Mörderisches Rendsburg

Vom 2. bis 4. August 2019 fand in Rendsburg das 1. Frauen Krimi Festival statt. Drei Tage wurde an fünf Orten nur über Mord und Totschlag berichtet. Zehn Mörderische Schwestern lasen aus ihren Büchern. Es wurde Gänsehaut erzeugt und ebenso viel Gelächter. Die Organisation durch Anette Schwohl unterstützt durch Deike Neumäker von der Stadtbücherei und ausgesuchten Rendsburger Unternehmen war fantastisch, sodass sich sowohl die Vortragenden als auch die Besucher rundum wohl fühlten.

Der Freitag sollte eigentlich von Gisa Pauly im Hohen Arsenal eröffnet werden, die aber leider aus Krankheitsgründen absagen musste. Der Ersatz war keineswegs eine zweite Wahl, sondern ein erstklassiges Krimikabarett von Jutta und Thomas Wilbertz. Die vorgetragenen Lieder waren allgemein bekannt, wenn man flüchtig hinhörte. La vie en rose, Am Brunnen vor dem Tore, … Moment! Wurde in dem alten Volkslied auch jemand in den Schacht geschubst? Wir träumten uns an den Strand von Ipanema, wobei ich mich noch nie gefragt habe, was denn eigentlich aus dem besungenen braungebrannten Mädchen geworden ist. Jutta mordete auf subtile Weise und ließ das rund 150-köpfige Publikum ihren Ausführungen aus ungewöhnlichen Perspektiven folgen. Nicht nur ein Tango oder ein verpasstes Fußballspiel wecken Emotionen und – oups – schon stürzt jemand von der Klippe. Der anhaltende Applaus am Ende der Veranstaltung zeugte davon, dass es allen gefallen hatte.

Mörderischer Samstag

High Noon ging es am folgenden Tag weiter. Im noch nicht ganz fertig renovierten Alten Stadtgefängnis, das bereits 1827 schwere Jungs beherbergte, lasen Ilka Dick und Carola Christiansen aus ihren Kriminalromanen. Nach der Begrüßung durch Anette Schwohl und Daniel von Peterdorf, der die Räumlichkeit zur Verfügung stellte, ging es los. Beide Autorinnen unterteilten ihre Vorträge, sodass wir schon vor der Pause in beide Bücher eingeführt wurden. Den Auftakt machte Ilka Dick, die aus Der stille Koog las. Sie ließ ihr Know-how aus der Hörgeschädigtenpädagogik einfließen als sie uns vermittelte, wie ihre Kommissarin Marlene Louven ihre Umwelt wahrnimmt. Schon beim Zuhören musste man aus den abgerissenen Sätzen kombinieren, was Marlenes Gesprächspartner wohl gesagt haben.

Ilka Dick, Anette Schwohl, Carola Christiansen (v. l.)

Die Präsidentin der Mörderischen Schwestern Carola Christiansen las aus Eine rätselhafte Frau und führte uns damit an den Elbstrand nach Hamburg. Ihr Kommissar stößt dort auf eben diese Frau, die sich an nichts mehr erinnert als an den Inhalt eines Bestsellerkrimis. Die Zwillinge aus der Detektei bekommen ihren ersten richtigen Fall. Im Stadtgefängnis herrschte eine atemlose Stille.


Anja Marschall

Ein weiteres Highlight war um 15:00 Uhr die Lesung von Anja Marschall und Heike Denzau in der Kulturschlachterei. Den Anfang machte Anja Marschall, die ihren ehemaligen Kapitän und jetzigen Kommissar Hauke Sötje über den Verrat am Kaiser-Wilhelm-Kanal im Jahre 1896 rätseln ließ. Die Männer vom Martensdamm in Kiel mussten herausfinden, ob das ertrunkene Dienstmädchen eine Selbstmörderin war. Anjas Recherchen dazu waren aufwändig. Manche Szenen konnte sie lediglich aufgrund einiger von Prinz Heinrich freigegebener Rechnungen rekonstruieren.

Heike Denzau

Nach der Pause ging es literarisch mit Heike Denzaus Nordseenebel nach Föhr. Der unfreiwillig zum Privatdetektiv ernannte Raphael Freersen muss sich um eine verschwundene Asiatin kümmern, die niemals ihren kleinen Sohn verlassen hätte.

Beide Lesungen waren zweifellos gelungen. Aber bei Nordseenebel passte auch noch die Geräuschkulisse. Kaum hatte die Autorin etwas vom Möwengeschrei gesagt, flogen zwei Vögel mit eben diesen Geräuschen über den Platz. Zufall, kann man da denken. In einer späteren Passage wiederholte sich das aber. Das Gelächter wurde schon lauter. Der Knüller war allerdings, als im Dialog gesagt wurde, die Polizei hätte noch keine Anhaltspunkte und tatsächlich ein Streifenwagen am Fenster vorbei fuhr. Es schien alles von langer Hand geplant, was natürlich zu enormen Heiterkeitsausbrüchen beitrug. Gut gelaunt ging es also zur Abendveranstaltung.


