Spiegel der Gesellschaft

Das Seehospital von Helga Glaesener

Frida erhält ein Telegramm, dass ihr Großvater verstorben ist. Die älteste von vier Geschwistern befindet sich an der Eppendorfer Universitätsklinik, wo sie Medizin studiert. Sofort beschließt sie, zurück nach Amrum zu reisen, um ihrer Familie beizustehen. Ihr Großvater hatte dort zum Gedächtnis an ihren bereits verstorbenen Vater das Seehospital gegründet, in dem stets 38 Kinder zur Genesung untergebracht sind. Das soll sich nun ändern. Aus der finanziellen Not heraus beschließt Fridas Mutter, die Kinder zurück zu schicken. Gleichzeitig plant sie, eine ihrer drei Töchter mit dem wohlhabenden, allerdings sehr viel älteren Hellmut von Stetten zu verheiraten. Louise entgeht ihrem Los, indem sie sich nachts übers Watt ans Festland absetzt. Die jüngere Emily wählt stattdessen den Freitod. Frida scheint sich auf einen aussichtslosen Kampf einzulassen, wenn sie das Hospital erhalten will.

Helga Glaesener zeichnet das soziale Abbild einer Gesellschaft, die sich gerade im Umbruch befindet. Der Erste Weltkrieg ist seit zwei Jahren beendet und die Entbehrungen der Zeit vor allem in den Städten noch spürbar. Es gibt zu wenig Wohnraum, zu wenig Essen und die Krankheiten breiten sich aus. Die drei Schwestern stehen dabei Pate für einen gängigen Lebensweg. Während sich Frida einen der raren Studienplätze für Frauen ergattert hat, schlägt sich Lou im Milieu durch. Die bisher unbescholtene junge Frau kommt nun in Kontakt mit Drogen, Gewalt und Betrug. Ihre Flucht vor einer ungewollten Ehe ist nur scheinbar der Weg in ein besseres Leben. Emily ist zu jung, um eigenständig zu leben, allerdings in den Augen ihrer Mutter und ihres Stiefvaters durchaus alt genug, um die Ehe mit dem älteren von Stetten zu arrangieren. Ihre Abneigung wird nicht akzeptiert. Ihr jüngerer Bruder, der bereits in jungen Jahren mit einer Schusswaffe umzugehen weiß, löst das Problem auf seine Weise. Die Gedanken des 13-jährigen sind dabei durchaus nachvollziehbar, wenngleich dieser Charakter so gar nicht meine Zustimmung fand. Das Zusammenspiel aller Figuren wirkt stets authentisch, wenn sie sich an Meinungsverschiedenheiten aufreiben und Zuneigung empfinden.

Zur Familiengeschichte kommt eine spannende Intrige hinzu, die für Spannung sorgt. Auch die Einblicke hinter die lachende Fassade des Varietés waren bildhaft und sorgen für das entsprechende Flair. Die modernere Zeit fußte auf den Trümmern des Krieges. Kein Krieg forderte so viele Opfer, sodass die Erleichterung der Überlebenden großen Raum einnahm. Die Reformen in der Gesellschaft bekamen ebenfalls die Mediziner zu spüren, indem nun auch Frauen im Hörsaal zugelassen waren. Die Klassengesellschaft löste sich langsam auf. Nicht immer ist gleich zu erkennen, ob die Gesinnung der Figur bereits fortschrittlich war, sodass auch hier noch eine Menge Wendungen für die Handlungsstränge möglich waren. Der historische Roman enthält somit auch Elemente von einem Krimi und nebenbei auch eine Liebesgeschichte. Diese ist allerdings nordisch kühl ohne viel Geschnacke abgehandelt. Mir gefällt dieser nüchterne Stil, der die damalige Zeit trotzdem so farbig schildert. Von daher empfehle ich das Buch mit gutem Gewissen weiter.

Leseprobe

© privat

Helga Glaesener wurde in Niedersachsen geboren und studierte in Hannover Mathematik. 1990 begann die Mutter von fünf Kindern mit dem Schreiben historischer Romane, von denen gleich das Debüt, «Die Safranhändlerin», zum Bestseller avancierte. Seitdem hat sie zahlreiche weitere erfolgreiche Romane geschrieben, darunter auch diverse Krimis. Zwanzig Jahre in Ostfriesland haben ihre Liebe zum Meer geweckt, so dass die Küste zum Schauplatz zahlreicher Romane wurde. Heute lebt Helga Glaesener in Oldenburg. (Quelle: Rowohlt Verlag)


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  • Taschenbuch: 464 Seiten
  • Verlag: Rowohlt Taschenbuch
  • erschienen am 19. Februar 2019
  • ISBN-13: 978-3499274107

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