Leserbriefe im Blitzkrieg

Liebe Mrs. Bird von A. J. Pearce

Emmy ist Sekretärin in einem Anwaltsbüro und träumt von einer Karriere als Kriegsberichtserstatterin. Wenn sie durch die Londoner Fleet Street geht, bewundert sie die vorbeieilenden Journalisten und wäre gerne eine von ihnen. Als sie die Anzeige im Chronicle sieht, bewirbt sie sich kurzerhand und wird eingestellt. Emmy war allerdings so aufgeregt, dass sie vergaß, Fragen zu ihrem Arbeitsplatz zu stellen oder gar dem netten Mr. Collins zuzuhören. So findet sie sich bald als Hilfskraft für die Redaktion der Leserbriefe in Woman’s Friend wieder, die von der strengen und unzugänglichen Henrietta Bird geleitet wird. Eigentlich ist Mrs. Bird bereits pensioniert, aber 1940 sind dermaßen viele Reporter im Krieg, dass die alte Dame zurückkehrt. Sie hat eine lange Liste mit Themen erstellt, die keinesfalls in den Briefen behandelt werden dürfen. Emmy berühren die Sorgen der verzweifelten Schreiberinnen, dass sie manche Briefe im Namen der Chefin beantwortet, ohne deren Zustimmung einzuholen und vor allem, ohne die Konsequenzen abschätzen zu können.

A.J. Pearce hat mich mit ihrer Geschichte um Emmeline Lake von Beginn an fasziniert. Sie hat eine junge Frau an den Herausforderungen ihrer Zeit wachsen lassen und ihr genügend gesunden Menschenverstand mitgegeben, um unter all den Kriegstrümmern den Blick aufs Wesentliche nicht zu verlieren. Emmy wohnt mit ihrer besten Freundin Bunty in London. Beide arbeiten als Freiwillige in der Telefonzentrale der Feuerwehr, wo auch Buntys Verlobter Bill tätig ist. Nacht für Nacht hören sie die Sirenen und die herannahenden Bomben, die immer öfter auch Straßenzüge zerstören, in denen das Leben der beiden stattfindet. Emmy, die ja eigentlich aus den Kriegsgebieten berichten wollte, bekommt nun eine Ahnung, was diesen Journalisten abverlangt wird. Die heile Welt von Woman’s Friend ist wie eine Zuflucht in eine bessere Zeit, bis eben wieder die Bedenken kommen, dass weitaus heiklere Probleme gelöst werden müssen. In einem dieser Momente trifft sie die Entscheidung, dass sie einer der Hilfesuchenden ein paar tröstende Worte antworten will.

Henrietta Bird stammt noch aus der Blütezeit von Königin Victoria. Sie vertritt die feste Überzeugung, dass jede britische Frau ebenfalls ihren Beitrag im Krieg zu leisten habe. Insofern ist es auch vorstellbar, dass sie eine strengere Auffassung von Tugend und Moral hat als die 22jährige Emmy. Als Frau in den Siebzigern hat sie zudem ganz andere Bedürfnisse. Diese versucht sie mit Tipps zur Lebensführung in den Antworten der Leserbriefe weiterzugeben. Worte wie Seemannsbraut und Bettjäckchen würden niemals über ihre Lippen kommen, geschweige, dass sie sich überhaupt mit einem derartigen Problem beschäftigen würde. Dass einige zwischenmenschliche Zwistigkeiten überhaupt nur dadurch entstanden sind, weil sich die Welt seit fast zwei Jahren im Krieg befindet, ignoriert sie rigoros. Die Charaktere haben feste Definitionen bekommen, ergeben aber zusammen ein Ganzes. Emmys Suche nach Möglichkeiten liest sich dabei witzig und lenkt vom traurigen Thema ab.

Auch Bunty spiegelt eine Frau ihrer Zeit. Sie ist verlobt und will demnächst heiraten. Ihre Verlobungsfeier soll im Café de Paris gefeiert werden. Mit dieser Szene baut die Autorin reale Geschichte in die Handlung ein. An diesem Abend wurde das West End so zerstört, dass Tausende ihr Leben verloren. Bunty steht nun für eine von vielen Frauen, die ihre große Liebe durch den Zweiten Weltkrieg nicht mehr leben konnten. Obwohl sie sich ganz in sich zurückzieht, fühlt man als Leser doch ihren Schmerz und kann auch ihr Verhalten nachempfinden.

Die Figuren wie auch ihre Umgebung werden farbig ausgemalt. Die Wirklichkeit von 1940 wird greifbar und man möchte sich nicht vorstellen, wie man selber agiert hätte. In den Anmerkungen der britischen Autorin erklärt sie, dass sie durch eine Zeitschrift aus dem Jahr 1939 inspiriert wurde, diesen historischen Roman zu schreiben. Sie legt den Fokus auf einen kleinen Teil der Zivilbevölkerung, die aber die Stimme der gesamten Bevölkerung spiegeln. Durch sie wird die Tragik des Krieges bewusst und gleichzeitig kann Belangloses tröstend wirken. Beim Lesen wird eben diese Beklemmung durch witzige und herzerwärmende Szenen aufgelockert. Die Quintessenz ist dabei die Freundschaft und die Fürsorge um seine Nächsten. Das Jahr ist zwar noch nicht vorbei, aber Mrs. Bird hat es bereits unter die Top 5 meiner Jahreshighlights geschafft.

Leseprobe


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© Alexander James

 


AJ Pearce
wuchs in Hampshire auf uns studierte an der University of Sussex. Sie arbeitete in Zeitschriftenverlagen und im Marketing. Heute lebt sie in Südengland. „Liebe Mrs Bird“ ist ihr erster Roman. Sie hat unzählige Kisten mit Fotos, Zeitschriften und Flyern aus der Zeit durchforstet, in der ihr Buch spielt. (Quelle: Rowohlt Verlag)

 


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  • Gebundene Ausgabe: 416 Seiten
  • Verlag: Kindler Verlag
  • erschienen am 25. September 2018
  • ISBN-13: 978-3463400976
  • Originaltitel: Dear Mrs Bird

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