Erneut bot der Raum im Hohen Arsenal 150 Besuchern Platz, um das Highlight des Festivals, die Ladies Crime Night mitzuerleben.

7 Schwestern – 7 Minuten

dann ein Schuss heißt es bei diesen Veranstaltungen. Für diese Abende wurden extra Cocktails kreiert, die Namen trugen wie Kopfschuss oder Grünes Gift. Namentlich stimmten sie auf das Kommende ein. Ansonsten waren sie super lecker.

Jutta Wilbertz machte mit ihrer Ukulele den Auftakt und klagte erneut über einen untreuen Mann, bei dem nur etwas Arsen helfen würde. Es folgte Heike Denzau, die diesmal aus Dunkle Marsch las. Im Gegensatz zum Nachmittag war dieser Ausschnitt keineswegs humorvoll, sondern beschrieb eine Szene wie sie 1944 durchaus in einer kleinen Kate stattgefunden haben könnte. Ein SS-Trupp durchsucht das Heim von Klara und verbreiten auf ihre Art Schrecken. Im Anschluss konnten wir uns mit Jutta Wilbertz und ihrem Krimi Sonne, Mord und Ferne entspannen. Oups, da ist doch schon wieder einer in die Tiefe gefallen. Man sollte magische Orte aber auch nicht schlechtreden.

Angelika Svensson setzte den Abend mit Küstentod fort. Sie versetzte uns in eine Geiselnahme und den dazugehörigen Einsatz des SEK. Sie las und las und las, bis sie irgendwann feststellte, dass zu Hause aber viel weniger Seiten in nur sieben Minuten geschafft werden.

Um die begrenzte Zeit für akustisch zu beenden, hatte Patrick Göser, der an diesem Abend auch den Büchertisch organisierte, die Aufgabe, den Schuss abzufeuern. Der Feind der perfekten Vorführung ist immer eine zu früh beendete MP3-Datei. „Peng!“

Nun durfte endlich Regina Schleheck aus Meer Morde lesen. Die putzwütige Schwäbin reinigt das gesamte Ferienhaus in Boltenhagen und stört sich an einem Hund von Baskerville und einem betrunkenen Mann auf der Terrasse. Ihr ahnt, worauf das hinausläuft? Es war ja schließlich eine Kriminacht.

Nach der Pause las die Organisatorin des Festivals Anette Schwohl aus dem Buch Sachsenmorde 3. Sie machte durch die Szene, in der Mutter und Tochter vom Vater im Keller eingeschlossen wurden, neugierig auf den Rest des Buches. Oft kennt man nicht die Gründe, warum Nachbarn keinen Kontakt wünschen.

Auch Ilka Dick ließ uns auf eine ungewöhnliche Perspektive aus Endstation Nordsee schauen, indem sie das Thema Sterbehilfe einbrachte. Zurück bleiben Angehörige, die mit ihrer Trauer umgehen müssen.

Den Rausschmeißer machte diesmal Anja Marschall, die aus Lizzies letzter Tango las. Die rüstige Seniorin hat endlich den Mistkerl gefunden, der ihr das geklaute Ersparte weggenommen hat. Grausam lässt sie den roten Sportwagen auf der Hamburger Elbchaussee von der Straße abkommen. Eine gerechte Strafe, wie der anhaltende Applaus des Publikums bestätigte.

Ladies beim Singen des Abschiedslieds

Bevor alle zum Get together ins Hotel ONNO eingeladen wurden, trat Jutta Wilbertz ein weiteres Mal auf und besang den perfekt vorbereiteten Mord einer tiefdekolletierten Dame. Der Abend endete feuchtfröhlich mit glücklichen Gesichtern.

Tödliches Finale am Sonntag

Nach der Party vom Vorabend gaben Sabine Weiss, Ute Haese und Angelika Svensson um 11:30 Uhr im Alten Rathaus die letzte Vorstellung. Viel zu schnell war bis dahin die Zeit verflogen. Das ebenfalls geschichtsträchtige Haus – 1542 wurde hier über den Beitritt zur Lutherischen Revolution beraten – war ebenfalls voll besetzt, um Angelika Svensson zu Küstenzorn zu lauschen. Sie rief echte Gänsehaut hervor, als sie über das Schicksal von Katharina berichtete, die auf der Flucht vor ihrem Stalker nach Heiligenhafen gezogen war. Dieser konnte sie aber auch dort aufspüren. Das Auffinden einer Leiche in einer Kate verblasste dabei fast. Die Kate gibt es tatsächlich. Allerdings nicht in einem wenig besuchten Landstrich, sondern mitten in Norderstedt. Die dichterische Freiheit hat das zerfallene Gebäude einfach versetzt. Angelika Svensson gestand uns, dass sie für ihre Recherche gar keine Lost Places besucht hatte, sondern vielmehr bei Youtube anderen dabei zusah, wie sie ebendiese erkundeten. Uns malte sie die Dunkelheit mit Worten farbig aus. Jedenfalls wollte hinterher niemand mit Katharina tauschen.

