Eine Leiche im Zug

Die Schwestern von Mitford Manor – Unter Verdacht von Jessica Fellowes

Am 12. Januar 1920 wurde im Zug zwischen London und Hastings eine Frauenleiche entdeckt. Eben diesen Zug hatte kurz zuvor Louisa Cannon genommen, um ihre Stelle als Kindermädchen bei der wohlhabenden Familie Mitford anzutreten. Louisa hatte vor dem letzten Weihnachtsfest eine Bekannte getroffen, die ihr diese Stelle vermittelte. Für sie stellt diese Anstellung eine willkommene Flucht aus ihrem bisherigen Leben mit ihrer Mutter und ihrem Onkel dar. In Mitford Manor kümmert sie sich künftig um die fünf jüngeren Geschwister von Nancy. Der Mord an der Krankenschwester Florence Nightingale Shore ruft auch immer wieder Inspektor Guy Sullivan von der Eisenbahnpolizei auf den Plan.

Jessica Fellowes hat offenbar das Talent ihres Onkels Julian Fellowes geerbt, die 20-er Jahre des vergangenen Jahrhunderts nachzuerzählen. Mit der adeligen Familie Mitford, deren sechs Töchter, dem Kindermädchen und sogar dem realen Mord am Patenkind der bekannten Krankenschwester Florence Nightingale kreiert sie eine Mischung aus Gesellschaftsroman, Familiengeschichte und Kriminalfall. Der historische Roman basiert auf dem ungeklärten Mordfall, der auch für eine Schriftstellerin jede Menge Potential für Spekulationen bietet. Der Mann im braunen Anzug kann durchaus auch jemand aus dem Umfeld der Mitfords gewesen sein. Nancy und Louisa stellen dabei viel zu viele unbequeme Fragen und geraten bald selbst in Gefahr. Fellowes spielt dabei mit verschiedenen Theorien, die sie aber im Nachwort widerlegt.

Der Umstand, dass ganz in der Nähe des Familiensitzes der Mord an der Kranken-schwester Florence Nightingale Shore verübt wird, kommt dem Spannungsaufbau natürlich sehr gelegen. Die beiden Londoner Polizisten kommen bei ihren Ermittlungen bald an ihre Grenze. Die Verhöre fußen ebenfalls auf reale zeitgenössische Zeugenaussagen. Leider zieht sich der Spannungsbogen für einen unaufgeklärten Krimi nicht weit genug durch die Kapitel. Man wird vielmehr abgelenkt vom Porträt der damaligen Gesellschaft. Die beschriebenen Charaktere stellen jeweils eine Klasse dar und geben einen Eindruck der Klassengesellschaft vom durchschnittlichen Aristokraten, Arbeiter und Staatsdiener. Während die Autorin bei den Schwestern auf eine umfangreich erhaltene Korrespondenz zurückgreifen konnte, musste Louisa zum Glück nur ein fiktives Leid durch ihren Onkel ertragen. Ihre Lebensweise, gesellschaftliche Formen und auch die Umgebung von Oxforshire und London werden detailgenau ausgearbeitet. Man wandelt förmlich auf den Spuren der Mitfords. Obwohl sie niemals etwas mit dem Mordfall zu tun hatten, scheinen die Handlungsverläufe authentisch.

Der Auftakt der sechsteiligen Serie führt in das Leben im 20. Jahrhundert kurz nach dem ersten Weltkrieg ein und macht neugierig, wie es wohl mit den anderen Töchtern weitergeht. Bisher war mir nur Unity als Befürworterin des NS-Regimes bekannt. Von daher warte ich nun auf September 2019, um das gefährliche Spiel von Pamela zu verfolgen. Unter dem Aspekt Familiengeschichte funktioniert der Roman für mich auch. Die Mitfords stehen gesellschaftlich doch so hoch, dass man einen guten Überblick über die Klassen hat, jedoch auch nicht zu hoch, dass man ihnen nicht ein paar fiktive Handlungen andichten könnte.

Leseprobe

Buchtrailer

Band 2 der Serie um die legendären Mitford-Schwestern erscheint am 3. September 2019 unter dem Titel Die Schwestern von Mitford Manor – Gefährliches Spiel. Hier rückt Pamela Mitford in den Vordergrund.


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© Privat

 

Jessica Fellowes, bekannt durch ihre Begleitbücher zur weltberühmten Serie »Downton Abbey«, arbeitet als Journalistin und Referentin und war früher als stellvertretende Chefredakteurin von Country Life tätig. Sie ist die Nichte von Julian Fellowes, Schauspieler, Romanautor und Verfasser der »Downton Abbey«-Drehbücher. Jessica Fellowes lebt mit ihrer Familie, einem Labradoodle und zwei Hühnern in Oxfordsire. (Quelle: Piper-Verlag)

 


Eine weitere Meinung findet ihr in Streifis Bücherkiste.


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  • 496 Seiten, Klappenbroschur
  • Verlag: Piper
  • erschienen am 04.09.2018
  • übersetzt von Andrea Brandl
  • ISBN 978-3-86612-452-3
  • Originaltitel: The Mitford Murders
Das Rezensionsexemplar wurde mir vom Piper Verlag zur Verfügung gestellt. Vielen Dank dafür. Meine Meinung wurde dadurch nicht beeinflusst.

 

3 Gedanken zu “Eine Leiche im Zug

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