Wie rezensiere ich einen historischen Roman?

Die Romananalyse

Um anderen einen gelesenen Roman näher zu bringen, sollte man bestimmte Aspekte beschreiben. Bei historischen Romanen ist das nicht anders als bei einer fiktiven Handlung in der Gegenwart. Allerdings muss man hier mehr auf die geschichtlichen Details eingehen. Hauptsächlich geht es um die Analyse der Figuren, des Inhalts, des Stils und der Erzählweise.

Um die vier Punkte genauer zu untersuchen, dienen euch die folgenden Fragen als Hilfestellung. Solltet ihr mit euren Rezensionen nicht zufrieden sein, prüft sie einfach dahingehend. Vielleicht kann man ja noch etwas ergänzen? Die Abschnitte bedeuten keineswegs, dass man dazu einen eigenen Absatz schreiben, oder gar alle Punkte abarbeiten muss. Manche Texte beinhalten gar nicht alles, was man sich fragen könnte. Von daher schreibt einfach auf, was euch wichtig erscheint und bringt das in eine Reihenfolge.

  1. Figurenanalyse
  • Sind die Figuren erfunden (fiktiv) oder haben sie Züge eines realen Menschen?
    Wird die Figur als literarisches Porträt gezeichnet?
  • Wie groß ist das Gefälle zwischen Haupt- und Nebenfiguren in einem Gesellschaftsroman?
  • Ist der Querschnitt der sozialen Schichten gelungen?
  • Ist Tiefe und Plastizität bei den Figuren gegeben?
  • Ist die Figurensoziologie nachvollziehbar?
  • Wie stark ist die Sympathielenkung spürbar?
  • Wie ist die Kompositionsstruktur der Hauptfiguren zueinander?
  • Besteht eine Identifikation des Lesers mit den Figuren?

 

  1. Inhaltsanalyse
  • Welche Themen greift der Text auf?
  • Gibt es ein Haupt- und ein Nebenthema?
  • Welche Schwerpunkte werden behandelt?
  • Welchen Bezug zur Historie / Konstellation hat die Handlung?
  • Gibt es handelnde und reflektierende Figuren?
  • Ist die Zeitkonzeption anachronisch oder gibt sie Rätsel auf?
  • Sind die Motive oder der Plot kaufentscheidend?
  • Gibt es Kohärenzstörungen?
  • Sind die Schauplätze realistisch oder phantastisch dargestellt?
  • Wie ist das Erzähltempo der Haupt- und Nebenhandlungen?

 

  1. Stilistische Analyse
  • Für wen wurde der Roman geschrieben?
  • Wie ist die Wortstilistik?
  • Wurde metaphorisch oder mit Dialekten Lokalkolorit erzeugt?
  • Wie ist die Satzstilistik?
  • Wie ist die Lesbarkeit des Textes?
  • Wie hoch ist die Verständlichkeit?
  • Wird die Epoche authentisch wiedergegeben?
  • Wie ist die literarische Wertung?
  • Beinhaltet das Geschriebene eine Selbstreflexion der Figuren?
  • Wird eine Meinung mitgeteilt?
  • Wie wurde das Buch übersetzt

 

  1. Narrativik
  • Wie wird der Text wiedergegeben?
  • Ist es ein Ich-Erzähler? Eine Ich-Figur?
  • Hat der Text eine unbewusste Wirkung/Wahrnehmung?
  • Besteht die gesamte Handlung auf Fiktion, oder beruht sie auf wahren Begebenheiten?
  • Welche Weltanschauung wird verdeutlicht?
  • Ist die Perspektive eine Innen- oder Außenansicht

 

Die Fragen sollen helfen, das Wesentliche aus dem gelesenen Text zu beschreiben. Je mehr ihr beantworten könnt, desto ausführlicher wird die Rezension und andere können sich eine Meinung bilden. Auch die eigene Haltung zum Text kann hinterfragt werden, wenn man die Antworten im Gesamten betrachtet.

Manche Punkte, die euch gar nicht gefallen haben, sind vielleicht bei einem anderen Leser kaufentscheidend. Von daher ist es zwar gut, eine Meinung zu haben, aber die Bewertung möglichst ausgeglichen zu schreiben.

Das Wichtigste am Rezensieren ist, dass man es tut. Es muss ja nicht gleich eine seitenlange Abhandlung zu einer geschichtlichen Epoche sein. Traut euch, eure Meinung über ein Buch auch kurz gefasst zu veröffentlichen. Wer keinen eigenen Blog hat, probiert sich auf einer der vielen Buchplattformen aus.
Viel Spaß beim Lesen und rezensieren.

Möchtet ihr euch den Text nochmal vorlesen lassen?

 

2 Gedanken zu “Wie rezensiere ich einen historischen Roman?

  1. Mikka Liest schreibt:

    Hallo,

    Ich muss gestehen, ich habe bisher nie darüber nachgedacht, ob ich historische Bücher anders rezensiere als andere Bücher! Aber du sprichst interessante Punkte an.

    Was verstehst du unter Kohärenzstörung – Abweichungen im Zeitablauf des Buches im Vergleich zum tatsächlichen Zeitablauf und Ähnliches?

    Ich habe ein Template für Rezensionen, aber da sind die Rezensionskriterien sehr allgemein gehalten, wie „Spannungsbogen“ oder „Logik/Schlüssigkeit“. Früher habe ich die mehr oder weniger Punkt für Punkt abgearbeitet, inzwischen schreibe ich eher frei und schaue dann im Nachhinein, ob ich zu allen Punkten etwas gesagt habe.

    Ich habe diesen Beitrag HIER für meine Kreuzfahrt durchs Meer der Buchblogs verlinkt.

    LG,
    Mikka

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    • frauGoetheliest schreibt:

      Hallo Mikka,
      erstmal vielen Dank fürs Verlinken. Ich muss gestehen, dass ich diesen Artikel ursprünglich als Teil einer Hausaufgabe für mein Fernstudium als Texter&Konzeptioner geschrieben habe. Ansonsten achte ich ja immer darauf, dass eine verständliche Sprache verwendet wird.

      Kohärenzstörungen sind Störungen im logischen Ablauf oder unerklärbare Handlungen, die vorher nicht eingeleitet wurden und das Gesamtbild stören. Wenn der Protagonist z. B. gerade in sein Haus hinein gegangen ist und in der nächsten Szene aus dem Nachbarhaus wieder herauskommt, wäre das unlogisch oder eine Kohärenzstörung. Im historischen Roman kann das auch die zu moderne Sprache sein. Alles, was man eigentlich erwarten würde, aber dann so nicht passiert, nennt man Inkohärenz. Weniger sind da Zeitraffungen gemeint, die der Dramaturgie geschuldet sind. Wenn historisch einfach die nächsten 20 Jahre nichts passiert ist, wären Längen in der Handlung ja vorprogrammiert.

      Liebe Grüße zurück

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