Liebe, Vertrauen, Bedürfnisse

Ein Leben lang lieben von Marissa Stapley

Helen ist Mutter von drei Töchtern und war ihr Leben lang der Meinung, sie brauche keinen Mann. Die drei Väter hat sie nur marginal in die Erziehung von Fiona, Ilsa und Liane eingebunden. Jetzt wohnt sie in einem Haus am See, wo die Frauen einmal jährlich zusammentreffen. Die vier verstehen sich als Familie, auch wenn sie nicht viel gemeinsam haben. Vor allem in ihrer Auffassung von Beziehungen haben sie unterschiedliche Bedürfnisse. Liane ist die jüngste Tochter. Sie arbeitet an ihrer Doktorarbeit und hat sich gerade mit Adam verlobt. Nach und nach erkennt man, dass das weniger ihr Wunsch war, sondern sie vielmehr ihm zuliebe zugestimmt hat. Ilsa ist mit Michael verheiratet und hat zwei Kinder. Die Künstlerin ist gelangweilt und sucht sich außereheliche Abwechslung. Die älteste Tochter Fiona ist mit Tim verheiratet. Das Paar hat drei Söhne. Trotz der großen Belastung scheint Fiona stets ihren Alltag im Griff zu haben.

Der zweite Roman von Marissa Stapley ist fast eine Charakterstudie der modernen Beziehungsformen. Die Frage, ob man dieselbe Person ein Leben lang lieben kann, wird von allen erdenklichen Seiten betrachtet. Beeindruckend formt sie die Figuren und gibt ihnen eine Meinung, die sich der Entwicklung der Geschichte anpasst. Sie wird hinterfragt und es werden mögliche Lösungen angeboten. Dabei wird keine einzige Bewertung abgegeben. Der Leser findet sich in der einen oder anderen Form bestimmt wieder. Je besser die Gruppe kennengelernt wird, desto mehr kann man sich in sie hineinfühlen. Unweigerlich überlegt man nach einem Kapitel, wie man wohl selber in einer derartigen Situation handeln würde. Die Vorgehensweisen wirken realistisch.

Möwen sind ihr Leben lang monogam und brüten in Kolonien. …

Waschbären leben überwiegend in Wäldern, sind aber Kulturfolger …

Die Kapitel beginnen jeweils mit dem Paarungsverhalten verschiedener Tierarten. Das Charakteristische wird dabei herausgestellt und im Verlauf des Kapitels erkennt man die Zusammenhänge zu den Figuren. Vor allem wird deutlich, dass Liebe verschiedene Formen haben kann. Der Roman beeindruckt ebenfalls mit seinem Erzählstil. Die Umgebung rund um den See lassen die unbeschwerte Freizeit erahnen, während man dann doch wieder erinnert wird, dass jeder einzelne auch seine Sorgen mitgebracht hat. Manche lösen sich auf, andere dramatisieren sich dermaßen, dass eine Entscheidung herbeigeführt werden muss. Diese Spannungselemente veranlassen natürlich auch, dass man nicht nach nur einem Kapitel aufhören kann mit Lesen.

Ein Leben lang lieben hat mir wegen seiner Tiefe und Vielschichtigkeit gut gefallen. Er lässt seine Figuren agieren und berührt damit den Leser. Man kann den Roman entweder im Winter vorm Kamin lesen oder im Sommer auf einem Steg am See. Er bietet großes Kino. Der dritte Roman der kanadischen Autorin erscheint im Juni 2019 und wird hoffentlich ebenfalls übersetzt. 

Leseprobe

© Eugene Choi



Marissa Stapley hat als Zeitschriftenredakteurin gearbeitet und kreatives Schreiben unterrichtet, bevor sie sich an ihren ersten Roman wagte – in Kanada auf Anhieb ein Bestseller. Sie rezensiert Romane für die Zeitung Globe & Mail und berichtet im Toronto Star über Bücher und Kulturereignisse. Marissa Stapley lebt mit ihrem Mann und zwei Kindern in Toronto. (Quelle: Rowohlt Verlag)





  • Seitenzahl: 352
  • Verlag: rororo
  • ISBN: 978-3-499-27568-5
  • erschie19.02.2019

Das Rezensionsexemplar wurde mir vom Rowohlt Verlag zur Verfügung gestellt. Vielen Dank dafür. Meine Meinung hat es nicht beeinflusst.

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