Als zweites las Ute Haese aus Heringshappen. Der achte Fall für Private Eye Hanna Hemlokk aus dem fiktiven Bokau begann ebenfalls mit der Vorstellung der Charaktere, bevor es zum zweiten Mord mittels Motorsäge kam. Besorgte Reichsbürger mit einem bemerkenswert autarken Klo kamen ebenfalls zu Wort und ein engagierter Bürgermeister. Mit der Vorstellung, wie Hannas Liebster dem Dudelsack Töne entlockt, schloss Haese ihre Lesung.

Nach der Pause führte uns Sabine Weiss nach Sylt auf ein Finsteres Kliff. Kommissarin Liv muss an einem Grabhügel bei Morsum ermitteln. Auch hier war die Beschreibung wieder düster und sorgte für Gänsehaut an einem wunderbar sonnigen Tag. Ihre Inspiration bekam die Autorin, als 2017 ein Silberschatz mit 180 Stücken aus der Wikingerzeit auf Sylt gefunden wurde. Bei den wunderbaren Einblicken, wuchs der Wunsch alle drei Teile der Serie zu lesen.

Nach rund zwei Stunden war die letzte Veranstaltung des Festivals beendet. Es war abwechslungsreich und kein Vortrag glich dem anderen, selbst wenn es dieselben Autoren waren. Der Erfolg war überwältigend und überall hofften die Besucher auf eine Wiederholung. Die Durchführung war wirklich gelungen und es war für alles gesorgt. Beim zweiten Frauen Krimi Festival bin ich definitiv wieder dabei.


Fazit: Das 1. Frauen Krimi Festival stand unter dem Motto Küste. Es war ein voller Erfolg. Sämtliche Veranstaltungen waren gut besucht. Die Lesungen gaben einen Überblick der breit gefächerten aktuellen Veröffentlichungen. Die Pausen boten Gelegenheit, bei einem Getränk oder Snack mit anderen ins Gespräch zu kommen.

Für diejenigen, die nicht gerade um die Ecke wohnen, lohnt sich ein Kurztrip nach Schleswig-Holstein ebenfalls. Rendsburg ist eine ansehnliche Kleinstadt mit Museen oder Wanderwegen entlang der Eider und am Nord-Ostsee-Kanal.


Wieso gibt es eigentlich so viele Regionalkrimis aus dem beschaulichen Schleswig-Holstein und den Nordseeinseln?

Dieser Frage bin ich am veranstaltungsfreien Samstag Vormittag nachgegangen.

Morgens um 7:30 Uhr war kaum jemand unterwegs. Mir begegneten lediglich ein paar Frühstückshungrige, die auf ihrem Fahrrad zum Bäcker fuhren und mich anschließend mit den verräterischen Tüten wieder überholten. Ein paar Hundebesitzer schlenderten am Eider-Wanderweg entlang. Ich nutzte die ruhige Stunde, um die Gegend laufend zu erkunden. Der Stadtpark präsentierte sich im aufsteigenden Dunst, was für eine spooky Stimmung sorgte. Wer kommt da nicht auf mörderische Gedanken? Hier könnte der Täter doch dem Opfer auflauern.

Stadtpark Rendsburg

Vielleicht kann sich das Opfer befreien und flüchtet über den gut ausgebauten Eider-Wanderweg?

Aber spätestens hier wird es dann doch überwältigt. Der Platz kann auch gut mit dem Auto erreicht werden, falls man das Opfer schon im Kofferraum hat. Der dichtbewachsene Ufergürtel verschluckt jeden Hinweis, dass hier ein Verbrechen geschah. Die Spurensicherung wird es schwer haben, Beweise zu finden.


Um in Ruhe darüber nachzudenken, bietet die längste Bank der Welt für die größten Teams genügend Platz. Ich brauchte beim Laufen satte vier Minuten, um vom Anfang bis zum Ende zu kommen.

Gelohnt hat es sich. Auch die Hochbrücke präsentierte sich im nebligen Dunst und trug zur Ideenfindung eines Krimis bei.

Auch ohne Kapitalverbrechen ist die schleswig-holsteinische Kleinstadt einen Ausflug wert .

4 Gedanken zu “Mörderisches Rendsburg

  1. Karin Potthast schreibt:

    Ein toller Bericht von einer sehr schönen Veranstaltung. Ich hatte das Festival-Ticket und war bei allen Veranstaltungen dabei… jetzt hoffe ich auf Wiederholung.

    Gefällt 1 Person

  2. Kerstin schreibt:

    Die Eiserne Lady hast du schön im Nebel eingefangen. Ich musste leider am Samstag arbeiten und so habe ich nicht den Weg nach Rendsburg gefunden. Dein Bericht hört sich nach einem gelungenem Auftakt an.
    LG Kerstin

    Gefällt 1 Person

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