Ein Jahrhundert neigt sich dem Ende zu

Zeitenwende von Carmen Korn

Der dritte und letzte Band um Henny, Käthe, Lina und Ida beginnt im März 1970 und schließt sich somit nahtlos an Zeiten des Aufbruchs an. Die Töchter einer neuen Zeit sind inzwischen im Rentenalter und eine neue Generation beginnt, das Ruder zu über–nehmen. Hennys Enkeltochter führt nicht nur die Praxis am Neuen Wall weiter, sondern bekommt auch noch eine ganz besondere Rolle zugedacht. Klaus freut sich über die Abschaffung des §175 und Florentine jettet von Paris über New York immer wieder nach Hamburg. Auch Journalistin Katja bekommt durch den Mauerfall jede Menge zu berichten. Allerdings spiegelt der Roman auch die dunkle Geschichte im Deutschen Herbst. Der damalige Terrorismus wird durch Ruth in Erinnerung gerufen und beispielhaft ein kleiner Einblick gegeben, wie unbehelligt die Anschläge in herkömm–lichen Wohngebieten geplant wurden. Die Jahrhunderttrilogie endet erwartungsgemäß mit dem Millennium.

Für diejenigen, die beide Vorgänger gelesen haben, gibt es ein Wiedersehen mit vielen Figuren. Carmen Korn hat allen einen unverwechselbaren Charakter zugeschrieben, sodass sie während des Lesens lebendig werden. Ich kann nur empfehlen, die Bücher in der chronologischen Reihenfolge zu lesen, weil man dann die Lebensgeschichten hautnah miterlebt. Man leidet mit ihnen und drückt ihnen für ihre Aufgaben die Daumen. Nach den harten Zeiten des Krieges relativiert sich die Wirtschaft und es dürfen auch wieder größere Pläne gemacht werden. Die ursprünglichen Hauptfiguren bekommen langsam ihre Wehwehchen, oder müssen sich sogar lebenserhaltenden Operationen unterziehen. Von manchen nehmen wir auch Abschied. Alles andere wäre aber auch unrealistisch, sodass man beim Lesen stellenweise recht traurig wird, weil man sich den Figuren so nahe fühlt.

Verbunden wurden diese Familiengeschichten mit dem Stadtteil Uhlenhorst in Hamburg. Auch hier wurden die Veränderungen so plastisch beschrieben, dass man sich beim Lesen wie auf einer Besichtigungstour fühlt. Gustels Pension war schon immer der Hafen für die gestrandeten Charaktere und macht auch im dritten Teil keine Ausnahme. Aber auch andere Teile der Stadt sind im Aufbau und lassen das heutige Bild erkennen. Der temporeiche Schreibstil passt ebenfalls zum Geschehen und erhöht den Lesegenuss.

Als sich die letzten Kapitel ankündigten realisierte ich erstmals, dass ich wohl nun auch Abschied von der Körnerstraße nehmen musste. Letztendlich sind es ja doch nur Romanfiguren, die nach der letzten Seite eben nur noch in meinem Kopf existieren. Sie lassen den Leser nur partiell an ihrem Leben teilhaben. Selten habe ich mich in einen geschriebenen Text so einfühlen können wie bei dieser Trilogie. Sicher lag es am überaus spannenden 20. Jahrhundert, über das ich aus den Erzählungen meiner Großeltern viel weiß und eben mit der Handlung im Buch vergleichen konnte. Mein persönliches Interesse war dadurch hoch. Vermutlich werden die Bücher aber auch ohne diesen Bezug Lesespaß bereiten. Von mir bekommen sie eine unbedingte Leseempfehlung.


Anlässlich der Veröffentlichung von Zeitenwende habe ich Carmen Korn getroffen und durfte ein paar Fragen stellen. Es war ein tolles Treffen mit einer sympathischen Autorin. Was sie über das Schreiben, die Charaktere und das nächste Projekt erzählt, hört ihr im

Podcast


Leseprobe

Am 26. Oktober kann man sich übrigens aus Zeitenwende von Carmen Korn vorlesen lassen. Organisiert wird die Lesung vom Büchereck Niendorf.


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Carmen Korn wurde 1952 in Düsseldorf als Tochter des Komponisten Heinz Korn geboren. Nach ihrer Ausbildung an der Henri-Nannen-Schule arbeitete sie als Redakteurin u.a. für den «Stern». Sie ist verheiratet und hat zwei erwachsene Kinder. (Quelle: Rowohlt Verlag)


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  • Gebundene Ausgabe: 560 Seiten
  • Verlag: Kindler Verlag
  • erschienen am 25. September 2018
  • ISBN-13: 978-3463406848

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