Außergewöhnliche Freundschaften 

How I Met Your Grandfather von Juliane Sophie Kayser

Warum es sinnvoll sein kann, Hackenschuhe zu tragen

Cover und Titel des Hörbuchs von Juliane Sophie Kayser erinnern ein bisschen an eine humorvolle Sitcom, in der es in Episoden darum geht, wie jemand seine Frau kennengelernt habe. Was Hackenschuhe mit dem Großvater zu tun hat, will sich auch nicht auf den ersten Blick erschließen. Genau hier beeindruckt die Erzählung schon das erste Mal. Sie ist keineswegs die witzige Unterhaltung, die ich erwarte, sondern eine empfindsam erzählte Lebensgeschichte von Kindern aus dem Holocaust.

Die erste der beiden Geschichten beginnt damit, dass eine Tochter gerne Hackenschuhe kaufen möchte und ihre Mutter Einwände erhebt. Diese erinnert sich dann an ein Erlebnis, wo sie hochhackige Stiefel trug. Damit begann ihre Freundschaft mit dem Hauptakteur eines Films, dessen Lebensgeschichte die weitere Geschichte trägt. Fred Raymes musste als Kind vor dem Holocaust aus Hoffenheim fliehen. Bei der Premiere seines Films lernt die Autorin ihn ob des Hacken-Faux-pas kennen. Es folgen weitere Gespräche in Heidelberg und Florida, bis sie eine einzigartige Freundschaft verbindet.

Nach rund einer halben Stunde hören wir uns bei der zweiten Erzählung in die Erlebnisse einer Jüdin ein, die in Schattwasser, nahe ihre geschürten Ängste vor feuchtem Mauerwerk schildert. Auch sie war eine Flüchtende vor dem Holocaust, hat aber eine ganz andere Sicht auf das Erlebte als die Brüder aus dem ersten Teil. Gelesen wird diese emotional aufwühlende Prosa von Tessa Mittelstaedt.

Beide Erzählungen geben Einblick in Lebensläufe, die sich im Zweiten Weltkrieg zugetragen haben. Das Erlebte wirkte sich prägend auf die Zukunft der Charaktere aus. Gemeinsam hatten sie, dass sie mit diesem Gefühlsballast weiterleben mussten. In Abständen werden kurze Sequenzen klassischer Musik eingespielt. Die Pianistin Zhana Minasyan sorgt hier für eine unverkennbare Stimmung, die zugleich nachhallend zum Gehörten wirkt. Autorin, Sprecherin und Musikerin schaffen damit eine ansprechende Erinnerung an eine vergangene Zeitgeschichte.

Hörbuch entfaltet Potential

Das Hörbuch entfaltet sich erst nach dem zweiten oder gar dritten Hören. So viele Themen werden angeschnitten, dass man sie nur in kleinen Schritten verarbeiten kann. Die persönlichen Erlebnisse stehen im Vordergrund, aber es drängeln sich auch ethische und religiöse Fragen in den Vordergrund, ebenso wie das Nachdenken über Freundschaft. Beide Sprecherinnen modellieren mit ihrer Stimme die jeweiligen Szenen und starten dabei das Kopfkino beim Hörer.

Der Duden definiert den Begriff Freundschaft als ein auf gegenseitiger Zuneigung beruhendes Verhältnis von Menschen zueinander. Alter, Herkunft, räumliche Distanz und Kultur scheinen also keine Rolle zu spielen. Oft findet man seine Freunde jedoch unter Gleichgesinnten beim Sport, im Kollegenkreis, in Schule oder Studium oder sogar schon im Sandkasten. Manche begleiten einen nur durch einen Lebensabschnitt, andere ein ganzes Leben. Fragen, was man bereit zu geben sei oder wie viel Leid eine Freundschaft aushalten müsse, stellen sich oft gar nicht. Allen gemein ist, dass man Vertrauen schafft und eine enge Verbindung spürt. Eben das wird auch in der Erzählung über Fred Raymes deutlich. Die Autorin schätzt den deutlich Älteren und tauscht sich mit ihm aus. Sie überquert nur für einen einzigen Tag einen Ozean, weil er ihr wichtig ist. Diese unausgesprochenen Botschaften werten das kurze Hörbuch ebenfalls auf. Mir hat die Lesung gut gefallen und ich empfehle sie jedem Geschichtsinteressierten weiter.


Das Hörbuch habe ich im Rahmen einer Blogtour der Agentur mainwunder gehört und besprochen. Vielen Dank an alle, die diese Woche so außergewöhnlich gemacht haben.

Die Tour hat folgende Stationen:


 

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Foto: Gudrun-Holde Ortner, Heidelberg

 

 

Mehr über die Juliane Sophie Kayser erfahrt ihr auf ihrer Homepage und in diesem Flyer.

Ein ausführlicher Bericht über die Veranstaltung in Wiesloch lest ihr in der Badischen Zeitung. Dort bekommen die Protagonisten auch ein Gesicht.

Die Hörprobe gibt einen ersten Eindruck der gesamten Ausgabe.

  • Sprecher: Juliane Sophie Kayser, Tessa Mittelstaedt
  • 54 Min.
  • ungekürztes Hörbuch
Zwei moderne Erzählungen: eine über eine außergewöhnliche Freundschaft, die durch einen verrückten Zufall zustande kam. Die andere fällt in die Gattung historischer Prosa und spielt Ende der 60er Jahre in New York. Die Pianistin Zhana Minasyan spielt dazu Klavierstücke von Mompou, Chopin und Debussy.
Bei Kerstins Kartenwerkstatt könnt ihr übrigens auch eine schöne Geschichte über Freundschaft lesen.

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