Letzte Vorstellung in der Ostseevilla

Großes Sommertheater von Frank Goldammer

Der Patriarch Joseph bittet seine drei Söhne samt Familie zu einem Besuch in seine Villa an der Ostsee. Keiner von ihnen lässt sich das entgehen. Nicht, weil sie ihren Vater gerne besuchen, sondern weil jeder eine Ankündigung erwartet, die sich monetär auszahlt. Die Brüder sind obendrein zerstritten und charakterlich so gegensätzlich wie nur möglich. Den ältesten Sohn Harald umgibt ein Gangsterimage, während sein Halbbruder Erwin den seriösen CDU-Minister mimt. Beide schütteln den Kopf über ihren jüngsten Bruder Uwe, der offenbar nie einer geregelten Tätigkeit nachgeht. Allerdings hat er ihrer Meinung nach auch die hübscheste Frau dabei, die sich dankenswerterweise auch mal um Rocco, Erwins diabolischen Enkel, kümmert.

Frank Goldammer zeigt mit diesem Familienroman, dass auch die Gegenwart von ihm spannend in Szene gesetzt werden kann. Schauplatz ist eine abgelegene Villa am Ostseestrand von Mecklenburg-Vorpommern. Ein unnahbarer Patriarch hat seine ganze Familie eingeladen, ohne einen Grund zu nennen. Die Söhne vermuten, dass er sein Erbe aufteilen will und wollen nicht nur um jeden Preis dabei sein, sondern sich auch noch im besten Licht präsentieren. Erwin rechnet sich gute Chancen aus, da er ja als Politiker in Berlin bereits eine Reputation aufgebaut hat. Harald hat ebenfalls einen Ruf, der allerdings arg am Rande der Illegalität kratzt. Man respektiert ihn, weil man Angst vor ihm hat. Uwe macht rein gar nichts. Trotzdem scheint es ihm am besten von allen zu gehen. Aber es wäre ja noch schöner, wenn ausgerechnet Uwe …

Die Charaktere werden äußerst lebendig beschrieben. Beim Lesen beginnt ein Kopfkino und zeigt einen detailreichen Film. Der gar nicht mal so temporeiche Schreibstil erzeugt dennoch eine hohe Spannung, weil man als Leser das Unheil schont ahnt, aber nicht weiß, wo es losbrechen wird. Jeder hat das Potential, ein Verbrechen zu begehen. Die Rückblenden des Vaters dienen als Informationsquelle, wie es zu derartigen Familienzwistigkeiten kam. Gleichzeitig wird die unmittelbare Nachkriegszeit aus Josephs Sicht dargestellt. Als dann noch eine Waffe ins Spiel kommt, möchte man eigentlich hilfreich eingreifen. Aber die Ereignisse sind natürlich nicht mehr zu stoppen.

Die komplexe Familiengeschichte vereint Krimi, Historie und eine Menge Psychologie. Die Figuren sind nicht frei von Klischees, aber eben auch nicht an den Haaren herbeigezogen. Ihre Konstellation erzeugt Spannungen, die sich im optimalen Bogen durchs Buch ziehen. Die für den Leser offensichtlichen Dispute werden von den Beteiligten lieber unter den Teppich gekehrt, damit das eigentlich ersehnte Familientreffen nicht gefährdet wird. Das Bedürfnis nach Zusammengehörigkeit haben alle, aber sie nutzen ihre Möglichkeiten nicht. Das wird am Ende überdeutlich und lässt für jeden Einzelnen Empathie empfinden. Die skurrilen Situationen, die oft auch den Finger in eine politische Wunde legen, sowie die Dialoge sorgen für humorvolle Unterhaltung. Der Roman ist großes Kino und erhält somit eine klare Leseempfehlung.

Leseprobe

Auf der Leipziger Buchmesse traf ich Frank Goldammer und stellte ihm ein paar Fragen zu Großes Sommertheater. Seine Antworten hört ihr im

Podcast

© dtv/Dieter Brumshagen

Frank Goldammer wurde 1975 in Dresden geboren und ist gelernter Maler- und Lackierermeister. Neben seinem Beruf begann er mit Anfang zwanzig zu schreiben, verlegte seine ersten Romane im Eigenverlag. Mit ›Der Angstmann‹, Band 1 der Krimiserie mit Max Heller, gelangte er sofort auf die Bestsellerlisten. Er ist alleinerziehender Vater von Zwillingen und lebt mit seiner Familie in seiner Heimatstadt. (Quelle: dtv)


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