Ist das Happy End immer rosarot?

Wir sehen uns beim Happy End von Charlotte Lucas

Ella würde ihr Leben gerne wie im Märchen verbringen. Auf ihrem Blog Happy Endings schreibt sie traurige Ausgänge von Geschichten und Filmen kurzerhand um. Niemand wird vom Wolf gefressen und die Titanic sinkt auch nicht. Aber gerade diese zuckersüßen Darstellungen erträgt ihr Verlobter Philip nicht mehr. Der potentielle Traumprinz tröstet sich mit einer anderen. Jetzt ist Ella als gelernte Hauswirtschafterin nicht nur Single, sondern auch ohne Job und Dach über dem Kopf. Verzweifelter scheint nur Oscar zu sein. Doch bevor Ella auch ihm ein Happy End aufdrücken kann, springt er in die Elbe und leidet danach an einem Gedächtnisverlust. Ella hat erneut die Chance, gute Fee zu spielen.

Charlotte Lucas hat in ihrem zweiten Roman zwei komplexe Charaktere kreiert. Obwohl beide nach außen hin unauffällig sind, leiden ihre Seelen. Beide haben ein Vorleben, das sie traumatisiert hat. Während Ella versucht, den Schmerz mit watteweichen Wölkchen zu kaschieren, weist Oscars Messiewohnung beim ersten Blick auf das Chaos hin. Ella kann hier nicht aus ihrer Haut und versucht, ihm ein glückliches Leben zu zeichnen. Da das Thema Amnesie allerdings so ernst ist, habe ich immer gehofft, dass kein Leser jemals auf diese Möglichkeit zurückgreift. Beide Figuren lassen den Leser nah an sich herankommen. Trotz der auf der einen Seite nervigen und auf der anderen Seite sperrigen Art, kann man Empathie aufbringen.

Die Handlung ist teilweise sehr authentisch, teilweise unglaubwürdig. Auf jeden Fall ist ihre Zusammenführung schräg. Derartiges gefällt mir ja immer. Am Schreibstil ist ebenfalls nichts auszusetzen. Die Autorin mit den vielen Pseudonymen versteht ihr Handwerk und wechselt zwischen temporeichen und ruhigen Passagen ab. Witzige Dialoge runden diese ab. Allerdings hätte ich mir gewünscht, wenn man ein bisschen schneller ans Ziel gekommen wäre. Eine dritte Drehung auf der Stelle war hier nicht nötig und birgt die Gefahr, dass man die Aufmerksamkeit schweifen lässt. Dabei geben die Themen wirklich viel her. Auch nach der letzten Seite lassen die Schicksale der beiden einen nicht los.

Wir sehen uns beim Happy End ist nicht nur ein Buch für Zwischendurch. Man sollte ihm Zeit zum Wirken lassen. Sowohl Ella als auch Oscar stehen für einen eigenen Lebensstil, der viele Möglichkeiten offen hält. Wie ein gefüllter Drops entfaltet die Geschichte ihren eigentlichen Geschmack erst am Ende.

Leseprobe

Trailer


Wiebke Lorenz

© Bertold Fabricius/pressebild.de

Charlotte Lucas ist das Pseudonym von Wiebke Lorenz. Geboren und aufgewachsen in Düsseldorf, studierte sie in Trier Germanistik, Anglistik und Medienwissenschaft und lebt heute in Hamburg. Gemeinsam mit ihrer Schwester schreibt sie unter dem Pseudonym Anne Hertz Bestseller mit Millionenauflage. Auch ihre Psychothriller „Allerliebste Schwester“, „Alles muss versteckt sein“ und „Bald ruhest du auch“ sind bei Kritik und Publikum höchst erfolgreich. Mit „Dein perfektes Jahr“ begibt sie sich auf die Suche nach den Antworten auf die großen und kleinen Fragen des Lebens. (Quelle: Bastei Lübbe)

Gebundene Ausgabe: 560 Seiten
Verlag: Bastei Lübbe (Lübbe Hardcover)
erschienen am 24. November 2017
ISBN-13: 978-3785725993

Ein Gedanke zu “Ist das Happy End immer rosarot?

  1. Kerstin schreibt:

    Und schon wieder ein Buch, das wir beide gelesen haben. Wobei ich es in diesem Fall gehört habe. Ich fand es ganz spannend und habe bei dem Titel keine so tiefgründige Geschichte erwartet.
    LG Kerstin

    Gefällt mir

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