Die Welt im Nebel

In der Nacht hör‘ ich die Sterne von Paola Peretti

dtv hatte auf der Frankfurter Buchmesse eine Handvoll Blogger eingeladen, die italienische Autorin Paola Peretti zu treffen. In ihrem Debüt In der Nacht hör‘ ich die Sterne geht es um ein neunjähriges Mädchen, das an Morbus Stargardt erkrankt ist, wie die Autorin selbst. Wir hatten eine Stunde Zeit, uns mit ihr über alles Mögliche zu unterhalten. Die Chance habe ich natürlich genutzt.

Als erstes plauderten zuerst über die Hauptfigur des Romans und die Frage, ob man als Kind eine derartige Diagnose anders aufnimmt als ein Erwachsener es tun würde. Peretti erklärte, dass ein Kind diese komplizierte Situation allein durch die kindliche Vorstellungskraft anders verarbeiten würde und sie eventuell auch gelassener auf sich zukommen lassen wird. Wichtig seien daher auch die beiden Listen, die Mafalda führt. Sie geben ihr die nötige Kraft. Sie selber denke allerdings nicht zu viel an die Zukunft. Die Entscheidung, diesen Roman zu schreiben, sei zu dem Zeitpunkt gefallen, als sie sich entscheiden musste, die Krankheit zu akzeptieren, oder eben nicht. Was sie am meisten vermisse? Die Filme im Kino und schöne Landschaften.

Abschließend interessierte mich noch, wie man sich als Autorin den Schicksalen der Figuren distanziert. Peretti versicherte, dass man beim Schreiben Tag und Nacht mit den Charakteren lebe und dieses sehr zum Verständnis von deren Leben beiträgt. Momentan arbeite sie an ihrem zweiten Roman, der die Geschichte eines Roma-Jungen erzählt. Auch dieser Junge steht vor einer wichtigen Entscheidung, die die Lebensgewohnheiten zwischen Sesshaften und fahrenden Völkern betrifft.


Eine bewegende Geschichte

Wenn einer unserer Sinne schwächer wird, schärft es einen anderen, sagt man. Für die neunjährige Mafalda wird es in absehbarer Zeit dunkel werden. Sie leidet an Morbus Stargardt. Ihr Gesichtsfeld reduziert sich ebenso wie sie an Sehschärfe und Farbwahrnehmung verliert, je weiter die Veränderung der Makula fortschreitet. Die Stelle auf der Netzhaut, mit der wir Dinge deutlich erkennen, verformt sich, sodass ein wellenförmiges Bild erscheint. Das Mädchen beschreibt es so, dass sie die Welt wie durch einen Nebel nach dem Duschen wahrnimmt. Für den Leser hört sich das schon schockierend an. Wie muss sich ein betroffenes neunjähriges Mädchen dabei fühlen? Mafalda beweist eine enorme Stärke, die Krankheit zu akzeptieren. Hilfe bekommt sie ganz unerwartet vom Schulrüpel Filippo und der Hausmeisterin Estella.

Paola Peretti beschreibt die Veränderungen in Mafaldas Leben äußerst bildlich und einfühlsam. Die italienische Autorin lässt durch Mafalda ihre eigene Krankheits-geschichte erzählen. Sie schildert dabei, welche Gedanken und Ängste das Mädchen quälen, welche Wünsche sie hat und was sie bereit ist, aufzugeben. Die fiktive Mafalda bekommt dadurch Leben eingehaucht und man fühlt mit ihr. Auch Kleinigkeiten, die Nichtbetroffene oftmals nicht bedenken, werden so offensichtlich. Mafalda benötigt bald jemanden, der sie auf der Straße begleitet, da es sonst zu gefährlich wäre oder sie sich schlichtweg verlaufen würde. Dinge, die für andere selbstverständlich sind, stellen für die Neunjährige bald ein unüberwindbares Hindernis dar. Die Bilder ihrer Welt werden bald nur noch aus Erinnerungen bestehen.

Umgebung und Charaktere werden genauso farbig gestaltet. Die Geschichte lebt von den Gedanken, die sich Mafalda macht. Die Stimme des Kindes klingt dabei immer durch, selbst wenn sie ganz pragmatische Feststellungen über das Leben macht. Auch die Nebenfigur Estella, die ebenfalls eine große Last trägt, veranlasst den Leser zum Weiterdenken. Peretti hat die Gabe, tragische Geschichten zu erzählen, ohne dramatisch zu wirken. Man spürt beim Lesen das Schicksal der Figuren, fühlt aber, dass eben diese Dinge auch zum Leben dazugehören. Lediglich die schwindende Distanz von ehemals 140 auf nunmehr 40 Schritte erinnert daran, dass die Dunkelheit für Mafalda unweigerlich kommt. Wer den Stil von Antoine de Saint-Exupéry mag, wird auch hier begeistert sein.

Leseprobe

Im Bücherhaus könnt ihr eine weitere Meinung zum Roman lesen.


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© Mirko Fin

Paola Peretti wurde 1986 in der Nähe von Verona geboren und kann sich in ihre blinde Romanheldin Mafalda einfühlen wie kaum eine andere: Vor 15 Jahren bekam sie selbst die Diagnose Morbus Stargardt, die zu vollkommener Erblindung führt. Doch die Italienerin lässt sich davon nicht unterkriegen: Nach einem Literatur-, Philosophie- und Journalismus- Studium schreibt sie heute für diverse Tageszeitungen. ›In der Nacht hör’ ich die Sterne‹ ist ihr Romandebüt. (Quelle: dtv)


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Das Rezensionsexemplar wurde mir von der dtv Verlagsgesellschaft zur Verfügung gestellt. Vielen Dank dafür. Meine Meinung wurde dadurch nicht beeinflusst.

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