Joël Dicker in München

Am Dienstag, 21. Mai 2019 fanden im Literaturhaus München gleich zwei Premieren gleichzeitig statt. Der schweizer Bestsellerautor Joël Dicker las erstmals aus der französischen Ausgabe von Das Verschwinden der Stephanie Mailer in Deutschland. Moderiert wurde der Abend von Peter Twiehaus. Die beiden Textstellen las Schauspielerin Xenia Tiling.

Frühes Kommen sichert nun mal die besten Plätze, dachten die rund 170 Fans von Joël Dicker und belegten schon eine Stunde vor Lesungsbeginn die Stuhlreihen der Bibliothek. Sein vierter Roman – drei davon wurden auf deutsch übersetzt und schafften es auf die Bestsellerliste – ist im April beim Piper Verlag erschienen.

Xenia Tiling, Joël Dicker, Peter Twiehaus (v. l.)

Der Fernsehmoderator Peter Twiehaus führte das Gespräch und übernahm auch gleich noch die Übersetzung von der Französischen in die Deutsche Sprache. Er stellte dem Autor Fragen zur Entstehung des aktuellen Romans, seiner Motivation zum Schreiben und seiner Arbeitsweise. Das Gespräch war wie ein Treffen bei Freunden und entlockte einige Einsichten in das Leben des Autors. Dicker verriet, dass er sich täglich bereits um 4 Uhr an den Schreibtisch setze, um ohne ein vorher ausgearbeitetes Konzept seine umfangreichen Romane zu schreiben. Bei der hohen Anzahl an Figuren und Zeitsprüngen ist es kaum vorstellbar, dass es keinen Plot geben soll. Ein fotografisches Gedächtnis reiche vollkommen aus, um alle Handlungsstränge im Kopf zu behalten, erklärte der Schweizer. Was er vergesse, war dann auch nicht so wichtig für den Roman. Seit Harry Quebert können wir uns ja selber überzeugen, dass dieses Vorgehen hervorragend funktioniert.

Das Interview wurde durch das Lesen von zwei Textstellen unterbrochen. Den kurzen Prolog hörten wir auf Französisch vom Autor gelesen. Gleich im Anschluss las ihn Schauspielerin Xenia Tiling auf Deutsch und eines der mittleren Kapitel. Damit wurden zum einen die verschwundene Journalistin Stephanie Mailer, der ermittelnde Polizist Jesse Rosenberg und ein Dialog zwischen einem weiteren Mordopfer und seinem Mörder vorgestellt. Tiling las mit genau der richtigen Stimmfärbung und Betonung, sodass man sich in sekundenschnelle nach Orphea versetzt fühlte und wie ein Außenstehender die Abläufe betrachten konnte.

Das Verschwinden der Stephanie Mailer ist erneut ein Entwicklungsroman mit Krimianteil, der gleichzeitig das allgemeine Bild der US-Gesellschaft spiegelt. Bewusst wählt der Autor eine Kleinstadt, die aber durch die begehrte Lage zu einem Treffpunkt der Superreichen in den Hamptons geworden ist. Das ermöglicht dem Autor, ein vor 20 Jahren verübtes Verbrechen noch einmal aufzurollen und aus den Sichtweisen von allen Beteiligten darzustellen. Dinge, die lieber verborgen geblieben wären, stellen die damaligen Schlussfolgerungen in Frage und fokussieren neue Verdächtige. Auf dieses Stilmittel legt Dicker besonderen Wert. Solange es immer noch mögliche Täter gibt, sei der Roman auch noch nicht beendet. Die letzte Seite kommt für meinen Geschmack sowieso immer viel zu schnell. Die Lesung war dabei ebenso spannend wie das Buch selbst, sodass die Zeit auf eigentümliche Weise zu rennen schien. So muss es dem Moderator auch gegangen sein. Ihm musste ein Zeichen gegeben werden, dass er nun doch die letzte Frage stellen sollte. Ich hätte noch länger zuhören können.


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  • Gebundene Ausgabe: 672 Seiten
  • Verlag: Piper
  • erschienen am 2. April 2019
  • ISBN-13: 978-3492059398
  • Originaltitel: La Disparation de Stephanie Mailer

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