Kuschelweicher Tobak

Schäfchenwolkenhimmel von Gabriella Engelmann

In Bamberg steht Minnie vor einer schwierigen Situation. Ihr Freund Cord hat ihr einen Heiratsantrag gemacht. Seit drei Wochen denkt sie nun darüber nach. Cordt ist das Antwort genug und beendet die Beziehung. Zeitgleich bekommt sie von ihrer Chefin beim Bamberger Travel TV den Auftrag, für eine Reisesendung auf Föhr zu recherchieren. Evangeline will dann in ein paar Tagen zum Drehen nachkommen. Für Minnie ist das eine gute Gelegenheit, ihre Kindheitserinnerungen an die Nordseeinsel aufzufrischen. Das Haus ihrer Großmutter wurde leider inzwischen verkauft, aber in Nieblum findet sie bei Leevke, eine Freundin ihrer besten Freundin Alva, Unterschlupf. Mit derartigem Anschluss ans Inselleben gelingt die Recherche für die Sendung gleich doppelt so schnell. Da bleibt noch Zeit, sich um das verstoßene Lamm Emmi zu kümmern und zarte Bande zu Förster Hark zu knüpfen. Allerdings erfährt Minnie weit mehr als sie zunächst gedacht hat.

Gabriella Engelmann beschreibt in diesem Roman erneut die Insel Föhr mit einigen typischen Charakteren. Ihre Protagonistin Minnie ist im Herzen ein Nordlicht, wohnt aber derzeit in Bamberg. An ihrem Beispiel wird schön dargestellt, dass es auch Sehnsüchte gibt, die erst geweckt werden müssen. Ihre Freundin Alva scheint immer ganz genau zu wissen, was sie will. Im Buch wird sie als Expertin für emotionale verzwickte Situationen beschrieben. Sie stellt den Ausgleich zu Minnies Unentschlossenheit her. Die dritte Frauenfigur ist Leevke. Die patente Pensionswirtin kennt sich aus und bringt verschiedene Themen ins Spiel, die man als Tourist gar nicht auf den ersten Blick wahrnimmt. Das Problem mit den Immobilienpreisen hat den Sprung von Sylt bereits auf die nur noch marginal preiswerteren Nachbarinseln geschafft. Während des Lesens wurde ohne direkten Hinweis deutlich, dass die Insulaner nirgends hin ausweichen können, wenn der Tourismus sie überrollt. Neuerungen müssen daher zwangsläufig sorgsam bedacht sein. Die Insel zeigt in den Dörfern ihre Vielseitigkeit, die durch Minnie miterlebt werden können.

Wyk auf Föhr

Zum Lokalkolorit werden auch die Handlungsstränge nachfühlbar aufgezeigt. Minnies berufliche Situation zieht auch private Unzufriedenheit mit sich. Als sie durch die Krankheit ihrer Chefin länger auf Föhr verweilen muss als geplant, lernt sie nicht nur die Bürgerinitiative zur Erhaltung der Natur näher kennen, sondern auch den attraktiven Förster Hark und den wortkargen Käptn Tove. Als er schließlich doch zu einem Gespräch bereit ist, erfährt Minnie ihre eigene Familiengeschichte. Auch dieser Strang ist spannend zu verfolgen, da die Konflikte den Ausgang der Geschichte verschleiern. Nebenfiguren wie die beiden Rentnerinnen Trine und Röschen sorgen für humorvolle Einschübe. Der verlängerte Aufenthalt gibt Minnie gleichzeitig die Möglichkeit, sich um das Lamm Emmi zu kümmern. Es werden Lösungen gesucht, wie das anhängliche Tier aufgezogen werden kann.

Der Titel Schäfchenwolkenhimmel erinnert sofort an ein kuschelweiches Schaf. Das ist aber am Himmel auch nur die halbe Wahrheit. Gleichen die Wolken einer Herde Schafe, kündigt sich schlechtes Wetter an. Gerade an der Küste sollte man zusehen, dass man sich vor Unwetter schützt. Auch das passt als Metapher zur erzählten Geschichte. Über Minnie braut sich etwas zusammen, das sich unwettergleich entlädt, um hinterher im Sonnenlicht zu strahlen. Figuren, Umgebung und Handlung sorgen für einen kritischen Blick auf die aktuelle Lokalsituation und lassen gleichzeitig ein Gefühl wie ein Kurzurlaub entstehen. Ich kann den literarischen Ausflug nach Nordfriesland nur empfehlen. Noch intensiver wird das Erlebnis, wenn man vorher Dörtes Apfelkuchen oder die deftigen Kartoffelwaffeln gebacken hat. Die Rezepte findet man im Anhang. „Föl toonk“ kann man da nur sagen.

Leseprobe

Nur einen Monat nach Erscheinen von Schäfchenwolkenhimmel traf ich mich mit Gabriella Engelmann in einem Café. Es war ein richtig toller Vormittag, der viel zu schnell verging. Einen Teil des Gesprächs hört ihr im

Podcast

Intro und Outro wurden durch Schafblöken ergänzt, das bei https://www.zapsplat.com heruntergeladen wurde.

© Thomas Duffé


Die gebürtige Münchnerin entdeckte in Hamburg ihre Freude am Schreiben und fühlt sich im Norden pudelwohl. Nach Tätigkeiten als Buchhändlerin und Verlagsleiterin genießt sie die Freiheit des Daseins als Autorin von Romanen, Kinder- und Jugendbüchern. Seit sie zum ersten Mal an der Nordsee war, träumt sie von einem eigenen Häuschen am Deich, mit einem Garten voller Wildrosen und knorrigen Apfelbäumen. (Quelle: Droemer Knaur Verlag)



#Anzeige#

  • Broschiert: 320 Seiten
  • Verlag: Knaur TB
  • erschienen am 1. April 2019
  • ISBN-13: 978-3426522165

Das Rezensionsexemplar wurde mir vom Droemer-Knaur Verlag zur Verfügung gestellt. Vielen Dank dafür. Meine Meinung hat es nicht beeinflusst.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.