Drei Frauen und ein Versprechen

Zwischen uns ein ganzes Leben von Melanie Levensohn

Kurz bevor Jacobinas Vater 1982 in Montreal stirbt, bittet er sie, nach ihrer Halbschwester Judith zu suchen. Diese ist im Zweiten Weltkrieg mit ihrer Mutter in Paris geblieben, während er in seine ungarische Heimat zurückkehrte. Der jüdische Mann hat seine Familie nie mehr wiedergesehen. Jacobina ist überrascht, eine Halbschwester zu haben und zögert, die Suche zu beginnen. Sie wartet über dreißig Jahre, bis sie den Mut fasst, nach ihrer Verwandten zu suchen. Béatrice, die junge Angestellte einer Weltbank, die freiwillig soziale Dienste erledigt, hilft ihr 2006 bei der Recherche.

Melanie Levensohn erzählt in ihrem Debütroman die Geschichte einer Jüdin, die im besetzten Paris um ihre Existenz kämpft. Judith war bis zur Deutschen Besatzung Studentin an der Sorbonne und arbeitete nebenbei in der Bibliothek. Dort lernte sie Christian kennen und lieben. Er kommt aus wohlhabendem Elternhaus und schlimmer noch, sein Vater ist aktiver Antisemit. Nachdem Judiths Vater geflohen und die Mutter vor einem weiteren Übergriff durch die Nationalsozialisten Suizid beging, versteckt sie sich auf den Dachboden von Christians Elternhaus. Die Lage spitzt sich jedoch zu und in Auschwitz verliert sich die Spur der jungen Frau.

Gefühlvoll wird das Leiden und die kurzen Glücksmomente beschrieben. Die Autorin schafft es, das beklemmende Gefühl der Unterdrückung in Worte zu fassen. Wie Verschnaufpausen erscheinen die Szenen, die das Leben von Béatrice und Jacobina in Washington wiedergeben. Auf Jacobina lastet immer noch das unerfüllte Versprechen, das sie seinerzeit ihrem Vater gab und auch Béatrices Leben verläuft gerade nicht reibungslos. Sowohl im Job als auch im Privatleben bahnen sich gravierende Probleme an. Umso engagierter hilft sie bei der Suche nach Judith. Es ist kaum vorstellbar, dass es 61 Jahre nach Kriegsende immer noch Möglichkeiten gibt, vermisste Personen aufzuspüren. Auch diese aufkeimende Hoffnung und deren Ende in Resignation wird zwischen den Zeilen greifbar.

Die Figuren sind von allen Seiten farbig ausgearbeitet. Sie sind nicht frei von Klischees und manches Mal verbirgt sich eine Eigenschaft hinter anderen, die man zur Einordnung benötigt hätte. Aber auch im echten Leben kann man den Menschen immer nur bis vor die Stirn gucken und nicht in ihre Köpfe hinein. Alle drei nehmen eine wichtige Position ein, sodass keine zur Nebenfigur degradiert wird. Sämtliche Handlungen wirken dabei glaubhaft. Der geschichtliche Handlungsstrang harmoniert mit der Gegenwart und beide gleichen sich aus. Die Autorin hat die Latte für das nächste Buch sehr hoch gelegt und bekommt von mir eine unbedingte Leseempfehlung.

Leseprobe


Ein neues Land – eine neue Heimat?

Die Lektüre hat natürlich auch nachdenklich gemacht. Vor allem kam bei mir die Frage auf, welche Herausforderungen die Menschen überwunden haben, wenn sie mit wenig bis nichts in den Händen in ein neues Land kamen.

Auch heutzutage sind die verschiedensten Gründe ausschlaggebend, die Heimat zu verlassen und mehr oder weniger entfernt eine neue Existenz aufzubauen. Menschen wie Judith waren auf der Flucht vor einem grausamen Regime, das ihnen Todesangst vermittelte. Leute, die mit ihnen bis gestern noch nachbarschaftlich gelebt hatten, wurden plötzlich zum Feind. Dennoch hat es bei vielen Juden lange gedauert, bis sie alles aufgaben und ins sichere Ausland flohen. Manche verpassten den geeigneten Zeitpunkt sogar. Ich bin mir nicht einmal sicher, ob ich so mir nichts, dir nichts alles aufgeben würde, wofür ich mein ganzes Leben gearbeitet habe. Man darf ja auch die familiären Wurzeln nicht vergessen. Dennoch taten es Millionen von ihnen.

Herausforderungen an die Einwanderer

Zu allererst wird es ein Sprachproblem gegeben haben. Judith hatte bisher nur Französisch gesprochen und lernte nun in den USA Englisch. Sie sprach es hinterher akzentfrei, sodass Béatrice sie nicht als Landsmännin erkannte. Auch das ist verständlich. Judith hatte keine Familie und keine Freunde in der neuen Heimat. Wenn man dann wenigstens die Sprache spricht wie die Einheimischen, wird man nicht mehr so schnell ausgegrenzt.

Anpassen muss man sich dann aber weiterhin mit den Gepflogenheiten und in der gesellschaftlichen Ordnung. Vermutlich herrscht im neuen Land auch eine andere Mentalität, die eine Kommunikation behindern kann. Nicht nur Sprache, sondern auch Gestik können sich unterscheiden.

Vor allem bleibt aber die Frage: Wo soll ich bleiben? Eine Notunterkunft ist ja nicht für lange und außerdem muss man dringend ein Einkommen haben, damit man sich warm, satt und sauber halten kann. Je nachdem wie gastfreundlich das neue Land ist, sind das nun schon drei existentielle Probleme, die schnell gelöst werden müssen. Wenn man dann bedenkt, dass die Auswanderer eigentlich gar nicht weg wollten, …

Der Buchtrailer vermittelt ebenfalls Impressionen zum Thema.

Manuela von Lesenswertes aus dem Bücherhaus hat sich ebenfalls mit dem Thema beschäftigt.


AF_Levensohn_Melanie_Homepage__001.jpg.67403067 Als Melanie Levensohn bei ihrer Hochzeit den Familiennamen ihres Mannes annahm, wurde sie zur Namensvetterin seiner französischen Großcousine, die in Auschwitz ermordet wurde. Deren tragische Lebensgeschichte inspirierte sie zu diesem Roman. Melanie Levensohn lebt mit ihrer Familie auf einem Weingut im kalifornischen Napa Valley.
1970 wurde sie in der Nähe von Frankfurt geboren, studierte Politikwissenschaften und Literatur in Frankreich und Chile und arbeitete später als Pressereferentin für die Weltgesundheitsorganisation in Genf und bei der Weltbank in Washington D.C. (Quelle: Fischer-Verlag)


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  • Broschiert: 416 Seiten
  • Verlag: FISCHER Taschenbuch
  • erschienen am 22. August 2018
  • ISBN-13: 978-3596702718

 

Das Rezensionsexemplar wurde mir vom Fischer-Verlag über die Agentur Mainwunder zur Verfügung gestellt. Vielen Dank dafür. Meine Meinung wurde dadurch nicht beeinflusst.

 

 

 

2 Gedanken zu “Drei Frauen und ein Versprechen

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