Plötzlich ist alles anders

Als der Himmel fiel von Julie von Kessel

Beim Abschiedsessen für Franka trifft sich die ganze Familie am zweiten Weihnachtsfeiertag. Die junge Frau hat einen Job in einer Kunstgalerie in Manhattan angenommen. Ihr Chef Lucius war ihr mit der Suche nach einem Zimmer behilflich. Die Unterkunft ist klein, teuer, aber nah an der Galerie. Franka wird nicht lange allein sein. Ihre Cousine Ophelia hat bereits eine Zusage der Universität Yale für ein Stipendium. Sie spielt Geige bei dem berühmten Henry Rosen. Er galt als musikalisches Wunderkind und musste im Zweiten Weltkrieg aus dem nationalsozialistischen Deutschland fliehen. Schon zum Neujahrsempfang ist Ophelias vor Ort. Die Cousinen scheinen unzertrennlich, weswegen sie die knapp 80 Meilen häufig überwinden.

Julie von Kessel bereitet in ihrem Roman die Anschläge des 11. Septembers von langer Hand vor. Ihre beiden Hauptfiguren würden mit ihren Lebensgeschichten schon allein eine Erzählung wert sein. Sie tragen beide eine außergewöhnliche Last, die ihr Verhalten beeinflusst. Die im ersten Anschein perfekte Harmonie wird bald durch unstimmige Äußerungen gestört. Ihre Diskrepanzen sind allerdings nicht so ausgeprägt, dass sie sich nicht auch weiterhin hilfesuchend aneinander klammern würden. Man fühlt sich in beide Frauen gut genug ein, um ihre Beweggründe nachzuvollziehen. Als Leser sieht man vom besten Platz einem Stück zu, das schon früh eine Eskalation verspricht. Man weiß allerdings nicht, was passieren wird. Denkt man an entführte Flugzeuge und zwei den Stadtteil dominierende Türme, kann das aber nicht alles sein.

Die Nebenfiguren sind ebenfalls glaubhaft platziert. Der alternde Musikprofessor, der als Jugendlicher seine Heimat verließ und seitdem kein Deutsch mehr sprach, bekommt durch Ophelia wieder Berührungspunkte zu seiner Vergangenheit. Die beiden verbindet die Liebe zum Geigenspiel. Während Henry leicht und spielerisch an seine Darbietung geht, glaubt Ophelia nur an den Erfolg durch harte Arbeit. Dieser Charakterzug zieht sich durch ihr gesamtes Leben. Ihr Freund Kasper lockt die gefühlvolle Seite in ihr, die nur langsam freigelegt werden kann. Der Unfall und die schwindende Hoffnung, jemals perfekt spielen zu können, schwebt wie ein Damoklesschwert über der jungen Frau. Wechselt die Perspektive und lenkt den Blick auf Franka, erkennt man sofort den großen Unterschied in ihren Gesinnungen. Franka konsumiert das Leben, um ihre Erlebnisse der Vergangenheit zu überdecken. Sie benötigt immer mehr, um für wenige Stunden ein Wohlgefühl zu erreichen. Beide Figuren zusammen ergeben einen optimalen Mittelweg.

Der Erzählstil ist der Handlung angepasst. Jede Figur hat eine eigene Stimme und schreitet ihm individuellen Tempo durch die Zeit. Die Welt der Galerie ist ebenso bildhaft wie das emsige Treiben auf dem Campus. Ungeduldig wartete ich, wann denn nun der Himmel fällt. So viel sei gesagt: Er fällt und erschüttert nicht nur die Beteiligten. Franka und Ophelia leben in nächster Nähe und haben ihr eigenes Inferno der Gefühle gehabt. Es geht in diesem Roman nicht um Politik oder Weltwirtschaft, sondern vielmehr um familiäre Bindung, Vertrauen und Leidenschaft. Die Welt dreht sich weiter. Lediglich der Blick richtet sich nach derartigen Ereignissen aufs Wesentliche. Der Roman beeindruckt durch eine unaufgeregte und leise Weise, die neben den Trümmern des World Trade Centers ihr Ende findet.

Leseprobe

Auf der Leipziger Buchmesse hatte ich Gelegenheit, mit der Autorin über ihren zweiten Roman zu sprechen. Das 10-minütige Gespräch hört ihr im

Podcast


© Renate Neder



Julie von Kessel ist Journalistin und arbeitet seit mehr als zehn Jahren beim ZDF. Sie wuchs in Helsinki, Wien, Zagreb, Bonn und Washington D.C. auf und lebt mit ihrer Familie in Berlin.





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  • Gebundene Ausgabe: 368 Seiten
  • Verlag: Kindler Verlag
  • erschienen am 12. März 2019
  • ISBN-13: 978-3463407005

Das Rezensionsexemplar wurde mir vom Rowohlt Verlag zur Verfügung gestellt. Vielen Dank dafür. Meine Meinung hat es nicht beeinflusst.


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