20 Tage auf dem Weg zu sich selbst

Honigblütentage von Sofie Cramer

Valerie wird in einer Redaktionssitzung mit einem Bericht über das Pilgern auf dem Heidschnuckenweg beauftragt. Ihre Chefin Tessa findet, sie sei die geeignete Mitarbeiterin, einen solchen Erfahrungsbericht zu schreiben. Im ersten Moment traute Valerie ihren Ohren nicht und schiebt es auf das Pfeifen des Tinnitus. Sie soll die 223 Kilometer des Wanderweges in der Lüneburger Heide bewältigen. Dafür wird sie vier Wochen freigestellt. Mit zwölf Kilo Gepäck auf dem Rücken macht sie sich in Celle auf den Weg nach Hamburg.

Sofie Cramer schickt ihre offensichtlich überarbeitete Protagonistin auf einen Pilgerweg direkt zu sich selbst. Eine Kellnerin macht ihr vor dem Start noch Mut und gibt ihr einen Tipp für eine Unterkunft. Valerie weiß zu diesem Zeitpunkt noch nicht, dass das einsame Wandern viel mehr bedeuten kann als Vogelgezwitscher und Blasen an den Füßen. Vielmehr macht sich unvorbereitet auf den Weg. Man merkt, dass sie weder die körperliche Belastung noch die Herausforderung richtig einschätzen kann. Ihre alltägliche Überforderung ist ebenfalls spürbar. Sie fühlt sich von ihrer Chefin gegängelt und streitet viel zu oft mit Ehemann und Tochter. Stoisch nimmt sie dennoch die Aufgabe an, dort zu wandern, wo die Schnucke grast. Schon am zweiten Tag hat das Handy keine Akkuladung mehr und sie muss den Kontakt zur weiter entfernten Welt aufgeben.

Zwischen Heidekraut und dem Wilseder Berg

Nicht nur das Wandern bekommt hier einen großen Zuspruch, sondern auch die Umgebung der Lüneburger Heide. Die Autorin ruft leise dazu auf, diese Umgebung näher zu betrachten, die bereits der Heimatdichter Hermann Löns 1911 als Naturpark ausgerufen hatte. Ein längerer Aufenthalt wird attraktiv geschildert, indem Annes Pension stellvertretend für familienbetriebene Unterkünfte platziert wird. Hier würde wohl jeder Stadtmensch die Natur genießen wollen. Die Wolfsregion wird durch Annes attraktiven Nachbarn Hagen genauer inspiziert. Man erfährt von großen Findlingen und dem 8.000 Jahre alten Pietzmoor. Die bildhaften Szenen vermitteln die Ruhe der Heide und wecken den Wunsch, die Gegend zu erkunden.

Der Wert des eigenen Ichs

Das Hauptthema des Buches ist allerdings die Selbstfindung. Valerie lässt den Leser an ihren Gedanken teilhaben und man bekommt einen Eindruck, warum die junge Frau mit ihrem Alltag so unzufrieden ist. Sie fügt sich zwar, weil sie gegenüber ihrer Familie und ihrer Chefin ein hohes Pflichtbewusstsein hat, verliert sich dabei aber selber aus den Augen. In der Stille der Natur gibt es aber nur noch sie. Zudem ist Anne eine Stütze, wenn es darum geht, Gefühle zu ordnen. Valerie lernt, alles loszulassen und setzt damit einen Prozess in Gang, der ihr Leben nachhaltig verändert. Der Schreibstil ist dabei nicht dogmatisch. Man weiß bei jeder Zeile, dass diese Lösung für Valerie die beste ist und nicht verallgemeinert werden kann. Sie dient dazu, sich in die Figur einzufühlen und weiter zu denken. Der Roman ist unterhaltend und gleichzeitig tiefsinnig. Auf jeden Fall fordert er aber, dass man sich auf ihn einlässt, damit die Emotionsvielfalt ausgebreitet werden kann.

Leseprobe

© Clementine Photography

Sofie Cramer stammt aus der Lüneburger Heide, geboren wurde sie 1974 in Soltau. Zum Studium der Germanistik und Politik ging sie zunächst nach Bonn, später nach Hannover. Nach ihrer Zeit als Hörfunk-Redakteurin machte sie sich selbständig. Heute schreibt sie Romane, arbeitet als Schreibcoach sowie als freie Drehbuchautorin und entwickelt Film- und Fernsehstoffe. Seit ihrem Bestseller «SMS für dich», der 2016 erfolgreich fürs Kino verfilmt wurde, hat sie bereits mehrere Romane unter dem Pseudonym Sofie Cramer geschrieben. Sie lebt mit ihrer Familie in der Nähe von Hamburg. (Quelle: Rowohlt Verlag)


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  • Taschenbuch: 288 Seiten
  • Verlag: Rowohlt Taschenbuch
  • erschienen am 18. Juni 2019
  • ISBN-13: 978-3499275081

3 Gedanken zu “20 Tage auf dem Weg zu sich selbst

  1. eulenmatz schreibt:

    Huhu!
    Den Heidschnuckenweg haben wir uns auch vorgenommen, Die erste Etappe sind wir auch schon mal gewandert. Es ist wirklich toll, dass so ein Weg direkt vor der Haustür liegt und das dem auch mal ein Roman gewidmet wird und nicht nur dem Jakobsweg. 🙂 Das Buch wandert doch dann direkt mal auf die Wunschliste. Kam das über Gwenndolyn?
    LG
    Jenny

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