Hoffen auf eine bessere Zukunft

Eine Familie in Deutschland von Peter Prange

Mitten in Deutschland ist 1934 der Alltag eher beschaulich. In Fallersleben dreht sich für die Familie Ising alles um die Herstellung von Zucker. Vater Hermann würde die Firmenleitung zu gerne an seinen ältesten Sohn Georg weitergeben. Dieser ist aber mit Leib und Seele Ingenieur und entzieht sich immer wieder dem väterlichen Einfluss. Sein jüngerer Bruder Horst würde gerne die Fabrik leiten, konnte mit seinen Leistungen aber bisher nicht überzeugen. Die älteste Tochter Edda ist bereits verheiratet und Charly arbeitet in der Universitätsklinik Göttingen an ihrer Dissertation als Medizinerin. In dieser Zeit kommt Nachzügler Willi zur Welt, bei dem sich im Kleinkindalter zeigt, dass er sich nicht so entwickelt, wie andere Kinder.

Peter Prange stellt im ersten Teil um die Entstehungsgeschichte der Stadt Wolfsburg die Familie Ising in den Vordergrund. Die vorwiegend landwirtschaftlich geprägte Gegend um Fallersleben wurde erst durch den geplanten Bau des Automobilwerks für den Volkswagen interessant. Auf der Suche nach geeignetem Grund entschieden sich DAF-Leiter Robert Ley und Amtsleiter Bodo Lafferentz für das Gebiet im Allerursprungstal. Die Nähe zu Braunschweig und Salzgitter und mit Verbindung durch Bahn, Wasser und Straße nach Berlin und Hannover war der Standort perfekt für Europas größtes Automobilwerk. Die kleinen Dörfer nahe Fallersleben waren vor 1938 die Grundlage zur heutigen Großstadt am Mittellandkanal. Fallersleben war ebenfalls Heimat des Dichters Heinrich Hoffmann von Fallersleben, der das Deutschlandlied verfasste. Möglicherweise war das nicht relevant für die Stadtgründer, die am Reißbrett eine moderne Stadt konstruierten, die den seinerzeit vorherrschenden Gedanken umsetzte: Prachtstraßen für Paraden und ein Denkmal ähnlich der Akropolis vor den Fabrikhallen aus Backstein auf der nördlichen Seite des Kanals.

Während des Lesens kann man sich das geschäftige Treiben bildhaft vorstellen. Die Familie Ising und ihr Umfeld sind so positioniert, dass man als Leser immer auch einen direkten Blick auf das Geschehen hat. Während Hermann Ising gemeinsam mit dem Grafen von der Schulenburg von der Regierung zum Verkauf des Bodens gezwungen wurde und somit sein Lebenswerk verlor, machte sein Sohn Horst Karriere als Lagerleiter in Wolfsburg. Er bekommt die Verantwortung über die italienischen Hilfsarbeiter, die seinerzeit anreisten, um Volkswagen aufzubauen. Seine politische Gesinnung ist dabei nur schwer zu ertragen, jedoch nachvollziehbar in ihrer Entstehung.

„Das Leben heißt Leben, um was zu erleben.“

Es werden aber auch Themen wie das Gesundheitswesen und die Bildung des Rassengedankens beschrieben. Aus Sicht der betroffenen Kommunisten und Juden wird die Entwicklung deutlich. Charly hat die besten Kontakte, um Benny, einen deutschstämmigen Juden, einen Arierausweis zu beschaffen und ihn zu heiraten. Viel zu lange wähnten sie sich sicher, bevor Benny Deutschland verlassen muss. Mit diesem Thema kommt Kapitän Schröder in Erinnerung, der mit der St. Louis, einem luxuriösen Kreuzfahrtschiff, rund eintausend Juden die Ausreise nach Kuba verschaffen wollte. Die Propagandaaktion scheiterte bekanntlich. Die Ohnmacht der Menschen, sich gegen die Willkür der Partei zu schützen, wird in ihrer Grausamkeit sichtbar. Die Charaktere wurden vorher so eingehend beschrieben, dass man sie durchaus als Leute von nebenan betrachten konnte. Ihre Not macht nun auch 80 Jahre nach den fiktiven Vorfällen betroffen. Dazu sind sie so unterschiedlich in ihrer Gesinnung, dass allein durch diese eine Familie sämtliche Facetten der bürgerlichen Mittelschicht abgebildet werden. Sie wirken zwischen den historisch belegten Personen authentisch. Weitere Nebenfiguren lassen die Handlungsstränge lebensecht erscheinen und der ungewisse Ausgang ihrer Geschichten lassen auf eine Fortsetzung im zweiten Band hoffen.

Der historische Roman ist überaus lesenswert. Er behandelt die Jahre zwischen 1934 und 1939. Für mich war es eine Pflichtlektüre. Meine Großeltern hätten gut die Nachbarn der Isings sein können und mein Vater ein Kollege von Georg. Nachdem ich selber knapp 40 Jahre in Wolfsburg gelebt und meine halbe Schulzeit in Fallersleben verbracht habe, erkannte ich natürlich auch alle angesprochenen Orte. Der Roman ist fantastisch recherchiert und mit einer fesselnden Familiengeschichte verwoben. Die Veröffentlichung des zweiten Teils ist für September 2019 geplant. Darauf freue ich mich jetzt schon.

Leseprobe

Foto: Gaby Gerster

Peter Prange ist als Autor international erfolgreich. Seine Werke haben eine Gesamtauflage von über zweieinhalb Millionen erreicht und wurden in 24 Sprachen übersetzt. Mehrere Bücher, etwa sein Bestseller ›Das Bernstein-Amulett‹, wurden verfilmt. Nach seinem Erfolgsroman ›Unsere wunderbaren Jahre‹ folgt nun der große Roman in zwei Bänden, ›Eine Familie in Deutschland‹. Der Autor lebt mit seiner Frau in Tübingen. (Quelle: Fischer Verlag)


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  • Gebundene Ausgabe: 672 Seiten
  • Verlag: FISCHER Scherz
  • erchienen am 24. Oktober 2018
  • ISBN-13: 978-3651025561

Das Rezensionsexemplar wurde mir vom Fischer Verlag zur Verfügung gestellt. Vielen Dank dafür. Meine Meinung hat es nicht beeinflusst.

Bilder aus Wolfsburg in der Zeit von 1938 bis heute kann man auf der Seite von Günter Seifert betrachten.


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