10.000 Kilometer für die Liebe

Die Hungrigen und die Satten von Timur Vermes

Timur Vermes hatte mich vor sechs Jahren bereits mit Er ist wieder da! begeistert. Seine Fiktion, was wäre, wenn Hitler 60 Jahre nach seinem Tod doch wieder auftauchen würde, sorgte nicht nur für Lacher über die bizarren Situationen, sondern regte vor allem zum Nachdenken über die rechte Gesinnung an. Je länger die Geschichte dauerte, desto weniger wusste ich, ob das noch reine Fiktion ist. Genau so ging es mir bei seinem zweiten Roman.

Das Wort Flüchtling sind immer wieder mit Substantiven wie Problem, Strom, Lager oder auch Hilfe in Verbindung gekommen. All diese Bezeichnungen greift Vermes auf und verbindet sie zu einer unglaublich fiktiven und doch vorstellbaren Geschichte. Sie wird damit zu einer Gesellschaftssatire: Überspritzt, aber der Inhalt scheint durchaus realisierbar.

Die Hauptfigur ist Nadeche Hackenbusch, die engagierte Fernsehmoderatorin der Sendung Engel im Elend. Der Programmleiter Sensenbrink ist ein alter Bekannter aus dem Hitler-Roman und geht für die Quote wieder ganz eigene Wege. Was zunächst für eine Dokumentation gedacht war, gerät Stück für Stück ins Rutschen und ist zum Schluss nicht mehr aufzuhalten. Das Casting für die Sendung verläuft noch so, wie man es sich für eine dramatische Sendung vorstellt. Die Macher werden auf einen Mann aufmerk-sam, der so tiefsinnige Sätze von sich gibt wie: „The name of the man means nothing to the lion.“ Das beeindruckt die Crew und ab sofort heißt er Lionel. Lionel wird den Engel durch die Dörfer begleiten und dabei übersetzen und erklären.

„Die sind viel zu fröhlich! Die Zuschauer wollen das Leid sehen!“

Doch Lionel will mehr. Er hat sich in den Engel verliebt und hofft auf ein besseres Leben mit ihr in Deutschland. Als die Sendung abgesetzt werden soll, will er das mit aller Macht verhindern. Zusammen mit einem wohlhabenden Schlepper organisiert er einen Flüchtlingstreck wie einst die Siedler im fernen Amerika. Wie in einem Wirtschafts-unternehmen werden Strecken begehbar gemacht, Schlafplätze aufgebaut sowie für Nahrung und Sicherheit gesorgt. Die Flüchtlinge zahlen per Handy-App für die Versorgung, sodass auch keine Beschaffungskriminalität entsteht.

Natürlich sind die Medien am Verlauf der Geschichte interessiert. Die Journalistin Astrid von Roëll schreibt exklusiv für das Magazin Evangeline. Sie verbindet Dokumentation mit den Bedürfnissen der modernen Frau und lässt Nadeche auch in teurer Designerkleidung noch wie die Frau von nebenan wirken. Je erfolgreicher das TV-Format wird, desto mehr muss auch sie für ihre Redaktion leisten. Allerdings wird bei steigender Aufmerksamkeit auch die Politik aufgeschreckt. Die Mühlen der Gesetzgebung beginnen zu mahlen und aus dem lauen Lüftchen wird zunehmend ein Orkan, der seine Opfer verlangt.

Figuren und Umgebung sind treffend beschrieben. Beim Lesen kann man sich die jeweiligen Situationen bildhaft vorstellen. Je näher der Treck der deutschen Grenze kommt, desto massiver werden die Abwehrvorschläge der Ministerien. Hier ist spätestens der Punkt erreicht, wo einem das Lachen auch im Hals stecken bleiben kann, weil einem das Vorgehen irgendwie bekannt vorkommt. Zwar ist die Handlung in einer nahen Zukunft platziert, aber gerade deswegen ist diese Fiktion so plausibel. Ein bayerischer Politiker ohne Partei, um die er sich kümmern müsste, hat dabei noch die vielversprechendsten Ideen. Ist das nicht auch Satire? So langsam sieht man in jedem Schatten ein Ungeheuer.

Hörbuch als Sahnehäubchen

Das Lesen ist schon ein besonderer Genuss. Dieser wird beim mehr als neunstündigen Anhören des Hörbuchs noch größer. Christoph Maria Herbst lässt mit seinen vielfältigen Stimmlagen jede Figur lebendig werden. Dass er den Figuren ihre eigenen Dialekte verleiht, kennen wir aus mehreren anderen Hörbüchern und erwarten es inzwischen auch. Eine Glanzleistung ist dabei das Englische Gestammel in komplett falscher Grammatik von Nadeche Hackenbusch. „Please question her again“, kommt ihm dabei so flüssig über die Lippen, als würde man es täglich mehrmals sagen.

Falls man sich fragt, ob ein so ernstes Thema überhaupt für Satire benutzt werden sollte, wird das hier mit einem klaren Ja beantwortet. Der Roman ist aufrüttelnd und weist auf Lücken im System hin, ohne dabei besserwisserisch zu wirken. Er appelliert an die Bevölkerung, Möglichkeiten zu suchen, statt nur abzulehnen oder schlimmer noch, wegzuschauen. Um diese Wirkung zu erzielen, muss man auch mal böse schreiben.

Lese- und Hörprobe


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Timur Vermes auf der #FBM18

Auf der Frankfurter Buchmesse hatte ich Gelegenheit, mit Timur Vermes über seinen Roman zu plaudern. Im

Podcast

hört ihr, was er mir dazu erzählt hat.


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© Cristopher Civitillo

Timur Vermes wurde 1967 in Nürnberg als Sohn einer Deutschen und eines Ungarn geboren. Er studierte in Erlangen Geschichte und Politik und arbeitete anschließend als Journalist und Ghostwriter. Er schrieb bis 2001 für die Abendzeitung und den Kölner Express und später für mehrere Magazine. Sein 2012 erschienener Roman Er ist wieder da ist eines der erfolgreichsten deutschen Debüts der letzten Jahrzehnte.

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© christianhartmann.com


Christoph Maria Herbst
s Titelrolle als unerträglicher Abteilungsleiter einer Versicherung in der TV-Serie Stromberg bringt dem Schauspieler seinen größten Erfolg sowie Auszeichnungen, u.a. den Bayerischen Fernsehpreis, Adolf-Grimme-Preis, Deutschen Fernsehpreis und mehrere deutsche Comedy-Preise ein. Als Ausnahme-Hörbuchsprecher blickt er bereits auf zahlreiche Produktionen zurück, die allesamt Hörbuch-Bestseller wurden.


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Das Rezensionsexemplar wurde mir vom Eichborn-Verlag zur Verfügung gestellt. Vielen Dank dafür. Meine Meinung wurde dadurch nicht beeinflusst.

2 Gedanken zu “10.000 Kilometer für die Liebe

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