Missgunst und Mord in Nürnberg

Die Salbenmacherin und der Engel des Todes von Silvia Stolzenburg

Nürnberg, 1409. Olivera hat die Nachricht vom Tod ihrer Großmutter erhalten. Mit ihrer geliebten Yiayia verbindet sie schöne Erinnerungen an Konstantinopel und die Liebe zur Heilkunst. Seit einigen Jahren haben sie sich nur noch schreiben können, weil Olivera ihrem damaligen Ehemann in dessen Heimat gefolgt ist. Inzwischen hat sie mit Götz eine Familie gegründet und hilft ihm derzeit hochschwanger die Apotheke zu führen. Während einer schlaflosen Nacht wird sie auf Geräusche aus dem Verkaufsraum aufmerksam. Ein Einbrecher macht sich dort zu schaffen. Olivera kann nicht erkennen, wer es ist. Im Hof begegnet Jona allerdings den ungebetenen Gast. Er kennt ihn nur zu gut, verschweigt aber sein Wissen. Als im Spital ein Greis stirbt, der Medizin von Oliveras Löffel genommen hat, gerät die Salbenmacherin unter Mordverdacht.

Silvia Stolzenburg hat auch mit diesem vierten Band bewiesen, dass in einer Serie die Spannung steigen kann. Die Handlung ist gewohnt komplex mit mehreren, sich umeinander windenden Handlungssträngen. Zum einen geht es um die weitere Entwicklung der Figuren und deren Lebensumstände im Spätmittelalter. Zum anderen gilt es natürlich, die Mordfälle aufzuklären. Die Rangordnung in der damaligen Gesellschaft wird durch einzelne Figuren verdeutlicht. In unserer heutigen Zeit klingt vieles harsch, wenn man aber berücksichtigt, dass vor 600 Jahren Kirche und Rat einer Stadt eine enorme Macht hatten, erscheint die Handlung realistisch. Bei der Klärung der Tathergänge war man damals noch auf die Beobachtungen anderer angewiesen. Intrigen konnten noch besser getarnt werden, sodass auch hier einige Wendungen nicht vorhersehbar sind. Deutlich unterscheiden sich Pro- und Antagonist und man wählt sofort seine Lieblinge. Jeder hat Merkmale, die ihn unverwechselbar machen, aber doch so viele Facetten, dass er überraschen kann.

Bemerkenswert sind auch diesmal wieder die Beschreibungen der angewendeten Heilkunst. Die Hebamme Brida erlebt bei der Arbeit immer wieder spezielle Fälle, die sie pragmatisch, aber für die werdenden Mütter auch schmerzhaft löst. Wie schon mehrfach erwähnt, geht die Autorin nicht zimperlich mit ihren Schützlingen um. Auch im Nürnberger Lochgefängnis hält sie einige Strafen bereit, die Henker Jacob souverän ausführt. Auch das Apothekerpaar wird davor nicht verschont. Die muffige Stimmung in den engen Räumen muss nicht extra beschrieben werden. Man schaudert schon beim Klang des Schließens der Türen. Die umfangreiche Bibliografie im Anhang lässt erahnen, wieviel Recherche in diesem Buch steckt. Viel zu schnell hat man vergessen, dass Götz sich ja eigentlich um die Aufnahme im Großen Rat beworben hat und sich in der Probezeit nichts zuschulden lassen darf. Die eigene Frau als verdächtige Mörderin und er selbst von einem Kirchenmann zu Straftaten beschuldigt, lassen die baldige Aufnahme in immer weitere Ferne rücken.

Jeder Band um Olivera beinhaltet Morde und lässt die Protagonistin Hürden überwinden. Der Erzählstil ist temporeich und durch die kurzen Kapitel wechselt die Sichtweise häufig. Dieser vierte Teil schafft in allen Punkten noch eine Steigerung. Die Intrigen sind boshafter, es geht um Zusammenhalt, Leben und Tod. Die Figuren sind eigentlich viel zu schwach, um sich noch retten zu können. Aber auch das ist schön bei dieser Krimiserie: Irgendwo kommt immer eine Lösung zum Vorschein. Ich warte jetzt also gespannt auf den fünften und vorletzten Band.

Leseprobe

Das Titelbild enthält ein Foto von Tourismus.Nürnberg von © Christine Dierenbach. Zu sehen ist das Lochgefängnis, in dem auch Götz einige Zeit verbringen musste. Eine Besichtigung lohnt sich.

© Oliver Vogel


Dr. phil. Silvia Stolzenburg studierte Germanistik und Anglistik an der Universität Tübingen. Im Jahr 2006 promovierte sie dort über zeitgenössische Bestseller. Kurz darauf machte sie sich an die Arbeit an ihrem ersten Roman. Neben ihrer Tätigkeit als Autorin arbeitet sie als freiberufliche Englischdozentin und Übersetzerin. Sie lebt mit ihrem Mann auf der Schwäbischen Alb, fährt leidenschaftlich Rennrad und recherchiert vor Ort bei der Bundeswehr, dem SEK und der Gerichtsmedizin – immer in der Hoffnung, etwas Spannendes zu entdecken. (Quelle: Gmeiner-Verlag)


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Das Rezensionsexemplar wurde mir vom Gmeiner Verlag zur Verfügung gestellt. Vielen Dank dafür. Meine Meinung hat es nicht beeinflusst.

  • Gebundene Ausgabe: 376 Seiten
  • Verlag: Gmeiner-Verlag
  • erschienen am 13. Februar 2019
  • ISBN-13: 978-3839224236

Reihenfolge der Serie


2 Gedanken zu “Missgunst und Mord in Nürnberg

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