Der Zerfall des Emporiums

Die kleinen Wunder von Mayfair von Robert Dinsdale

Frauen wie Cathy Wray bezeichnet man 1906 noch als „gefallenes Mädchen“. Um der Familie die Schande zu ersparen, beschließen die Eltern, sie bis zur Entbindung nach London zu bringen. Später könnte sie wieder zurückkehren. Aber Cathy hat andere Pläne. Sie verlässt heimlich das Elternhaus, nachdem sie die Zeitungsannonce für Papa Jacks Emporium gelesen hat. Wie in einer Märchenwelt fühlt sie sich in dem magischen Spielzeugladen zwischen Wolkenhäusern und Papierbäumen. Die Brüder Kasper und Emil sind fest entschlossen, Cathy bei sich zu behalten. Als der ältere Kasper im Ersten Weltkrieg nach Frankreich zieht, bekommt auch das Emporium Risse.

Robert Dinsdale lässt die weihnachtlich geschmückte Spielzeugwelt zu Beginn des 20. Jahrhunderts wiederauferstehen. Die pünktlich nach dem ersten Frost im Jahr geöffnete magische Welt ist anfangs immer gut besucht. Die Brüder haben das ganze Jahr über kleine Vögel aus Pfeifenreinigern, Patchworkhunde und Spielzeugsoldaten hergestellt und ihnen Leben eingehaucht. Jeder Charakter ist einzigartig dargestellt und eckt bei den anderen durch Eigenheiten an. Aber die beiden liefern sich auch einen steten Wettstreit. Sie lassen die Soldaten für den langen Krieg aufmarschieren und buhlen beide um die Liebe von Papa Jack und später auch um Cathy. Die Schreibweise des Autors lässt dieses Szenario farbig vor dem inneren Auge erscheinen. Das Artilleriefeuer des Krieges dröhnt zwischen den Zeilen ebenso wie man das Rasseln der Mechanik bei den Spielzeugen erahnt.

Neben dieser fiktiven Welt spielt sich aber auch das echte Leben ab. Nicht nur die Beziehungen der Figuren müssen einigen Belastungen standhalten, sondern auch das Weltgeschehen nimmt Einfluss auf das Emporium. Dinsdale flicht die Traumata der Kriegsheimkehrer des ersten Weltkriegs in die Entwicklung mit ein, genauso wie das schwindende Interesse der Kundschaft an handgemachten Spielzeugen. Fast schon philosophisch liest es sich, wenn er darüber sinniert, wie bunt in den 50er Jahren die Straßen Londons waren, sodass man keine Veranlassung mehr zum Besuch eines Spielwarenladens hat. Er macht an Kaspers Schicksal deutlich, dass es im Krieg keine Gewinner gibt. Durch Cathys Sichtweise folgt auch der Leser diesem zunehmenden Zerfall. Wie ein Außenstehender spürt er die Notwendigkeit, das Geschäft am Laufen zu halten.

Der historische Roman passt ideal in die Vorweihnachtszeit, wenn der erste Frost schon zu spüren war. Er vermittelt das Flair einer vergangenen Welt und gibt dennoch die damalige Realität wieder. Viele Dinge entstehen nur in der Erinnerung und nehmen dennoch Einfluss auf die Zukunft. Beim Lesen hilft es, wenn man sich sein eigenes kindliches Staunen bewahrt hat, um die sich bewegenden Spielzeuge als gegeben hinzunehmen. Damit wird das Buch zum Pageturner.

Leseprobe

© Kirstie Imber


Robert Dinsdale, Jahrgang 1981, wuchs in North Yorkshire auf. Er lebt mit seiner Tochter in Essex und arbeitet als Literaturagent. Wenn er sie nicht gerade zur Schule fährt, geht er am Meer spazieren, arbeitet am Computer oder besucht die örtliche Bibliothek (das kann er sehr empfehlen!). »Die kleinen Wunder von Mayfair« ist sein dritter Roman. (Quelle: Droemer Knaur Verlag)


  • Gebundene Ausgabe: 464 Seiten
  • Verlag: Knaur HC
  • erschienen am 1. Oktober 2018
  • ISBN-13: 978-3426226728
  • Originaltitel: The Toymakers

Das Rezensionsexemplar wurde mir vom Droemer-Knaur Verlag zur Verfügung gestellt. Vielen Dank dafür. Meine Meinung hat es nicht beeinflusst.


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