Hommage aufs Lesen

Die souveräne Leserin von Alan Bennett

Als die Hunde der Englischen Königin eines Tages den Bücherbus auf dem Palasthof ankläffen, sieht sich die Queen gezwungen, ein Buch auszuleihen. Sie entdeckt darin eine Welt jenseits der Palastmauern, über die sie auch mit anderen diskutieren will. Die Tipps vom Küchenjungen Norman beherzigt sie und liest die Klassiker der Weltliteratur. Es beginnt nicht nur eine neue Leidenschaft fürs Lesen, sondern ihre Sicht auf die Welt verändert sich.

Alan Bennett zeichnet in seinem fiktiven Roman ein erstaunlich reales Bild des derzeitigen Souveräns von Großbritannien. Die Palastmauern schirmten bisher die Welt mit all ihren Facetten ab und gaben nur den Blick preis, den die Königin haben sollte. Sie repräsentiert vor Staatsleuten und anderen Königen, ohne zu viel von ihrem Umfeld zu wissen. Von daher ist die Vorstellung, dass sie sich dieses Wissen durch das Lesen von Büchern verschafft, durchaus vorstellbar. Ihre Ausbildung mit Privatlehrern hat einen eher bescheidenen Ruf, sodass die Auswahl der Literatur durchaus neue Perspektiven schaffen kann. Dass diese durch den Küchenjungen empfohlen werden, ist dagegen eher unwahrscheinlich.

Der Gewinner von vier British Book Awards stellt zwar Queen Elisabeth II. als Protagonistin in den Vordergrund, aber das Lesen spielt die Hauptrolle. Seine leichte Art, Bücher entdecken zu lassen, animiert, selber nachzuschlagen und sich ebenfalls mit diesen Texten zu befassen. Es ist definitiv eine Homage ans Lesen. So lässt er die Queen sagen, dass Bücher kein Zeitvertreib seien, sondern sie vielmehr von anderen Leben handeln. Würde man sich lediglich die Zeit vertreiben wollen, so könne man auch nach Neuseeland reisen. Diese Darstellung ist eingängig und wohl für jeden Leser verständlich. Man verfolgt, wie die Literatur Schritt für Schritt Besitz von der Königin ergreift. Nur sie kann Vergleiche zwischen der Literatur und dem Commonwealth anstellen. Bei jedem anderen würde es snobistisch klingen.

Bennett führt allerdings auch an, wie sich das leidenschaftliche Lesen in den Vordergrund und die Pflichten zurück drängt. Die Königin möchte immer mehr lesen und betitelt sich selbst als Opsimathin, als jemanden, der erst spät im Leben zu Lernen beginnt. Die Chance, anderen etwas vorzulesen, nutzt sie bei der Eröffnungsrede des Parlaments. Sie kommt leicht mit anderen ins Gespräch, was ihre Berater und Hüter der Tradition nicht schätzen. Sie sehen dieses neue Hobby – wie übrigens auch der Herzog von Edinburgh – als bedenklich an. Zum Schluss hält der Autor noch eine Pointe bereit, wie wir das aus vielen seiner Filme gewohnt sind.

Die kurze Novelle ist ein Lesetipp für Anglophile, die den britischen Humor mögen und ein bisschen Kenntnis des Hofprotokolls haben.


© John Timbers




Alan Bennett, 1934 in Leeds geboren, wurde bekannt durch seine TV-Comedy-Revue »Beyond the Fringe«. Er ist einer der populärsten britischen Dramatiker. Neben zahlreichen Theaterstücken und seinen Arbeiten für Fernsehen und Rundfunk schreibt Bennett seit Mitte der neunziger Jahre auch Prosa, unter anderem den Erfolgstitel »Die souveräne Leserin«. (Quelle: Verlag Klaus Wagenbach)


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  • Gebundene Ausgabe: 120 Seiten
  • Verlag: Wagenbach; Auflage: 3. Aufl.
  • erschienen am 28. August 2008
  • ISBN-13: 978-3803112545
  • Originaltitel: The Uncommon Reader

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