Karl Marx über die Schulter geschaut

Revolution im Herzen von Claudia und Nadja Beinert

Helena Demuths Familie hat es nach dem Tod des Vaters nicht leicht. Im Saarländischen Sankt Wendel haben sie kaum genug, um zu überleben. Daher beschließt die damals Neunjährige, sich in Trier eine Anstellung als Dienstmädchen zu suchen, um ihre Familie mit dem Geld zu unterstützen. Bevor sie auch nur das allererste Vorstellungsgespräch hat, kommt es zu einem Vorfall mit einem wilden Hund, der die Kinder des Regierungsrats von Westphalen bedroht. Mutig geht Lenchen dazwischen und darf bleiben. Fortan führt sie bei der Familie den Haushalt und begleitet die Tochter Jenny auch nach deren Heirat. Ihr Gatte ist auch Lehnchen kein Unbekannter. Seit Jahren schon besucht der dunkle Karl die Familie. Bisher war er ihr immer unheimlich. Doch nach und nach nähern sich die beiden an und entwickeln sogar Zuneigung. Im Londoner Exil kommt es sogar so weit, dass sie ein Kind von ihm empfängt. Nicht nur die Freundschaft zu ihrer Dienstherrin bekommt Risse, sondern vor allem wird dem Ansehen der Familie im viktorianischen England geschadet.

Die Zwillinge Claudia und Nadja Beinert haben auch in ihrem fünften Roman einen starken Frauencharakter ausgesucht, um den sich ein Teil Deutscher Geschichte rankt. In diesem Fall geht es um Helena Demuth, dem Dienstmädchen von Karl Marx. Aus ihrer Sicht wird der vehemente Verfechter der klassenlosen Gesellschaft dargestellt, kombiniert mit seinem Alltag in der Familie. Rund ein Vierteljahrhundert folgt der Leser dem Revolutionär von Trier über Paris und Brüssel nach London. Durch seine aufrührerischen Schriften war Marx als Journalist oft ohne Aufträge. Gemeinsam mit seinem Freund Friedrich Engels erarbeitete er das Kommunistische Manifest (Quelle: Focus.de), das später in China, der Sowjetunion und der DDR die politische Grundlage bildete. Aber dieser Roman behandelt dieses Schaffen nicht vordergründig. Vielmehr vermittelt er einen Einblick in das Privatleben der Familie.

Helena, genannt Lenchen, diente ihr ganzes Leben der Familie von Westphalen. Zunächst den Eltern und nach der Heirat Jenny. Ihren Mut beweist sie direkt beim Kennenlernen, aber sie ist auch entschlossen und steht mit beiden Beinen fest im Leben. Sie lernt Lesen und Schreiben und Karl entdeckt bald ihre strategische Überlegenheit im Schachspiel. Sie war mehr ein Familienmitglied als ein Dienstmädchen. Zu den Kindern hatte sie ein liebevolles Verhältnis und auch zu Jenny entwickelte sich ein tiefes Vertrauensverhältnis. Der Roman stützt sich dabei auf eine akribische Recherche des Lebensweges und schildert die Lebenssituation detailgetreu. Während der Jahre zwischen 1829 und 1855 erlebte sie sowohl den unglaublichen Reichtum in den Herrschaftshäusern als auch die bittere Armut im Londoner Stadtteil Soho.

Wie schon im letzten Buch über die Mutter Martin Luthers ist auch hier die Perspektive außergewöhnlich. Lenchen erzählt, wie sie das Leben neben dem Revolutionär wahrnimmt, ohne selbst politische Äußerungen zu machen. Damit gibt sie dem historischen Charakter Leben und der Handlung Spannung. Fiktive Figuren werden nur eingestreut, wenn es nötig ist, um ein abgerundetes Gesamtbild zu bekommen. Zeitliche Anpassungen werden im Nachwort ausführlich erklärt. Ein Personenregister und ein Glossar runden das Geschriebene ab. Den Roman empfehle ich uneingeschränkt weiter.

Leseprobe


VY4A5940neu-web

© Ritchy Stock


Dr. Claudia Beinert
, Jahrgang 1978, ist genauso wie ihre Zwillingsschwester Nadja in Staßfurt geboren und aufgewachsen. Claudia studierte Internationales Management in Magdeburg, arbeitete lange Zeit in der Unternehmensberatung und hatte eine Professur für Finanzmanagement inne. Sie lebt und schreibt in Erfurt und Würzburg.

Nadja Beinert studierte ebenfalls Internationales Management und ist seit mehreren Jahren in der Filmbranche tätig. Die jüngere der Zwillingsschwestern ist in Erfurt zu Hause. (Quelle: Droemer-Knaur Verlag)


#Anzeige#

Gebundene Ausgabe: 480 Seiten
Verlag: Knaur HC
erschienen am 3. April 2018
ISBN-13: 978-3426654330

Das Rezensionsexemplar wurde mir vom Droemer-Knaur-Verlag zur Verfügung gestellt. Vielen Dank dafür. Meine Meinung wurde dadurch nicht beeinflusst.

 

 

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.