer Bücherbus parkt auf Friedhof Ohlsdorf

Der 1877 eröffnete Friedhof ist ein außergewöhnlicher Leseort. Schon allein deshalb habe ich mir sofort den Termin notiert. Die Ruhestätte ist übrigens mit 391 Hektar Fläche der größte Parkfriedhof der Welt. Vor dem Garten der Frauen parkte schon von weitem sichtbar der Bücherbus. Das Hamburger Wetter ist nie verlässlich, weswegen man zwei Pavillons für die 50 Besucher aufgebaut hatte. Auch für Kaffee und Kuchen war gesorgt. Nach der Begrüßung durch den Verein Garten der Frauen und der Leiterin des Bücherbusses begann die Lesung aus Petra Oelkers erstem Buch Das glücklichste Jahr. „Es war zugleich das Wichtigste und das am schlechtesten verkaufte“, verriet sie, bevor wir die Entstehung der Romanbiografie erzählt bekamen. Ihre Inspiration war das einzige Gemälde der bemerkenswerten Frau im Schloss Wolfenbüttel.

Eva Hahn war zweimal verheiratet. Ihr erster Mann war der Tuchhändler Engelbert König, mit dem sie vier Kinder hatte. Er war in Hamburg angesehen, hatte Kontakt zur höheren Gesellschaft und war ein guter Freund des damaligen Theaterdramaturgen Gotthold Ephraim Lessing. Als Engelbert auf einer Handelsreise stirbt ist Eva 33. Die junge Frau war gebildet und hatte eine pragmatische Denkweise. Sie kümmerte sich sofort um die Fortführung des Tuchunternehmens. Sie reiste nach Wien, um die Seidenmanufaktur zu leiten und ihre Kinder finanziell absichern. Wer jetzt das Gefühl hat, Eva sei auch in einem anderen Buch der Autorin schon einmal aufgetaucht, hat vermutlich den dritten Band aus der Reihe um die Komödiantin Rosina Lorettas letzter Vorhang gelesen.

Leben und Wirken einer klugen Frau

Der erste Lesungsabschnitt beschreibt die Hochzeit von Eva mit dem Dichter in Jork. Das Paar schrieb sich über fünf Jahre Brautbriefe, die bis heute erhalten sind. Die fünfjährige Verlobungszeit und die Distanz von 1.000 Kilometern überbrückten sie so und lernten sich gleichzeitig sehr gut kennen. – Romantisch, nicht wahr? Aber Lessing war zwar als Schriftsteller ein fleißiger Schreiber, verfasste aber privat eher nüchterne Schriften aus dem Alltag. In einem der Briefe, in denen es um die Planung der Hochzeit ging, schlägt er sogar vor, die Braut könne auch länger im Alten Land bleiben, während er schon wieder nach Wolfenbüttel reise. Nun ja, Eva scheint ihm die Merkwürdigkeit des Vorschlags wohl erklärt zu haben.

Die Romanbiografie beinhaltet nicht nur das Leben der imposanten Kauffrau, sondern auch jede Menge Gesellschaftsportrait des 18. Jahrhunderts und Wirtschaftsgeschichte. Der berühmteste deutschsprachige Schriftsteller des vorklassischen 18. Jahrhunderts spielt nur eine Nebenrolle. Vielmehr wird das Wirken von Eva König betrachtet. Sie konnte die Österreichische Kaiserin für ihre Manufaktur begeistern und verkaufte das Unternehmen 1774 mit Gewinn. Für den finanziell immer wieder glücklosen Lessing war Eva auch in dieser Hinsicht eine gute Partie. Die hervorragende Recherchearbeit Oelkers zeichnet den Lebensweg der Mutter und Geschäftsfrau aus dem 18. Jahrhundert detailreich nach und fügt ihn anschaulich in die historische Zeit ein. Hilfreich soll wohl auch ein Reprint mit Klatschgeschichten gewesen sein. Nichts lässt einen so tiefen Einblick zu wie Gerüchte und redaktionelle Anmerkungen.

Lesung im Garten der Frauen

Der zweite Teil der Lesung erzählte von der Entbindung des gemeinsamen Kindes am Weihnachtstag 1777. Der Junge durfte nur einen Tag leben und auch seine Mutter erlag nur Tage später am 10. Januar 1778 dem Kindbettfieber. Eva Lessing, geborene Hahn, wurde nur 41 Jahre. Dass eine Biografie mit dem Tod der Hauptperson endet, ist nichts Neues. Hier waren die Zuhörer jedoch schon so eingenommen, dass es Traurigkeit hervorrief. Das wiederum zeugt von der optimal ausgewählten Stelle und den Informationen, die wir in dieser Stunde über Eva Lessing erhielten. Die Zeit verflog im Nu und auch Petrus hatte ein Einsehen mit uns. Im Anschluss konnte man die Bücher erwerben und Petra Oelker signierte sie. Somit wurde der ungewöhnliche Ort zu einer perfekten Lesungsveranstaltung.

Leseprobe

© Thorsten Wulff

Petra Oelker, geboren 1947, arbeitete als Journalistin und Autorin von Sachbüchern und Biographien. Mit «Tod am Zollhaus» schrieb sie den ersten ihrer erfolgreichen historischen Kriminalromane um die Komödiantin Rosina, neun weitere folgten. Zu ihren in der Gegenwart angesiedelten Romanen gehören «Der Klosterwald», «Die kleine Madonna» und «Tod auf dem Jakobsweg». Zuletzt begeisterte sie mit zwei Romanen, die zur Kaiserzeit spielen: «Ein Garten mit Elbblick» und «Das klare Sommerlicht des Nordens» sowie mit «Emmas Reise», einer Road Novel in der Zeit nach dem 30-jährigen Krieg. (Quelle: Rowohlt Verlag)


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  • Taschenbuch: 352 Seiten
  • Verlag: Rowohlt Taschenbuch
  • erschienen am 27. November 2015
  • ISBN-13: 978-3499271250

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