Gesellschaftsporträt während der Industrialisierung

Schüssler und die verschwundenen Mädchen von Victor Glass

Ende des 19. Jahrhunderts war die industrielle Revolution in Augsburg bereits im vollem Gange. Die Hausangestellten und Arbeiter verloren zuhauf ihren Arbeitsplatz, da immer mehr Maschinen eingesetzt wurden. Viele junge Mädchen sahen sich nach einem Zusatzverdienst um und kamen dabei nicht selten in gefährliche Situationen. Der Privatermittler Ludwig Schüssler wird von einem jungen Soldaten gebeten, das Verschwinden seiner Verlobten aufzuklären. Alle Spuren scheinen ins Nichts zu führen, bis er mit Hilfe der unerschrockenen Caroline Geiger endlich einen Hinweis bekommt.

Victor Glass zeichnet ein detailliertes Gesellschaftsporträt und fügt noch einen Kriminalfall hinzu. Die Auswirkungen der Industrialisierung traf vor allem die arbeitende Bevölkerung. In den Betrieben wurden immer mehr Maschinen eingesetzt, die mehr und mehr Menschen ersetzten. Selbst die wohlhabenden Familien mussten sparen und trennten sich von vielen ihrer Bediensteten. Armut und Hoffnungslosigkeit trieb gerade junge Mädchen in den Suizid, oder eben in die Arme von Menschenhändlern. Die Polizei schien dagegen machtlos zu sein.

Die Stimmung und die Umgebung werden bildhaft beschrieben. Die Ausweglosigkeit wird durch den anhaltenden Regen noch verstärkt. Die Reisenden drängen sich zusammen mit den Einheimischen in den Gasthof, in dem gegessen, getrunken und gelärmt wird. Wie eine Auszeit muss es den Mädchen vorkommen, wenn sich ein bekannter Maler ihrer annimmt und auf seiner Leinwand verewigt. Man darf als Leser keine schwachen Nerven zeigen, wenn man sich den zwischenmenschlichen Umgang vorstellt. Der kraftvolle Erzählstil ist zwar leise, aber bringt überdeutliche Bilder hervor. Die Handlung ist nachvollziehbar strukturiert und lässt bei der zeitgenössischen Schilderung keine Wünsche offen. Einzig die Krimihandlung weist ein paar Lücken auf, was allerdings ebenfalls durch die damals übliche Ermittlungsmethode sehr authentisch wirkt. Von daher bekommt der Roman allein für seine zeitgeschichtliche Unterhaltung einen unbedingten Lesetipp. Die Hauptfiguren wurden so angelegt, dass sie durchaus noch andere Fälle lösen könnten.


© Angeline Bauer



Viktor Glass, geboren 1950 in Iserlohn, studierte Sin­ologie und Publizistik in Bochum. Er veröffentlichte mehrere Bände mit Erzählungen und Romanen, u. a. den sehr erfolgreichen Roman »Diesel« über das Leben von Rudolf Diesel. Viktor Glass lebt in Augsburg und ist ein hervorragender Kenner der Augsburger Industrie- u. Sozialgeschichte.




  • Taschenbuch: 296 Seiten
  • Verlag: Pendragon
  • erschienen am 1. April 2018
  • ISBN-13: 978-3865326096

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